Standpunkt : Pragmatismus statt Dogma: Die Idee der Grüngasquote
Die Idee zur Grüngasquote datiert zurück auf den Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine. Die ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Bengt Bergt und Andreas Rimkus erarbeiteten das Konzept, das heute im GMG-Eckpunktepapier steht. Im Standpunkt erklären sie die Genese.
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Die aktuelle Debatte zur Grüngasquote ist verkürzt, verfälscht und stellt sie ins Licht der Verlängerung der fossilen Welt. Dabei ist sie exakt das Gegenteil: Sie ist das erste Konzept, das die zweitwichtigste Energiequelle in Deutschland endlich für die schrittweise Defossilierung öffnet.
Die Idee zur Grüngasquote stammt von uns. Wir wussten, dass in der aufgeheizten Stimmung zwischen den in ihrer Progressivität doch sehr dogmatischen Denkschulen des All-Electric-Ansatzes der Grünen, der reinsten Marktlehre der Liberalen und ordnungsrechtlichen Vorlieben von uns Sozialdemokraten wenig Platz in der politischen Debatte für einen pragmatischen Ansatz wie die Grüngasquote sein würde.
Doch in den aktuellen Eckpunkten zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) erkennen wir unsere Idee wieder: Angesetzt beim Inverkehrbringer, leistbar, pragmatisch, flexibel, handelbar, investitionsorientiert und realistisch.
Entstanden unter dem Eindruck der russischen Invasion
Der Ursprung der Idee liegt im Mai 2022. Russland hatte die Ukraine überfallen und die russischen Gräueltaten in Butscha wurden gerade öffentlich. Das vermeintlich klar unterlegene Nachbarland hielt hartnäckig dagegen und kämpft bis heute erbittert um jeden Zentimeter ukrainischen Bodens.
In Deutschland wurde uns die Abhängigkeit von Russland bereits im Oktober 2021 bewusst, als Putin Erdgas als Waffe testete. Russland hatte die Lieferungen um etwa sieben Prozent reduziert, was zu einer Preissteigerung von circa 30 Prozent führte. Im Juni dann: „Wartungsarbeiten“ an Nordstream. Keine Lieferung, explodierende Preise, Panik an den Märkten.
Unter diesem Eindruck entwarf das Wirtschafts- und Klimaministerium das LNG-Beschleunigungsgesetz. Bis zu fünf neue Flüssiggashäfen sollten schnell entstehen, um neue Lieferanten neben Russland zu erschließen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt Wasserstoffbeauftragter der Fraktion (Rimkus) und Berichterstatter für Windkraft, Offshore-Netzausbau und, ja: Erdgasinfrastruktur (Bergt). Uns war klar: Wir können nicht für weitere Jahrzehnte Infrastrukturen fossil betreiben. Wir müssen eine klare Transformationsperspektive geben.
Quote über alle Sektoren
Dazu kam: Wir waren mitten in den Verhandlungen zum Osterpaket – dem Erneuerbaren-Beschleunigungspaket. Gasnetz, Wasserstoff oder Sektorenkopplung kamen darin kaum vor. Und wenn, war es heftig umkämpft.
Es entstand die Skizze eines Graphen, wie sich der Hochlauf grüner Gase mit dem sinkenden Bedarf an fossilen Gasen treffen würde. Wir wogen ab, wie lang die Investitionszyklen sind und welche Branchen zu welchem Zeitpunkt defossilisieren könnten. Wer hat die Zahlungsbereitschaft, wo sind die Kunden für grüne Gase, wo die Kunden für reinen Wasserstoff?
Wir sagten: Wir ziehen die Quote über alle Sektoren und skalieren dort, wo die Zahlungsbereitschaft am höchsten ist. In unseren Augen am wahrscheinlichsten im Verkehrssektor. Dort treffen kurze Investitionszyklen auf Innovationsfreude, Ingenieurskunst und vor allem: Liquidität. Also könnte die Skalierung dort beginnen und dann auf andere Bereiche übergehen.
Wir gingen bereits ein Jahr vor der Klage gegen den Klimatransformationsfonds davon aus, dass der Staat für die Förderung einzelner Projekte nur begrenzte Mittel zur Verfügung hat. Darum waren wir schnell beim Ordnungsrecht – also Verpflichtungen unterlegt mit Strafen bei Verfehlung. Da wir aber kein Scheitern wie bei der ersten THG-Verkehrsquote riskieren wollten und als Sozialdemokraten klar Staat und Inverkehrbringer in der Pflicht sehen, nicht aber den Autofahrer, Handwerker oder Renter im Eigenheim, wussten wir: es müssen die Inverkehrbringer sein, also die Importeure von Gas.
Senkung der Treibhausgasemissionen als Ziel
Auch wollten wir sicherstellen, dass nicht zwingend beigemischt werden muss. Die Quote setzt im Portfolio des Inverkehrbringers an. Wie mit einem Schieberegler kann er den einen Kunden mit reinem Wasserstoff versorgen, die anderen mit kohlenstoffarmen Gasen und ja – bis 2045 auch Kunden mit fossilem Erdgas. Wichtig war uns, dass es um die Senkung der Treibhausgasemissionen geht – wie der Mix im Detail aussieht, liegt beim Inverkehrbringer. Die Quotenerfüllung ist aber Pflicht – damit wäre nach unseren Berechnungen die Erfüllung ab 2035 nur noch mit Biomethan, kohlenstoffarmen Gasen und Wasserstoff möglich.
Also muss der Inverkehrbringer investieren, um sich Produktionskapazitäten und Mengen an grünen Gasen und Wasserstoff zu sichern. Absolute Grundlage dafür ist natürlich, dass Herkunftsnachweise und Zertifikate auf einem liquiden Markt massenbilanziert ausgetauscht werden können. Betrug wäre damit deutlich erschwert.
Preissteigerungen für Defossilierung
Natürlich wollten wir niemanden überfordern. Also sollten unsere angenommenen Investitionszeiträumen sicherstellen, dass der Gaspreis nicht über Gebühr anstieg. Im Juli 2022 stand der Markt unter dem Eindruck explodierende Preise. Wir waren daher der Meinung, dass ein Mehrpreis von einem Cent pro Kilowattstunde im Endkundenpreis vertretbar ist. Maximal 10-15 Prozent konstanter Aufpreis für die Defossilierung eines kompletten Energiesystems bis 2045 erschien uns machbar.
Da wir gleichzeitig von Kostensenkungen durch Skalierungseffekte ausgingen, ergab sich ein Quotenverlauf, der bei 0,67 Prozent 2025 startete, bis 2030 auf 7,59 Prozent moderat anstieg, um 2045 bei 98,2 Prozent zu enden.
Wir mussten bis 2045 keinen Bedarf von 900 Terawattstunden Gasverbrauch in Deutschland annehmen. Die Elektrifizierung und Effizienzsteigerungen in allen Sektoren würde – wie auch von allen einschlägigen Instituten geschätzt – die Größe des Zielmarkts zwischen 200 und 450 Terawattstunden verorten. Darum steht dem Hockeyschläger des Hochlaufs die abfallende Kurve des sinkenden Bedarfs entgegen. Das lässt den sehr steil anmutenden Hochlauf Mitte der 30er Jahre in einem realistischeren Licht erscheinen. Fertig war die Grüngasquote.
Die Lobbyarbeit begann
Seitdem stellten wir das Konzept bei Verbänden, Firmen und Denkfabriken vor. Dort macht man sich ernsthaft Gedanken und nimmt diesen Vorschlag dankbar auf. Er wurde intensiv, konstruktiv und kritisch diskutiert. Botschaften einzelner Nachbarländer luden uns ein und sind äußerst interessiert. Selbst der politische Wettbewerber aus dem konservativen Lager griff das Konzept auf.
Auch der Verband Die Gas und Wasserstoffwirtschaft – damals noch Zukunft Gas – stellte sich hinter den Entwurf und beauftragte Frontier Economics mit einer Studie dazu, weitere Stellungnahmen und Bewertungen folgten. Die Frontier Economics Studie bleibt aber die Grundlage der heutigen Diskussion – oder sollte sie sein.
Primärenergiebedarf größtenteils fossil
So wird möglich innerhalb von nunmehr 19 Jahren einen sinkenden Erdgasverbrauch von knapp 900 TWh durch klimaneutrale Gase zu ersetzen. Zur Einordnung: Deutschland hat einen Primärenergiebedarf von circa 2.500 Terawattstunden im Jahr – davon sind zurzeit 80 Prozent fossil und erst 20 Prozent erneuerbar. Zum Vergleich: Um diese Energiemenge zu produzieren, müsste man 166.667 Windturbinen mit jeweils 6 Megawatt Leistung bauen; aktuell stehen in Deutschland etwas mehr als 30.000 Stück. Und dann ist die Energie noch nicht für den Winter gespeichert. Es liegt also noch ein gutes Stück Strecke vor uns.
Darum wünschen wir den Politikern, die sich jetzt mit dem Thema befassen, viel Erfolg, Ehrlichkeit und Besonnenheit. Es ist komplex und das deutsche Recht ist kompliziert, aber wir müssen ran.
Bengt Bergt ist seit 2025 Leiter Public Affairs beim Verband Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft, zuvor saß es für die SPD im Bundestag. Andreas Rimkus ist seit 2025 Präsident des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung, auch er saß zuvor für die SPD im Bundestag.
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