Stromnetz : Deutschlands Smart-Meter-Sonderweg ist sozial blind
Die Digitalisierung der Energieversorgung ist Rückgrat und Voraussetzung der Energiewende. Smart Meter sind die Schlüsseltechnologie dafür. Doch der deutsche Sonderweg droht, Millionen von Menschen auszuschließen. Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy und Mitgründer der Smart-Meter-Initiative fordert ein Umdenken und erklärt, warum ein fairer und effizienter Rollout nur mit einem Smart Meter light möglich ist.
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Auf dem Weg zu einem digitalen, effizienten und günstigeren Energiesystem in Deutschland führt kein Weg vorbei am Smart Meter. Mithilfe der intelligenten Zähler können wir einen wesentlichen Teil des Stromverbrauchs in Deutschland flexibilisieren und senken damit den Bedarf beim Netzausbau und teuren Back-up-Kraftwerken. Aber noch wichtiger: Smart Meter eröffnen Verbraucher:innen ganz neue Möglichkeiten, ihre Stromkosten zu senken – zumindest in der Theorie.
In der Praxis unterscheidet Deutschland zwischen Pflichteinbaufällen und Haushalten, die freiwillig einen Smart Meter anfordern können. 2023 hatten freiwillige Haushalte noch einen rechtlichen Anspruch auf den Zähler. In der Zwischenzeit wurde das Recht auf den freiwilligen Einbau stark aufgeweicht – die Messstellenbetreiber dürfen diese Fälle jetzt zurückstellen, wenn ihre Pflichtrollout-Quoten bedroht sind und Mondpreise von einigen Hundert Euro für den Einbau verlangen.
Bei einer Smart-Meter-Abdeckung von gerade mal zwei Prozent in Deutschland heißt das für viele Verbraucher:innen: Pech gehabt. Wer heute auf eine Installation von seinem grundzuständigen Messstellenbetreiber hofft, braucht vor allem Glück, zufällig am richtigen Ort zu wohnen. Alle anderen müssen warten, manchmal jahrelang. Wer sich nicht aktiv bemüht, ist sowieso außen vor. Nur bezahlen sollen diese Menschen den Rollout heute schon.
Normale Haushalte zahlen am meisten
Der deutsche Sonderweg wird von den Behörden immer noch als besonders innovativ gefeiert. In der Praxis ist er vor allem eins: teuer. Es beginnt bei den Anschaffungskosten. Danach bekommen Messstellenbetreiber pro Jahr und Zähler 230 Euro. Haushalte mit Elektroauto oder Speicher erhalten wiederum 100 bis 150 Euro Bonus, damit man sie steuern darf – auch wenn das nie passiert. Finanziert werden all diese Kosten über einen Aufschlag auf die Netzentgelte, die alle Stromverbraucher:innen über ihre Stromrechnung bezahlen.
Das ist unfair. Es trifft vor allem normale Haushalte in Mehrfamilienhäusern oder Wohnungen und kleine Unternehmen. Haushalte mit eigener Produktion wie einer PV-Anlage auf dem Dach sind davon weniger stark betroffen. Großbetriebe aus der Industrie bekommen sowieso einen erheblichen Nachlass auf die Netzentgelte. Bleiben also die Menschen, die heute schon am meisten für ihren Strom bezahlen – Mieter:innen, ältere Menschen oder Haushalte mit geringem Einkommen.
Smart Meter light sind günstigere Option
Warum bekommt dann nicht jeder deutsche Haushalt einen Smart Meter, wie in Frankreich, Italien, England oder Skandinavien? Ganz einfach: Die deutschen Geräte sind viel zu teuer für einen flächendeckenden Rollout. Dabei wünschen sich heute schon fast zwei Drittel der Deutschen einen intelligenten Zähler. Aus diesem Grund fordern Octopus Energy und viele andere Unternehmen eine einfache Option, einen Smart Meter light.
Für Verbraucher:innen, die die komplizierte Steuerungsfunktion der deutschen Zähler nicht benötigen, wäre so ein Zähler, der einfach nur live Verbrauchsdaten übermittelt, vollkommen ausreichend. Als Ergänzung parallel zu den teuren Geräten für den Pflichtrollout würden sie einen Full-Rollout und damit alle Menschen an den Vorteilen grünen, günstigen Stroms teilhaben lassen. Wir müssen nicht zurück auf null. Aber wir brauchen eine Alternative für Haushalte, bei denen die aktuellen Smart Meter vollkommen überdimensioniert wären.
Rollout geht weiterhin schleppend voran
Die Argumente, die manche Marktbegleiter gegen diese Option ins Feld führen, sind schnell widerlegt: Etwa, dass nur die komplexen Prozesse das Problem wären, nicht die Hardwarekosten. Richtig ist, dass beides den Rollout ungemein verteuert und bremst. Für Smart Meter und Steuerbox zahlen wir hier teils den zehnfachen Preis unserer europäischen Nachbarn. Oder, dass einfachere Smart Meter nicht sicher wären, obwohl sich fast alle Sicherheitsbedenken auf die Steuerfunktion der intelligenten Messysteme beziehen – die einfache Smart Meter gar nicht hätten.
Insbesondere die Behörden argumentieren jetzt, dass der Hochlauf gerade Fahrt aufnehme. Allerdings verfügen immer noch nur zwei Prozent der Haushalte über einen Smart Meter, die Fortschritte sind marginal. Und auch die Ziele sind wenig ambitioniert: 100 Prozent des Pflichtrollouts entsprächen aktuell weniger als zehn Prozent aller Messlokationen in Deutschland. Die meisten Menschen haben davon nichts. So schaffen wir eine Zweiklassengesellschaft im Zählerschrank.
Bleibt noch das Argument, dass kleine Haushalte ohne E-Auto oder Wärmepumpe sowieso viel weniger sparen können mit ihrem Smart Meter. Das stimmt. Mit einem E-Auto spart man problemlos mehrere hundert Euro im Jahr, teils sogar mehr als tausend Euro. Aber viele in der Energiebranche vergessen – auch weil sie zu selten mit ihren Kund:innen sprechen – dass 1.000 Euro für einen gut situierten E-Auto-Fahrer manchmal weniger bedeuten als 50 Euro für eine alleinerziehende Mutter, die sich am Ende des Monats entscheiden muss, ob sie ihre Stromrechnung oder ihren Wocheneinkauf bezahlt.
Diese Menschen bezahlen unsere Energiewende und sehen nichts von ihren Vorteilen. Wer glaubt, dass das auf Dauer gut geht, ist blind für das, was in Deutschland gerade passiert.
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