Artikel 6 : Internationale Kohlenstoffmärkte nutzen – auch als Exportchance
Bei der anstehenden ETS-Reform wird auch die Nutzung von Carbon Credits eine wichtige Rolle spielen. In der Debatte geht es unter anderem darum, wie der Handelsmechanismus des Artikels 6 des Pariser Klimaabkommens angewendet werden soll. Welche Chancen dieses Finanzierungsinstrument auch für europäische Technologieanbieter darstellt, wird bisher jedoch wenig beleuchtet, schreibt Matthias Zelinger, Leiter des Competence Center Klima & Energie beim VDMA.
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Es war kein Zufall, dass der Artikel 6 der am längsten verhandelte Teil des Pariser Klimavertrags war. Es geht um international handelbare Emissionsminderungsleistungen und damit um potenziell viel Geld und um schlechte Erfahrungen aus Vorgängersystemen. Die Verhandlungen um die technische Ausgestaltung dauern weiterhin an, die damals auf der COP29 erzielte politische Einigung war aber so solide, dass sich die EU im vergangenen Jahr entschlossen hat, Zertifikate für das eigene Emissionsminderungsziel 2040 anrechenbar zu machen. In limitierter Anzahl und versehen mit dem Label „hohe Qualität“, auch erst ab 2035, aber die Öffnung ist nun Fakt.
Nun drehen sich die Diskussionen über noch vorhandene Bedenken zur Seriosität des Systems darum, ob nicht heimische Emissionsminderungen effizienter wären, und um die Frage, ob die EU nicht ihre geringeren Ambitionen verdeckt.
Alles berechtigte Fragen, bisher wird aber eine zu wenig gestellt: Liegen hier auch Chancen für Technologieanbieter? Als Maschinen- und Anlagenbau sehen wir genau diese – sowohl für den Export als auch die Skalierung in der EU. Sinnvoll ausgestaltet können globale Emissionsminderungsprojekte dem schnelleren Ausrollen „mittelteurer“ Klimaschutztechnologien helfen. Dies wiederum würde die Kosten weiter senken und dem globalen Klimaschutz und unserer Wettbewerbsfähigkeit dienen.
Der VMDA hat sich mit einer Studie der Perspectives Climate Group angeschaut, welche Projekte profitieren könnten. Zunächst muss hierfür untersucht werden, welche Maßnahmen Staaten zum Beispiel in ihren NDCs selbst vornehmen werden. Naturgemäß sind dies zunächst jene mit geringen oder negativen Vermeidungskosten.
Industrielle Energieversorgung von Interesse
Darunter fallen zum Beispiel großskalige Erneuerbaren Energien, also Wind an Land und Photovoltaik im Utility-Maßstab. Sie sind so günstig geworden, dass der zusätzliche Erlösstrom aus dem Zertifikatehandel schlicht nicht mehr notwendig ist. Interessant sind dagegen Projekte in der industriellen Energieversorgung, in der „grünen“ Ammoniak- oder der Zement-Herstellung.
Gemeinsam haben die technischen Emissionsminderungen dabei, dass sie – im Vergleich mit natürlichen Senken – sehr gut mess- und verifizierbar sind. Will man also „high quality“-Zertifikate, kommt man hier um eine Abstufung kaum herum.
Geht es jetzt also los? Keineswegs, in der EU gibt es noch viele offene Fragen. Die Definition der „high quality“-Kriterien läuft noch, die Frage, wer die Zertifikate tatsächlich kaufen und anrechnen kann, ist noch offen und letztlich ist auch der Starttermin etwas unklar.
Also VDMA setzen wir uns für eine direkte oder indirekte Öffnung des EU-ETS für Artikel-6 Zertifikate ein. Ebenso wie Negativemissionen können sie ein Baustein eines ETS sein, der bis weit in die Klimaneutralität trägt, gleichzeitig dämpfen sie die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimaschutzes.
Europäische Wertschöpfung im Blick
Bei der Frage der Qualität der Projekte, kommt neben der Messung und Verifizierung der Minderungen auch ein industriepolitischer Aspekt ins Spiel. Jene Diskussionen, die wir mit Politiken um den Industrial Accelerator-Act führen, müssen sich auch hier widerspiegeln. Die Ausgestaltung muss dazu führen, dass europäisch mitfinanzierte Projekte auch zu europäischer Wertschöpfung führen.
Letztlich noch eine Frage: Führt all das nicht zu einem verzögerten Einsatz von aufwendigeren Klimaschutztechnologien? Potenziell ist das so; die schwierigen Markthochläufe in einigen Themen zeigen aber auch, dass es unter anderem die Weltmarktperspektive braucht, um in der EU in eine Technologie breit „einzusteigen“. Das Fitmachen für die letzten Prozent zur Klimaneutralität muss deshalb gut gemanagt werden und kann in einer Architektur aus Forschung mit Investitionen und Förderung, einem gut gemachten ETS und ambitionierterem Weltmarkt gelingen.
Matthias Zelinger ist Leiter des Competence Center Klima & Energie beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)
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