Geothermie : Großes Potenzial für mehrheitsfähige Energie – tief unter der Erde

Peter Schniering
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Maria Leis 
Maria Leis 
Dr. Peter Schniering, Gründer und Geschäftsführer von Future Cleantech Architects, und Maria Leis, Germany Lead bei Project Tempo Foto: Christian Ewald /FCA , Project Tempo

Geothermie findet laut einer Umfrage Zustimmung bei allen Wählergruppen. Peter Schniering, Gründer und Geschäftsführer von Future Cleantech Architects und Maria Leis, Germany Lead bei Project Tempo sprechen sich deshalb für eine Geothermie-Wärmestrategie aus. Die Energiequelle sei zwar kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Baustein für die Zukunft.

von Peter Schniering, Future Cleantech Architects & Maria Leis , Deutschlandprogramm von Project Tempo

veröffentlicht am

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Kaum ein Politikfeld ist so polarisiert wie die Energiepolitik, außerdem sind wenige andere Sektoren so relevant für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes. Geopolitische Verwerfungen, Fragen der Energiesicherheit und die Elektrifizierung industrieller Prozesse verschärfen die Frage, wie Deutschland und Europa künftig zuverlässig und bezahlbar mit Strom und Wärme versorgt werden können. Veränderte klimatische Bedingungen mit größerem Bedarf zur Kühlung von Gebäuden treiben die Debatte weiter an.

Dabei ist ein Ergebnis einer Umfrage des Thinktanks Project Tempo bemerkenswert: Während Windkraft und Kernenergie die Wählerschaft entlang der Parteigrenzen teilen, findet Geothermie Zustimmung quer durch das politische Spektrum – von der Linken bis zur AfD. Darin liegt eine Chance. Geothermie ist bislang weder Identitätsmarker noch Symbol eines jahrzehntelangen Kulturkampfs.

Diese Zustimmung ist zwar noch kein belastbarer Konsens. Sie mag auch damit zusammenhängen, dass Geothermie zur Gewinnung von Wärme oder Strom bisher eine Nischentechnologie ist und vielen Menschen im Detail kaum bekannt sein dürfte. Anders als bei Wind- und Solarparks gibt es wenige sichtbare Projekte oder lokale Erfahrungen. Die geringe Polarisierung ist daher Chance und Herausforderung zugleich. Langfristige Akzeptanz würde erst durch Transparenz, nachvollziehbare Sicherheitsstandards und einen konkreten Nutzen vor Ort entstehen.

Was Geothermie ist – und warum Europas Potenzial so groß ist

Geothermie nutzt Wärme aus dem Untergrund. Welche Anwendung möglich ist, hängt vor allem an der Tiefe der Bohrung und dem gewählten Standort, denn daraus leitet sich die erreichbare Temperatur ab. Niedrige und mittlere Temperaturen können Gebäude, Fernwärmenetze sowie Prozesse etwa in der Lebensmittel- und Papierindustrie versorgen. Für die Stromerzeugung sind höhere Temperaturen nötig. Das macht den Wärmemarkt zum naheliegenden Einstieg.

Zur Einordnung: Deutschland benötigt derzeit im Jahr gut 500 Terawattstunden Strom und mehr als 1000 Terawattstunden Wärme. Ein großer Teil entfällt auf Gebäude und industrielle Prozesse mit vergleichsweise niedrigen Temperaturen. Wind und Solar lieferten 2025 fast die Hälfte der inländischen Stromerzeugung. Die Wärmeversorgung beruht dagegen weiterhin stark auf fossiler Verbrennung. Geothermie spielt bislang kaum eine Rolle.

Die seit mehr als 100 Jahren verwendete, konventionelle Geothermie ist an bestimmte Parameter gebunden, um wirtschaftlich zu sein: Sie benötigt nicht nur Wärme, sondern auch lokale Wasservorkommen im Gestein, welches dann noch durchlässig sein muss – eine geologische „Goldlöckchen-Zone“, wie es sie etwa an günstigen Standorten in Island oder Italien gibt. Dies ist aber nur an wenigen Orten der Fall. Daher ist das Wachstumspotenzial konventioneller Geothermie für Europa stark limitiert.

Das technische Potenzial von Geothermie ist jedoch enorm: Die Internationale Energieagentur schätzt, dass heiße Sedimentaquifere in Europa rund acht Terawatt Wärme bei 90 Grad Celsius bereitstellen könnten – etwa dreißigmal so viel, wie europäische Fernwärmesysteme heute liefern. Natürlich ist diese Größenordnung kein kurzfristig erschließbares Marktvolumen, zeigt aber das langfristige Potenzial. Bei niedrigeren Netztemperaturen steigt es weiter.

Diese Innovationen könnten Geothermie aus der Nische holen

Zwei Ansätze könnten die Abhängigkeit von idealen natürlichen Reservoiren verringern. Sie umgehen technisch die Notwendigkeit, dass die drei erwähnten Parameter gleichzeitig natürlich vorkommen. Sogenannte Enhanced Geothermal Systems, kurz EGS, schaffen oder erweitern Risse im heißen Gestein, damit Wasser zirkulieren und Wärme aufnehmen kann. Sie nutzen Modellierungs-, Bohr- und Stimulationsverfahren aus der Öl- und Gasindustrie.

Geschlossene Systeme, sogenannte Closed-Loop-Systems, hingegen benötigen keine Stimulation des Gesteins und begrenzen damit geologische und seismische Risiken, erfordern aber erheblich längere Bohrstrecken für die Rohrschleifen. Zudem gibt es vor allem für die geschlossenen Systeme bisher nur wenige belastbare Felddaten zu Leistung, Kosten und Skalierbarkeit.

Beide Ansätze stehen am Anfang ihrer jeweiligen Lernkurven. Mehr Projekte, standardisierte Komponenten und schnellere Bohrungen können die Kosten senken. Der zentrale Hebel bei beiden Verfahren ist der Bohrprozess: Je schneller und günstiger, desto größer der wirtschaftlich nutzbare Untergrund.

Die nächsten Schritte: Das sollten wir jetzt tun

Um hier zu skalieren, braucht Deutschland im ersten Schritt eine Geothermie-Wärmestrategie in einem europäischen Gesamtkontext. Die kommunale Wärmeplanung, geregelt im Wärmeplanungsgesetz (WPG), sollte Untergrunddaten systematisch mit großen Wärmeabnehmern verbinden. Geologische Daten müssten offen und vergleichbar werden.

Zweitens sollte der Staat vor allem frühe Risiken absichern: Erkundung, Probebohrungen und erste kommerzielle Anlagen. Versicherungen, Bürgschaften und gezielte Förderung können Projekte vom teuren Erstprojekt zum wiederholbaren Serienprojekt bringen, ohne den Betrieb dauerhaft zu subventionieren. Drittens müssen Genehmigungen gebündelt und beschleunigt werden – bei klaren Standards für Grundwasser, Seismik, Monitoring und Bürgerbeteiligung.

Geothermie ist kein Allheilmittel. Doch sie hat das Potenzial, Wind, Solar, Speicher und viele weitere Flexibilitätsoptionen zu ergänzen. Sie kann als heimische, wetterunabhängige Wärmequelle im Industriesegment und im Fernwärmebereich starten und perspektivisch auch als nachhaltige Stromquelle im Dauerbetrieb dienen.

Ob der heutige parteiübergreifende Zuspruch trägt, zeigt sich erst, wenn mehr Projekte sichtbar werden. Die beste Chance auf dauerhaften Konsens besteht darin, verantwortungsvoll und ambitioniert die Möglichkeiten zu erarbeiten. Vielleicht liegt Deutschlands größter Energiekonsens tatsächlich tief unter der Erde.

Peter Schniering, ist Gründer und Geschäftsführer der Denkfabrik Future Cleantech Architects. Maria Leis leitet seit 2025 das Deutschlandprogramm der Denkfabrik Project Tempo.

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