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Recycling : Kreislaufwirtschaft für die Solarindustrie braucht klare Entsorgungsstrukturen

Jan Clyncke
Jan Clyncke, PV Cycle Foto: PV CYCLE

Mit dem Aktionsprogramm zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie von 2024 (NKWS) verfolgt die Bundesregierung das Ziel, die Kreislaufwirtschaft im Zuge globaler Wettbewerbsverschärfung und wachsender Versorgungsrisiken als industriepolitischen Standortfaktor aufzuwerten. Bei der Wiederverwertung von Solarmodulen sieht Jan Clyncke vom Branchennetzwerk PV Cycle in Deutschland aber eine Fehlsteuerung.

von Jan Clyncke, PV CYCLE

veröffentlicht am

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Eine geschlossene Kreislaufwirtschaft kann in Zeiten steigender Nachfrage nach strategischen Materialien und wachsender Rohstoffabhängigkeiten über den Klimaschutz hinaus dazu beitragen, die Rohstoffsouveränität zu erhöhen. Diese industriepolitische Bedeutung findet im aktuellen Entwurf des Kreislaufwirtschaftsgesetzes Ausdruck, der Rohstoffsouveränität und Rohstoffversorgungssicherheit erstmals als Gesetzeszweck verankert.

Für die Solarwirtschaft, die künftig exponentiell wachsende Rücklaufmengen bewältigen muss, ist dieser Zielanspruch unter den bestehenden regulatorischen Rahmenbedingungen nicht realisierbar. Die deutsche Entsorgungspraxis steht einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft vielmehr entgegen. Ursächlich hierfür ist die Umsetzung der in der WEEE-Direktive 2012/19/EU verordneten erweiterten Produzentenverantwortung im deutschen Gesetz für die Inverkehrbringung, Rücknahme und Entsorgung von Elektroaltgeräten (ElektroG).

Die danach angelegte Erfassungsstruktur ausgedienter PV-Module über kommunale Sammelinfrastrukturen ist völlig ungeeignet, um die aktuellen und zu erwartenden Rücklaufmengen sachgerecht aufzunehmen. In der Folge hat sich außerhalb der erweiterten Produzentenverantwortung und der gesetzlichen Vorgaben ein unkontrollierter (grauer) Markt der Wiederverwendung von PV-Modulen entwickelt.

PV-Module werden an nicht lizenzierte Händler weitergegeben und ohne weitere Kontrolle exportiert, statt in geregelte Rücknahme- und Recyclingstrukturen zu gelangen, wodurch heimischen Recyclinganlagen relevante Mengen entzogen werden. Die von den Herstellern beauftragten Rücknahmesysteme sehen sich zusätzlich mit einer kleinteiligen, umständlichen und sehr kostenintensiven Abhollogistik von den kommunalen Sammelstellen konfrontiert, anstatt die bereits aufgebauten professionellen gewerblichen Rücknahmekonzepte nutzen zu dürfen.

Trotz breiter Beteiligung finden die eingebrachten Praxiserfahrungen und fachlichen Hinweise im Aktionsprogramm kaum Niederschlag. Statt die gesamte Entsorgungskette in den Blick zu nehmen, konzentriert es sich nahezu ausschließlich auf Recyclingtechnologien und Verwertungskapazitäten. Die für hochwertiges Recycling unverzichtbaren Schritte von der geordneten Demontage über die flächendeckende Erfassung, Sortierung und Mengenbündelung bis zur verlässlichen Zuführung geeigneter Stoffströme bleiben unberücksichtigt.

Geringe Qualität und Quantität in der Sammlung

Die von der privaten Stiftung Elektroaltregister (EAR) für 2024 veröffentlichten Rücknahmemengen bestätigen die bestehenden Defizite. Die erfasste Menge von 7845 Tonnen entspricht lediglich ein Prozent der neu in Verkehr gebrachten PV-Module, die entweder gesammelt aus den Abholungen an den kommunalen Übergabestellen oder freiwilligen Eigenrücknahmen der Hersteller stammen. Zählt man die von der Entsorgungswirtschaft außerhalb des Systems gemeldeten Mengen dazu, gelangten 2024 nach vorläufigen Zahlen insgesamt nur rund 9.000 Tonnen PV-Module in Recyclinganlagen in Deutschland (siehe hierzu: Destatis, 2026/02).

Diese Mengen stehen nicht im Verhältnis zur Marktentwicklung. Mehrere Studien zu Installationszeitpunkten, Lebensdauern und technischer Entwicklung zeigen trotz unterschiedlicher Ergebnisse ein klares Bild: Bis 2030 werden in Deutschland 400.000 bis eine Million Tonnen Altmodule pro Jahr erwartet, bis 2050 mehr als 4,3 Millionen Tonnen.

Darüber hinaus führt die derzeitige kommunale Sammlung zu einer geringeren Qualität des Materialstroms. Werden unterschiedliche PV-Technologien gemeinsam gesammelt und zusätzlich mit Fremdstoffen aus anderen Abfallströmen vermischt, erschwert dies die Rückgewinnung wertvoller Materialien. Eine geringe Qualität des Abfallstroms bedeutet, dass Deutschland das Potenzial von PV-Modulen als strategisches Sekundärrohstofflager nicht ausschöpfen kann. Dies riskiert nicht nur die Rohstoffsouveränität, sondern senkt auch die Investitionsanreize für Recyclingunternehmen, zusätzliche Kapazitäten und innovative Verfahren aufzubauen.

ElektroG verhindert effiziente Sammelstrukturen

Das zentrale Problem liegt in der pauschalen Einordnung von PV-Modulen als Geräte, die potenziell, also der hypothetischen Möglichkeit nach, in privaten Haushalten genutzt werden können (sogenannte Dual-Use-Geräte). Diese Einordnung führt in der Folge dazu, dass PV-Module unabhängig von Anfallort, Menge und Beschaffenheit über kommunale Sammelstellen erfasst werden sollen.

Für haushaltsübliche Mengen bis 40 Module pro Anlieferung mag das noch funktionieren, aber nicht für Tausende PV-Module aus einem Solarpark. Umso unverständlicher ist, dass die Stiftung EAR kommunale Sammelstellen im Dezember 2023 abweichend von § 3 Abs. 5 ElektroG anwies, PV-Module mengenunabhängig anzunehmen. Die unbegrenzte Annahme solcher Mengen belastet die kommunale Infrastruktur, führt zu ineffizienten Transportwegen und erhöht die Kosten für Hersteller, Unternehmen und letztlich die VerbraucherInnen.

Deutschland steht damit in Europa weitgehend allein. Andere EU-Mitgliedstaaten registrieren Dual-Use-Geräte entsprechend der WEEE-Richtlinie als Geräte für private Haushalte, passen ihre Sammel- und Erfassungssysteme jedoch an die Marktrealitäten an. In den wenigsten Ländern ist es möglich, PV-Module an einem kommunalen Recyclinghof abzugeben, da diese in der Regel nicht für große gewerbliche und industrielle Abfallmengen ausgelegt sind.

In Deutschland entfallen circa 90 Prozent aller installierten PV-Module auf gewerbliche Anwendungen und große Solarparks und nur zehn Prozent auf private Hausanlagen. Es ist daher rätselhaft, warum die anordnenden Behörden die Entsorgung der überwiegend großen Stückzahlen an einzelnen Solarparks zwingend durch das Nadelöhr einer kommunalen Übergabestelle führen. Sowohl die Aufnahmekapazitäten dieser Stellen als auch die Abholung durch die beauftragten Herstellersysteme im Rahmen der Abholkoordination der Stiftung EAR sind limitiert.

Diese strukturelle Fehlsteuerung hat auch eine finanzielle Seite, die in der politischen Debatte bislang kaum vorkommt. Hersteller sind nach dem ElektroG verpflichtet, finanzielle Garantien für die Rücknahme und Entsorgung ihrer PV-Module zu stellen, meist über Insolvenzversicherungen. Diese Mittel dienen jedoch ausschließlich der Absicherung eines nahezu ausgeschlossenen Szenarios: dass irgendwann weltweit das letzte Unternehmen, das PV-Module in Deutschland auf den Markt bringt, insolvent wird und seiner Herstellerverantwortung nicht mehr gerecht wird. Sie werden nicht eingesetzt, um die fehlende Sammel- und Rücknahmeinfrastruktur für großvolumige gewerbliche Rückläufe aufzubauen und eine leistungsfähige Recyclingindustrie zu unterstützen.

Sammlung an Marktrealitäten anpassen

Die Bundesregierung sollte die Erfassungsvorgaben den Marktrealitäten anpassen und eine effiziente Sammlung dort durchführen lassen, wo die relevante Entsorgungsmasse von PV-Altmodulen entsteht. Die professionellen Rücknahmesysteme der Hersteller verfügen über ausreichende Praxiserfahrung, um diese Sammlung effizient zu organisieren.

Mit § 19 ElektroG besteht bereits ein gesetzlicher Rahmen für die gewerbliche Rücknahme, der eine ordnungsgemäße Entsorgung über zertifizierte Behandlungsanlagen ermöglicht. Die Berichtspflichten der Herstellersysteme gewährleisten zugleich eine transparente Erfassung der Rücknahmemengen und wirken Spekulationen über graue Märkte entgegen. Ein solches B2B‑Modell ermöglicht zudem eine effizientere und kostengünstigere Logistik, da Altmodule sortenrein gebündelt und in vollen Lkw‑Ladungen direkt den Recyclinganlagen zugeführt werden. Damit verbessern sich zugleich die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Konsolidierung der Recyclingbranche.

Rohstoffsouveränität braucht geordnete und transparente Stoffströme

PV-Module sind ein strategisches Sekundärrohstofflager. In Deutschland sind bereits heute weit über fünf Millionen Tonnen PV‑Module verbaut, darunter mehr als 3,5 Millionen Tonnen Glas, 650.000 Tonnen Aluminium, 150.000 Tonnen Silizium und 5000 Tonnen Silber. Dieser Rohstoffpool wird vor dem Hintergrund der ambitionierten Ausbautrajektorie im EEG weiter anwachsen. Diese Mengen können Importabhängigkeiten reduzieren, wenn sie am Ende der Nutzung geordnet in hochwertige Verwertungswege gelangen.

Das bestehende System erreicht das bislang nicht. Fehlende Mengensteuerung, ungeeignete Sammelstrukturen und hohe bürokratische Anforderungen verhindern, dass PV-Module zuverlässig in transparente und effiziente Recyclingstrukturen gelangen.

Eine klare mengenmäßige Abgrenzung etwa bei 40 Modulen als Obergrenze für private Dachanlagen, die stärkere Nutzung der Rücknahme nach § 19 ElektroG und eine professionelle Steuerung großer Stoffströme würden die kommunalen Systeme entlasten, Recyclingkapazitäten stärken und wertvolle Rohstoffe im europäischen Wirtschaftskreislauf sichern. Nur wenn die Entsorgungsstrukturen mit der tatsächlichen Entwicklung der Solarbranche Schritt halten, können aus den heute installierten PV-Modulen der Rohstoffbestand von morgen werden.

Jan Clyncke ist seit 2008 Managing Director von PV CYCLE, einem Rücknahme- sowie Recyclingsystem speziell für die Photovoltaik-Industrie.

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