Wachstum : Multiple Benefits: die unterschätzte Rendite nachhaltiger Lösungen
Die Bundesregierung will im Haushalt 2027 Klimainvestitionen kürzen und Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds umschichten. Henning Wilts und Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut halten dagegen: Klimaschutz muss als Lösung mit mehrfachem Nutzen verstanden werden, für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Gesundheit.
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Im Deutschen Bundestag laufen derzeit die Verhandlungen zum Entwurf des Bundeshaushalts für das Jahr 2027, dessen Verabschiedung für Ende des Monats geplant ist. Die Bundesregierung beabsichtigt, die staatlichen Investitionen in Klimaschutz und Nachhaltigkeit drastisch zu kürzen. Dabei sollen Mittel in Milliardenhöhe aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) entnommen werden, um bestehende Löcher im allgemeinen Haushalt zu stopfen.
Hinzu kommen Änderungen im Bereich des EEG und beim garantierten Netzanschluss und Netzzugang für Stromerzeugungsanlagen aus erneuerbaren Energien (Redispatchvorbehalt), die den weiteren Ausbau empfindlich abbremsen können und Beteiligungsmöglichkeiten einschränken. Deutschland läuft damit nicht nur Gefahr, seine eigenen gesetzlichen Verpflichtungen zur Erreichung der Klimaschutzziele zu verfehlen. Die Einsparungen gefährden die Innovationskraft, die Resilienz sowie die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. In einer Zeit, in der uns durch die immensen geopolitischen Spannungen unsere Verletzlichkeit mehr denn je vor Augen geführt wird, setzt dies völlig falsche Signale.
Klimaschutz als angeblich nicht finanzierbarer Luxus
In der öffentlichen Debatte der vergangenen Monate versuchen verschiedene Akteure, den Klima- und Ressourcenschutz als kostspieligen Luxus darzustellen, den sich Deutschland und Europa angeblich nicht mehr leisten können. Damit einher gehen verstärkte Bemühungen, bereits gesetzte langfristige Ziele aufzuweichen oder die Umsetzung notwendiger Maßnahmen zu blockieren. Gleichzeitig haben sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dramatisch verändert.
Geopolitische Unsicherheiten, schwankende Energie- und Rohstoffpreise, der immer stärkere internationale Wettbewerb in Schlüsselbereichen der Wirtschaft sowie die durch die Digitalisierung ausgelösten Umbrüche erzeugen einen enormen Anpassungsdruck auf Wirtschaft, Gesellschaft und öffentliche Institutionen. In der Folge haben ökologisch motivierte Transformationsprozesse erkennbar an öffentlicher Akzeptanz und Relevanz verloren. In Zeiten erhöhter Unsicherheit neigen Politik, Unternehmen und private Haushalte offensichtlich dazu, den Wert der Zukunft stärker zu diskontieren und intensiver auf kurzfristige Erfordernisse zu blicken.
Aber gerade jetzt ist diese veränderte Prioritätensetzung im politischen Diskurs hochproblematisch. Notwendig wären stattdessen mehr Ambitionen, um den Klimawandel und den immer weiter steigenden Ressourcenverbrauch abzubremsen. Es scheint fast so, als hätte es die verheerenden Hitzewellen der vergangenen Sommer nicht gegeben. In der Realität sehen wir, dass die mit dem Klimawandel verbundenen Gefahren weiter zunehmen und die planetaren Grenzen mehr und mehr überschritten werden.
Der Sommer 2026 war in Deutschland geprägt von rund 16.000 Hitzetoten und immensen wirtschaftlichen Schäden durch Produktivitätsverluste in den Unternehmen und eingeschränkte Logistikketten durch Wassermangel in den Flüsdsen.
Veränderte politische und gesellschaftliche Prioritätensetzungen ziehen nicht nur immer kostspieligere, finanzielle Folgen nach sich, sondern treffen gerade die Ärmeren und Verletzlichsten in unserer Gesellschaft besonders hart – eine große Hypothek in Zeiten schwindenden Vertrauens in die Politik. In allen Bereichen besteht daher die klare und dringende Notwendigkeit, intelligente und langfristig tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Ein rein kurzfristiges Denken ist angesichts dieser Entwicklung fahrlässig; gefordert sind vielmehr intelligenter strukturierte und langfristig tragfähige Lösungen. Zudem braucht es dringend positive Narrative, die die Vorteile von Lösungsansätzen in den Mittelpunkt stellen. Beitragen dazu kann eine problemdimensionenübergreifende Sichtweise.
Das Konzept der „Multiple Benefits”
Notwendig ist ein grundlegender Perspektivwechsel: weg von isolierten und oft wenig effektiven Einzelmaßnahmen, hin zu integrativen Ansätzen, die Synergien nutzen und mehrere Herausforderungen gleichzeitig bewältigen. Ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungsziele dürfen im Diskurs nicht länger gegeneinander ausgespielt werden.
Die zentrale Frage muss daher lauten: Durch welche Strategien lassen sich gleichzeitig positive Effekte auf unterschiedlichen Ebenen erzielen? Dazu müssten die Multiple Benefits nachhaltiger Lösungen viel stärker in den Fokus genommen werden. Sie zahlen neben ihren ökologischen Vorteilen auch auf weitere zentrale Herausforderungen ein – etwa die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland, die Resilienz unserer Geschäftsmodelle und Versorgungsstrukturen oder unsere eigene Gesundheit.
Hinzu kommt, dass wir uns in Bezug auf das Referenzszenario ehrlich machen müssen, denn der Bezugsrahmen ist nicht das Verharren im Status quo. Die Haltung, angesichts der aktuellen Herausforderungen, die Ziele des Klima- und Ressourcenschutzes zurückzustellen, muss damit konfrontiert werden, welche Chancen damit vertan würden: Der Preis des Nicht-Handelns ist eben nicht nur ökologischer Natur – auch die prognostizierten volkswirtschaftlichen Kosten wären immens und würden faktisch alle Aspekte unseres gesellschaftlichen Wohlstands betreffen.
Weitreichende Multiple Benefits sind vor allem mit der Transformation zur Kreislaufwirtschaft verbunden. Eine weitere Verzögerung der Umsetzung der schon 2024 beschlossenen Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie würde daher nicht nur bedeuten, kosteneffiziente Optionen zur Einsparung von CO2-Emissionen ungenutzt zu lassen. Gleichzeitig vergibt Deutschland die Chance, sich unabhängiger von Rohstoffimporten zu machen und in Bereichen Innovationsimpulse zu setzen, in denen das Land international Vorreiterchancen hat. Deutschland verfügt wie kaum ein Wirtschaftsstandort weltweit über das technologische Know-how, zirkulär zu wirtschaften – müsste aber jetzt die Chance ergreifen, durch gezielte Investitionen zirkuläre Leitmärkte zu schaffen und dieses Potenzial in zukunftsfähige Wertschöpfung zu verwandeln.
Die jetzt angekündigten Kürzungen, etwa im Bereich der Innovationscommunities des Bundesforschungsministeriums, sind da ein fatales Signal. Gerade solche Partnerschaften für Transfer und Innovation wird es brauchen, wenn Forschungsergebnisse in Deutschland viel schneller als in der Vergangenheit in die skalierte Umsetzung kommen sollen.
Akzeptanz für Nachhaltigkeit: die individuellen Vorteile
Die Betonung dieser nachhaltigen Nebeneffekte ist gerade in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussion von besonderer Bedeutung, weil sie ganz explizit die Akzeptanz in der Gesellschaft mitdenkt. In einem aktuellen Zukunftsimpuls zeigt das Wuppertal Institut auf, auf welchen unterschiedlichen Ebenen jeder und jede Einzelne von Transformationsprozessen in Bereichen wie der Energie- und Verkehrswende oder der Klimaanpassung profitieren kann. Dies setzt voraus, dass ökologische, ökonomische, strukturelle und gesellschaftliche Vorteile intelligent miteinander verknüpft werden – beispielsweise wenn Ressourcen- und Klimaschutzmaßnahmen so gestaltet werden, dass sie auch auf Ziele der Gesundheitsprävention einzahlen.
So führt eine verbesserte Gebäudedämmung nicht nur zu einem Rückgang der CO2-Emissionen, sondern auch zu einer deutlichen Verbesserung des Wohnraumklimas. Attraktive Rad- und Fußverkehrsinfrastrukturen führen zu mehr Bewegung bei der täglichen Mobilität und leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesundheit.
Die Betonung solcher Multiple Benefits ist auch eine Reaktion auf einen veränderten gesellschaftlichen Diskurs, der deutlich stärker Begründungen für Veränderungen einfordert. Und das in einer Welt, die viele Menschen ohnehin zunehmend als chaotisch wahrnehmen und in der sie sich wegen der Vielschichtigkeit der Herausforderungen oftmals überfordert fühlen.
Gerade jetzt braucht es keine Haushaltskürzungen, die sich nur an kurzfristigen Kriterien ausrichten. Im Gegenteil: Es braucht neue Impulse, die Orientierung geben, die greifbaren Vorteile in den Vordergrund stellen und zum gemeinsamen Handeln motivieren.
Prof. Dr. Henning Wilts ist Leiter Transfer und Wirkung / Co-Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft. Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Institut.
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