Erneuerbaren-Energien-Gesetz : Die Solarförderung vom Ende her denken
Mit ihrem Vorstoß für weniger Subventionen für und mehr Netzdienlichkeit von PV-Dachanlagen ist Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf viel Widerspruch gestoßen. Christian Ofenheusle, Vorstand Bundesverband Steckersolar (BVSS), kann der vorgeschlagenen Richtung allerdings einiges abgewinnen – wenn man es richtig macht.
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Die Webseite Battery-Charts zeigt, dass gut vier Fünftel der installierten Kapazität bei Heimspeichern liegt. Leider werden die meisten dieser Heimspeicher nicht netzdienlich betrieben. Das ist auch kein Wunder, da es dafür keine Anreize gibt. Sie optimieren stattdessen den Eigenverbrauch des vor Ort erzeugten Solarstroms.
Im EEG 2009 kam die Eigenverbrauchsregelung hinzu. Sie hat die damals rasant steigende EEG-Umlage etwas gebremst. Es hieß auch, der Eigenverbrauch würde das Stromnetz entlasten. Das Problem: Diese Batterien speichern den Solarstrom vormittags, bis sie voll sind, um dann mittags alles ins Netz einzuspeisen – insgesamt eher problematisch, denn das Netz wird zunehmend mittags voll mit Solarstrom sein.
Heute herrscht eher Konsens: Das Stromsystem optimiert man eher nicht durch eine Optimierung des Eigenverbrauchs lauter kleinster Einheiten. Wenn man die Solarförderung vom Ende her denkt, lautet die Frage: Welche Rolle spielen kleine PV-Anlagen mit Speichern in einem künftigen Stromsystem mit 100 Prozent Grünstrom – und auf dem Weg dahin? Die Antwort: Sie müssen netzdienlich laufen. Alle Batterien müssen z.B. Strom aus dem Netz speichern, wenn überschüssiger Solarstrom im Netz vorhanden ist. Da hat die Ministerin recht. Aber man kann weiterdenken.
Grünstrom speichern, nicht nur Solar
Das Ziel beim Laden muss sein, nicht nur überschüssigen, eigens erzeugten Solarstrom, sondern überschüssigen Grünstrom aus dem Netz zu speichern. Die Batterien würden dann entladen, wenn nicht genug Grünstrom im Netz vorhanden ist. Solange fossiler Strom noch im Netz ist, würde dieser dabei verdrängt. Auf Netzengpässe sollten Kleinspeicher gleichermaßen reagieren.
Das alles hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche noch nicht so klar formuliert. Was hat sie konkret vor? Eine komplette Abschaffung der Einspeisevergütung sei nicht gemeint, hat das Wirtschaftsministerium inzwischen mitgeteilt.
Um es vorwegzunehmen: Ja, die Einspeisetarife machen PV-Dachanlagen derzeit deutlich profitabler. Berechnungen auf Grundlage des dem PVToolRechner von Andreas Schmitz zeigen: Bei einer 10-Kilowatt-Solaranlage würde die komplette Abschaffung der Einspeisevergütung die Amortisationszeit von 13 auf 30 Jahre verlängern. Aber auch mit einer 5 kWh-Batterie verlängert sich die Zeit von 13 auf 18 Jahre.
Neue Anreize für Netzdienlichkeit könnten die Zeit verkürzen, aber auch hier ist Ministerin Reiche unkonkret. Wir hätten da ein paar Ideen – und möchten dabei ein paar Unklarheiten ausräumen.
Worum es (nicht) geht
Unser Vorschlag besteht aus zwei Komponenten: dynamischen Preissignalen und Smart Meter light (SML). Für neue Preissignale kann die Ministerin sorgen, wenn auch indirekt über die Bundesnetzagentur. Die dynamischen Netzentgelte sind ein erster Schritt, aber es gibt viel Luft nach oben.
Smart Meter light unterscheiden sich von den „normalen“ Smart Metern (intelligente Messsysteme oder iMSYS) darin, dass die SML keine Kontrolle von außen erlauben. Sie befähigen Haushalte und kleine Verbraucher (weniger als 6000 Kilowattstunden/Jahr Verbrauch und weniger als 7 kW PV) dazu, sich netzdienlicher zu verhalten. Einige technologische Optionen gibt es bereits auf dem Markt, aber benötigt wird ein standardisiertes Produkt – den Prozeß könnte die Ministerin anschieben.
Hier muss die erste Unklarheit beseitigt werden. Kritiker von SML behaupten oft, der Vorschlag einer konkurrierenden Technologie würde den Rollout von iMSYS gefährden. Das wollen wir nicht, aber besteht die Gefahr überhaupt? Schließlich geht es hier um zwei getrennte Marktsegmente. Mit SML wollen wir lediglich das Segment ohne iMSYS-Pflicht netzdienlicher machen. Für iMSYS ändert sich nichts.
Am Ende würde der Netzausbaubedarf sinken. Und hier muss eine zweite Unklarheit beseitigt werden: In der Debatte um Reiches Vorschlag wird kritisiert, solche Kleinanlagen seien ohnehin nicht kosteneffizient, man soll stattdessen auf große, zentrale Anlagen setzen, um Kosten zu senken. Diese Sicht vereinfacht einen komplexen Sachverhalt.
Ob ein zentraler Ansatz wirklich kosteneffizienter als die Dezentralität ist, wird immer angenommen, aber nie wissenschaftlich abschließend belegt. Das teuerste an der Energiewende scheint momentan der Netzausbau zu sein, und genau hier hilft ein dezentraler Ansatz. Außerdem lindern PV auf Dächern und Balkonen den Flächenkonflikt zwischen Freiflächen-PV, Natur und Agrar. Wir brauchen beides: Freiflächenanlagen und Dach- bzw. Balkonanlagen.
Letztlich kommt der soziale Aspekt ins Spiel. Unser Vorschlag setzt auf eine freiwillige Teilnahme eines Marktsegments, das bisher von der Netzdienlichkeit ausgeschlossen ist. Wir wissen aus Studien, dass Haushalte nach dem Einbau von Dach- und Balkon-PV anfangen, sich insgesamt über ihren Energieverbrauch Gedanken zu machen. Die Energiewende wird zum Hobby, und das Hobby wirkt bei Freunden und Nachbarn ansteckend. Bei einem zentralen Ansatz könnte sich jeder stattdessen zurücklehnen und sagen: Das wird für mich erledigt.
Ein neuer Markt entsteht
Das Potential für Flexibilität in Haushalten ist übrigens enorm und liegt fast brach. Würden sich nur rund die Hälfte aller Haushalte eine 5 kWh Batteriespeicher (so groß wie ein Reisekoffer) anschaffen und netzdienlich betrieben, hätten wir gut 100 TWh an Speicherkapazität.
Flexibilität gibt es aber nicht nur in Batterien. Laut BDEW ist der Stromverbrauch in Haushalten zwischen 2014-2024 um 7 Terawattstunden (TWh) auf 132 TWh gestiegen, während er in den anderen beiden großen Verbrauchergruppen – Gewerbe und Industrie – um 29 TWh beziehungsweise 38 TWh auf 114 beziehungsweise 204 TWh gesunken ist.
Damit wird das Segment Haushalte immer wichtiger in der Stromversorgung. Hätten alle Haushalte die Option, auf dynamische Preise mit einem SML, der alles automatisch regelt, zu reagieren, könnten immer mehr Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Geschirrspüler und Waschmaschinen netzdienlich laufen. Die Bürger würden Geld sparen und gleichzeitig die Stromversorgung sauberer und stabiler machen – ohne Komfortverlust.
Letztlich würde ein neuer Markt entstehen: Speicher ohne PV. Viele Mieter haben einen beschatteten Balkon oder einen auf der Nordseite. Auch wo man nicht sinnvoll Steckersolar zuhause installieren kann: Platz für einen Batteriespeicher mit SML haben fast alle.
Bei einer Reform der Solarförderung muss man vorsichtig vorgehen, aber mehr Flexibilität tut not. Mit ihrem Vorstoß für Netzdienlichkeit bei kleinen Solaranlagen und Kleinspeichern rückt Ministerin Reiche unsere Bundestagspetition vom Februar in die Mitte der Diskussion. Mit rund 40.000 Unterschriften war die Petition erfolgreich. Am 13.10. wird der Petent Andreas Schmitz zusammen mit mir im Petitionsausschuss des Bundestags angehört. Die Anhörung wird vom Ausschuss live gestreamt – ein guter Anlass, um Reiches Vorschlag in die richtige Richtung zu lenken!
Christian Ofenheusle ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Empowersource und Vorstand beim Bundesverband Steckersolar (BVSS).
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