Dekarbonisierung der Prozesswärme : Der vergessene Teil der Wärmewende

Erik Pfeifer
Erik Pfeifer, DIHK-Referatsleiter Betrieblicher Klimaschutz Foto: DIHK / Marko Priske

Prozesswärme verursacht rund zwei Drittel der CO2-Emissionen der Industrie – und bleibt dennoch der blinde Fleck der Wärmewende. Nun startet die Bundesregierung einen Stakeholder-Dialog, der über die Zukunft des Industriestandorts mitentscheidet. Aus Sicht von Erik Pfeifer, Referatsleiter bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer, müssen dabei vor allem drei Herausforderungen in den Blick genommen werden.

von Erik Pfeifer, DIHK

veröffentlicht am

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Seit Jahren ist die Wärmewende in aller Munde: Der „Heizhammer“ zierte die Titelseiten, die Angst vor dem Zwangs-Heizungstausch ging um. Kaum in Kraft getreten, schnürte die neue Bundesregierung das sogenannte Heizungsgesetz wieder auf und beschloss neue Regelungen. In einem Punkt sind sich jedoch alle Seiten einig: Über kurz oder lang müssen fossile Energieträger im Heizungskeller durch klimafreundliche Alternativen ersetzt werden. Eine Mammutaufgabe, denn die Raumwärme macht rund die Hälfte des Wärmeverbrauchs in Deutschland aus.

Aber was ist eigentlich mit der anderen Hälfte? Für eine echte Wärmewende muss der Blick über die privaten Heizungskeller hinaus gehen. Denn ein Großteil dieser anderen Hälfte unseres Wärmeverbrauchs stammt aus der Industrie. Dort braucht es Wärme zum Erhitzen, Trocknen oder Schmelzen von Materialien. Ohne Prozesswärme kann quasi kein Produkt hergestellt werden. Sie ist damit essenzieller Produktionsfaktor der Industrie – mit einem Anteil von rund zwei Dritteln der industriellen CO2-Emissionen aber auch einer ihrer größten Treibhausgasemittenten. Denn Prozesswärme wird noch immer überwiegend mit Gas, Öl und Kohle erzeugt.

Es gibt keine Lösung von der Stange

Doch während über private Heizkessel erbittert gestritten wird und die Transformation der Stromversorgung in den vergangenen Jahren intensiv vorangetrieben wurde, fristete die industrielle Prozesswärme in der politischen Debatte ein Nischendasein. Selbst im Koalitionsvertrag kommt der Begriff auf 100 Seiten kein einziges Mal vor. Umso positiver ist, dass die Bundesregierung das Thema nun mit einem Stakeholder-Dialog Prozesswärme endlich angeht. Gemeinsam mit der Wirtschaft sollen tragfähige Lösungen für die Wärmewende in der Industrie gefunden werden. Dabei stehen die Beteiligten vor allem vor drei Herausforderungen.

Die erste ist die Heterogenität der Wärmeanwendungen. Für die Prozesswärme gibt es daher keine Lösung von der Stange. Zu verschieden sind die Rahmenbedingungen für die Produktionsprozesse der einzelnen Industrien. Das betrifft die eingesetzten Energieträger genauso wie Größe und Betrieb des Ofens und die benötigten Temperaturen. So reichen die Anforderungen von niedrigen Temperaturen von unter 100 Grad Celsius (°C), häufig in Form von Warmwasser und Dampf, bis zu direktbefeuerten Hochtemperaturanwendungen mit zum Teil deutlich über 1.500 °C, zum Beispiel in der Glas- oder Metallindustrie. Diese Heterogenität erfordert auch ein breites Spektrum an Einsatztechnologien – vor allem auch mit Blick auf prozessbedingte Anforderungen. Denn nicht jeder Prozess ist mit jedem Energieträger möglich.

Die zweite Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit klimafreundlicher Alternativen. Die Transformation der Industrie wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Umstellung der Prozesswärme auf eine CO2-neutrale Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich ist. Nach dem Debakel mit dem ersten Heizungsgesetz, bei dem sich viele Hauseigentümer vor einem nicht zu stemmenden Kostenberg sahen, muss die Politik es bei der Prozesswärme besser machen. Die Betriebe dürfen durch die Umstellung nicht wirtschaftlich überfordert werden. Nur so bleibt der Industriestandort Deutschland attraktiv. Dabei kommt es nicht nur auf die Investitionskosten, sondern aufgrund der langen Lebensdauer von Industrieöfen und Wärmeerzeugern mindestens genauso sehr auf die Betriebskosten an. Strom, Wasserstoff oder sonstige Alternativen müssen in ausreichenden Mengen verfügbar und bezahlbar sein. Auch mit Blick auf Netzentgeltregelungen und weiteren regulatorische Rahmenbedingungen brauchen die Unternehmen Planungssicherheit.

Wirtschaftsexpertise früh einbeziehen

Hinzu kommt eine dritte Herausforderung: Die bedarfsgerechte Verfügbarkeit von Infrastrukturen. Wer umfassende Investitionen in zentralen Bereichen seines Unternehmens tätigen will, ist auf den Zugang zu Stromnetzen, alternativen gasförmigen Energieträgern wie zum Beispiel Wasserstoff oder die Anbindung an eine CO2-Infrastruktur angewiesen. Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass notwendige Infrastrukturen vorhanden sind, Netzbetreiber Anschlüsse zügig zur Verfügung stellen und verlässliche Informationen zu deren Aus- und Umbau rechtzeitig transparent gemacht werden. Gerade im Bereich der Infrastrukturkosten und der Kosten für Netzanschlüsse wird es ohne staatliche Hilfe in vielen Fällen nicht gehen.

Die Dekarbonisierung der Prozesswärme ist eine Operation am offenen Herzen der deutschen Volkswirtschaft. Schließlich beruht der deutsche Wohlstand wesentlich auf Produkten made in Germany. Die Tragweite eines Scheiterns kann also gar nicht überschätzt werden. Schon heute verbessern Unternehmen ihre Energieeffizienz, nutzen Abwärme, setzen auf eigene Energieerzeugung und transformieren, wo möglich und sinnvoll, ihre Prozesse. Nun gilt es, praktikable und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die nächste Evolutionsstufe der betrieblichen Transformation zu finden. Der Stakeholder-Dialog bietet die Chance, die notwendige Expertise aus der Wirtschaft frühzeitig einzubeziehen. Denn praxistaugliche Lösungen können nur im engen Schulterschluss mit den betroffenen Unternehmen gefunden werden.

Erik Pfeifer ist bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer Referatsleiter für betrieblichen Klimaschutz.

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