Wärmewende : Kommunen dürfen bei der Wärmeplanung nicht würfeln

Ronald Scholz
Ronald Scholz, Geschäftsführer Edgar (FI Freiberg Institut) Foto: FI Freiberg Institut GmbH

Tausende Gemeinden haben ihre kommunale Wärmeplanung gerade beendet. Welche Technologie-Optionen darin in 20 Jahren noch wirtschaftlich sinnvoll sind, weiß kaum jemand. Ronald Scholz erklärt, warum viele KWPs kaum umsetzbar sind und was der Gesetzgeber bis Jahresende ändern sollte.

von Ronald Scholz, Edgar (FI Freiberg Institut)

veröffentlicht am

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Für viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ist die eigene kommunale Wärmeplanung (KWP) gerade fertig geworden, mit einem mulmigen Gefühl im Nachgang. Die Frist ist eingehalten, das Dokument liegt vor. Doch die erarbeiteten Wärmelösungen kommen nur schwer in die Umsetzung. Das zentrale Problem ist die Frage, welche Technologie sich auch in zwanzig Jahren noch rechnet.

Bis zum 8. Juli 2026 mussten alle Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern ihre KWP abschließen. Die meisten haben die Frist eingehalten. Geprüft ist damit noch wenig, denn viele Pläne fokussieren die Potenziale, scheitern jedoch dabei, verschiedene Erschließungsvarianten technisch-wirtschaftlich gegeneinander abzuwägen. Das gilt nicht nur für Kommunen, sondern genauso für Quartiere, Industriebetriebe und große Wärmenetze.

Auch dort werden Investitionsentscheidungen oft ohne einen vollständigen Variantenvergleich getroffen, obwohl die finanziellen Auswirkungen signifikant hoch sind: Was passiert, wenn der Wärmebedarf stärker sinkt als angenommen? Was, wenn sich Energiepreise oder die CO2-Bepreisung anders entwickeln? Diese Fragen sind der Kern für eine Planung, die für die nächsten Jahrzehnte gemacht werden soll.

Eine Potenzialanalyse ist keine wirtschaftlich sinnvolle Planung

Die Novelle des Wärmeplanungsgesetzes (WPG), die der Bundestag derzeit berät, erleichtert Kommunen die Datenerhebung. Statt mühsam Schornsteinfegerdaten zu sammeln, dürfen sie künftig auf statistische Gebäudedaten zurückgreifen. Ebenso wurden Anforderungen an die Ermittlung der Energiepotenziale vor Ort vereinfacht. Das ist ein praktischer Fortschritt, aber nur eine Seite der Medaille.

Bund und Länder sollten verbindlich festlegen, was eine vollständige Wärmeplanung leisten muss. Konkret heißt das: Für jede Gemeinde und jedes Quartier müssen sowohl günstige als auch ungünstige Szenarien durchgerechnet werden, damit die nächsten Umsetzungsschritte zur Wärmewende auf einer soliden Grundlage folgen können.

Der Gesetzgeber sollte jetzt nachbessern, bevor die Kommunen ihre Wärmeplanung nur mit einer Potenzialeinschätzung abschließen. Innovative Software, um die technisch-wirtschaftliche Nutzung der erkannten Potenziale zu bewerten, gibt es längst. Sie berechnet tausende Kombinationen aus Technologien, Speichern, Lastprofilen und Kosten; nicht durch KI, sondern mathematisch exakt.

Kleine Kommunen dürfen nicht zurückfallen

Im Gegensatz zu großen Städten, haben kleine Kommunen in der Regel keine eigenen Strukturen und Stellen für Klimaschutz und Energiewende. Dabei sind gerade ländliche Gebiete häufig potenzialreicher als urbane Zentren, weil Umwelt- und Abwärme dort einfacher und kostengünstiger erschlossen werden kann. Die Ausgangslage ist also gut, aber es fehlt an Ressourcen und Tools, um sie technisch und wirtschaftlich zu bewerten.

Kommunen, die ihre Wärmeplanung heute professionell simulieren lassen, werden dabei regelmäßig überrascht. Ihre erste Einschätzung und die tatsächlich wirtschaftlichste Lösung liegen häufig weit auseinander. Klimaneutrale Wärmeversorgung rechnet sich durch die Nutzung von Umwelt- und Abwärme oft bereits ohne Fördermittel. Die Politik sollte deshalb gezielt fördern, dass kleine Kommunen auf professionelle Planungssoftware und externe Beratung zugreifen können, um den Personalmangel auszugleichen.

Technologieoffenheit braucht eine Rechenpflicht

Zum 1. November 2026 fällt mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) die 65-Prozent-Regel. Betreiber können dann wieder freier wählen, welche Heiztechnologie sie einsetzen. In der Praxis ist das riskant, weil diese Entscheidungen zehn bis 20 Jahre lang Bestand haben. Wer dabei keine objektiven technisch-wirtschaftlichen Vergleiche vorliegen hat, entscheidet nach Bauchgefühl oder gar nicht, und beides ist kontraproduktiv.

Das gilt für die Wahl zwischen Wärmenetz, Fernwärme, Erdgas oder Biomasse genauso wie für die Frage, welche Option an einem bestimmten Standort überhaupt sinnvoll ist. Wer ein geeignetes Potenzial übersieht, kann das später nur schwer korrigieren, oft erst nach Jahren, wenn Fördergelder längst gebunden sind. Wärmekonzepte werden zunehmend hybrid und komplex, was sie schwerer vergleichbar macht. Gerade deshalb braucht es die vollständige Berechnung verschiedener Varianten, um die beste Lösung für den jeweiligen Standort zu finden.

Der Wärmemarkt ist regional sehr unterschiedlich. Teure Fehlentscheidungen landen am Ende bei den Bürgerinnen und Bürgern, in Form unnötig hoher Nebenkosten. Die Wärmewende findet nicht nur in den Großstädten statt. Kleine Kommunen haben oft bessere Voraussetzungen als gedacht, aber zu wenig Personal und Tools, um das zu erkennen. Wer sie dabei nicht unterstützt, lässt einen großen Teil des Potenzials ungenutzt.

Ronald Scholz ist Geschäftsführer von Edgar, einem Softwareunternehmen der FI Freiberg Institut GmbH, das Kommunen, Stadtwerke und Projektentwickler bei der Planung von Energiesystemen unterstützt.

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