Dezentrale Erzeugung : Mehr Solar, mehr Verbrauch?
Der „Solar-Rebound-Effekt“ verändert die Energiewende: Sinkende Stromkosten aus der eigenen PV-Anlage verändern das Nutzungsverhalten und führen häufig zu einem höheren Verbrauch, schreibt Michael Bucksteeg, Juniorprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen und Research Scientist am Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI). Für das Energiesystem kann das jedoch weitreichende Folgen haben.
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Photovoltaik auf dem eigenen Dach ist ein wichtiger Bestandteil der Energiewende. Immer mehr Haushalte produzieren ihren Strom selbst – sauber, dezentral und zunehmend kostengünstig. Doch dieser Erfolg hat eine bislang unterschätzte Nebenwirkung: Wer Solarstrom selbst erzeugt, verbraucht oft mehr Strom als vorher.
Dieses Phänomen wird als „Solar-Rebound-Effekt“ bezeichnet. Dahinter steckt ein einfaches Verhalten: Wenn Strom aus der eigenen Anlage als „kostenlos“ wahrgenommen wird, steigt die Nutzung. Spülmaschinen und Wäschetrockner laufen nur halbvoll oder häufiger, Klimaanlagen länger, und auch neue Geräte oder Anwendungen kommen hinzu.
Zusätzlicher Verbrauch ist messbar
Wichtig ist dabei die Abgrenzung gegenüber reinen Substitutionseffekten. Steigt der Stromverbrauch etwa, weil ein Haushalt ein Elektroauto anschafft und damit fossile Kraftstoffe ersetzt, handelt es sich zunächst um eine Verlagerung des Energieverbrauchs. Erst wenn sich darüber hinaus das Nutzungsverhalten ändert, etwa weil durch die günstige Lademöglichkeit mehr gefahren wird, spricht man vom Solar-Rebound-Effekt.
Für den einzelnen Haushalt ist ein derartiges Verhalten rational – für das Energiesystem kann es jedoch weitreichende Folgen haben.
Bisher wurde dieser Effekt in der Energiepolitik und in Systemanalysen nicht berücksichtigt. Dabei zeigen empirische Studien seit Jahren, dass der zusätzliche Verbrauch nach der Installation von Photovoltaik messbar ist. Was bislang fehlte, war ein systemischer Blick: Welche Auswirkungen hat dieses Verhalten, wenn Millionen Haushalte so handeln?
Das „Wann“ ist entscheidend
Eine aktuelle Modellstudie für Europa liefert nun erstmals belastbare Antworten. Die Ergebnisse zeigen, dass der zusätzliche Stromverbrauch durch den Rebound-Effekt bis zum Jahr 2050 je nach Szenario 1 bis 5 Prozent der gesamten Stromnachfrage ausmachen kann. Das klingt zunächst moderat, hat aber erhebliche Konsequenzen: Schon kleine Nachfrageänderungen können große Investitionen in zusätzlich benötigte Erzeugungskapazitäten, Netze und Speicher auslösen.
Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viel mehr Strom verbraucht wird, sondern vor allem, wann. Wenn der zusätzliche Verbrauch zeitlich mit der Solarstromerzeugung zusammenfällt, kann das System ihn vergleichsweise gut aufnehmen. Wird Strom hingegen abends oder im Winter verstärkt genutzt, wenn wenig Solarstrom zur Verfügung steht, steigt der Bedarf an teuren Flexibilitätsoptionen wie Batteriespeichern, Wasserstoff oder Reservekraftwerken deutlich an.
Damit wird der Rebound-Effekt zu einer Frage der Systemeffizienz – und der Systemkosten. Denn die zusätzlichen Investitionen müssen letztlich über die Strompreise finanziert werden. Besonders relevant ist dabei eine Verteilungsfrage: Haushalte mit eigener Solaranlage profitieren direkt vom Eigenverbrauch, während die zusätzlichen Systemkosten auf alle Verbraucher umgelegt werden. Ohne geeignete politische Steuerung kann dies zu einer zunehmenden Belastung für Haushalte ohne eigene PV-Anlage führen.
Solar-Rebound-Effekt sollte in Szenarien und Plänen berücksichtigt werden
Was folgt daraus für die Energiepolitik? Erstens sollte der Rebound-Effekt künftig explizit in Energieszenarien und Planungen berücksichtigt werden. Wird er ignoriert, drohen Fehleinschätzungen beim Infrastrukturbedarf und bei den Kosten.
Zweitens kommt der Ausgestaltung von Tarifen und Anreizen eine zentrale Rolle zu. Ziel sollte sein, den zusätzlichen Stromverbrauch zu reduzieren und stärker in Zeiten hoher Solarerzeugung zu lenken. Dynamische Stromtarife oder gezielte Anreize zur Lastverschiebung können dazu beitragen, die Systemkosten zu begrenzen.
Drittens zeigt sich, dass technologische und verhaltensbezogene Aspekte der Energiewende stärker zusammengedacht werden müssen. Der Ausbau erneuerbarer Energien allein reicht nicht aus – wichtig ist auch, wie Energie genutzt wird.
Spricht der Solar-Rebound-Effekt gegen den weiteren Ausbau von PV? Natürlich nicht. Er zeigt aber, wie wichtig es ist, nicht einzelne Anlagen, sondern die Energiewende ganzheitlich zu betrachten. Nur wenn technologische Innovationen und menschliches Verhalten gemeinsam in den Blick genommen werden, lassen sich die Ziele einer klimaneutralen und gleichzeitig bezahlbaren Energieversorgung erreichen.
Prof. Dr. Michael Bucksteeg ist Juniorprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität in Hagen und Research Scientist am Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI).
Das Papier beruht auf folgenden Veröffentlichungen in „Nature Energy“:
Why Europe’s solar rollout must account for the solar rebound effect
Implications of the solar rebound effect for the European energy transition
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