Warten auf den Netzanschluss : Projekte für Batteriespeicher „On Hold“ – Netzbetreiber blockieren Energiewende
Der Netzanschluss wird zum Flaschenhals beim Ausbau der Batteriespeicher. Das zeigt eine Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen des BNE, über die Nadine Bethge, Leiterin Neue Energiesysteme beim Verband, schreibt. Sie gibt einen Einblick in die Ergebnisse und benennt die Ursachen.
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Alle wollen Speicher – nur die Verteilnetzbetreiber nicht. Du kommst hier nicht rein – das ist eine Standardmentalität der Wächter über die Netzzugänge. Dabei pfeifen die Spatzen es von den Dächern: Verbrauch und Erzeugung von Solarstrom müssen aneinander angepasst werden. Der monatliche Marktwert für Solarstrom sank im Juni 2025 auf 1,84 Cent pro Kilowattstunde bei gleichzeitig 141 Stunden mit negativen Strompreisen.
Günstige erneuerbare Energie hat man, nur zeitlich in den Abend verschoben bekommt man sie noch zu wenig. Der Weg dahin ist im Grunde banal: Einspeichern, Ausspeichern. Der Monitoringbericht zum Start der 21. Legislaturperiode unterstreicht die Notwendigkeit: „Indem mehr erneuerbarer Strom genutzt und weniger abgeregelt werden muss, verdrängen Speicher fossile Erzeugung.“
Kalifornien macht es schon längst vor – dort hat man die mittäglichen Sonnenstunden einfach in den Abend geschoben. Und Speicher an PV-Anlagen stünden im Winter auch zum Zwischenlagern von Windenergie zur Verfügung und können zusätzlich wertvolle Systemdienstleistungen erbringen. Daher braucht es auch Netzbezug und damit einhergehend einen Netzanschluss, der dies zulässt.
Und hier gibt es große Stoppschilder, wie eine Umfrage unter führenden Projektierern ergibt. Im Grunde hat die Branche große Pläne für den Ausbau von Batteriespeichern an Freiflächenanlagen, doch diese drohen an mangelnden Netzanschlüssen und fehlender Anschlusstransparenz zu scheitern.
Netzbetreiber als Bremsklotz
Eine aktuelle Umfrage unter 15 führenden Solarpark-Entwicklern zeigt: Diese 15 Unternehmen wollen allein bis Ende 2025 rund 500 Megawattstunden Speicher ans Netz bringen und ein Jahr später bereits das Sechsfache. Gleichzeitig laufen Netzanschlussbegehren für weitere 8405 Megawatt (8,4 Gigawatt!) bei neuen Solarprojekten und nochmals mehr als 2 GW bei Nachrüstungen (Retrofit) an bestehenden Netzanschlüssen der Solarparks.
Das Investitionsinteresse und der Investitionswille sind also enorm, auch wegen der Marktwerte. Doch der Flaschenhals ist das Netz beziehungsweise der Netzzugang, den Netzbetreiber nicht gewähren und Speicher nicht anschließen wollen oder können – obwohl genau das deren Aufgabe ist: Netzbetreiber müssen Anlagen „unverzüglich“, also ohne schuldhaftes Zögern, an das Netz anschließen, so steht es im Paragraf 8 des EEG. In der Regel finanziert und realisiert daher der Betreiber den Netzanschluss selbst. Aber auch das geht nur, wenn man ans Netz darf.
Doch was ist los bei den Netzbetreibern? Die Schilderungen aus der Branche zeichnen ein verheerendes Bild: Kommunikation findet oft gar nicht statt, Rückmeldungen ziehen sich über teilweise neun Monate und länger, Anforderungen ändern sich willkürlich, Formulare sind uneinheitlich, die Digitalisierung der Prozesse ist ein Manko. Selbst wenn Netzkapazitäten bereits zugesichert waren, werden diese kurzfristig wieder entzogen. Projektierer wurden trotz schriftlicher Bestätigung abgewiesen, weil ein anderer angeblich „schneller“ war.
E.DIS, Westnetz, Mitnetz, Sachsennetz oder N-ERGIE werden als Negativbeispiele genannt. Der Tenor: Anstelle einer konstruktiven Zusammenarbeit erleben Entwickler systematische Hinhaltetaktiken, pauschale Absagen und eine „Bittsteller-Position“.
Politische Verantwortung und strukturelle Reformen
Für die Energiewende ist diese Praxis brandgefährlich. Manche Projektierer verzichten beispielsweise darauf, während der Entwicklungsphase eines Solarparks einen Speicher im Nachhinein zu beantragen, schlichtweg aus Angst, dass dadurch die gesamte Netzanschlusszusage für den Solarpark selbst gefährdet würde.
Die gesetzlich vorgesehenen „flexiblen Netzanschlussverträge“, die Anschlussengpässe entschärfen könnten, existieren bislang nur auf dem Papier und in Debatten: Netzbetreiber verweigern Gespräche hierüber, schieben Entscheidungen auf die lange Bank oder legen die entsprechenden Initiativen auf Eis.
Damit blockieren ausgerechnet jene Akteure, die eigentlich den Umbau des Stromsystems vorantreiben müssten, eine Technologie, die gleich mehrere der drängendsten Herausforderungen der Energiewende lösen könnte: Bedarfsgerechte Stromlieferung, Flexibilität, Systemstabilität. Oder ganz einfach: den Shift der mittäglichen Einspeise- und abendlichen Preisspitzen.
Der Umbau des Energiesystems darf nicht an der fehlenden Kooperationsbereitschaft einzelner Akteure scheitern. Projektierer und Investoren sind bereit, Milliarden in Speicher zu stecken. Es braucht jetzt klare politische Signale und strukturelle Reformen: Verbindliche Fristen für Netzanschlussverfahren (siehe aktuelle EnWG-Novelle), standardisierte und digitalisierte Prozesse und eine deutlich verbesserte Netztransparenz (siehe Koalitionsvertrag und Monitoringbericht), transparente Kriterien für die Kapazitätsreservierung und -vergabe und einen Rechtsanspruch für flexible Netzanschlussverträge.
Stillstand gefährdet Zukunftsziele
Wenn man das Problem größer betrachtet, denn es ist nicht nur die Solarpark-Speicher-Netzanschluss-Misere, dann muss folgendes konstatiert werden: Ohne flächendeckende und verlässliche Zusagen für Stromnetzanschlüsse droht ein struktureller Stillstand. Die Energiewende, die digitale Transformation, die Modernisierung der Wirtschaft und die Daseinsvorsorge stehen auf dem Spiel.
Deutschland muss sich aus der aktuellen wirtschaftlichen (Infra-)Strukturkrise herausmanövrieren und hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Klimaneutralität bis 2045, Digitalisierung aller Lebensbereiche, Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit und eine resiliente Infrastruktur. Doch diese Ziele sind nur erreichbar, wenn die notwendige Energieinfrastruktur ausgebaut wird und der Zugang zum Stromnetz für Verbraucher, Erzeugungsanlagen und Speicher konsequent und zügig bereitgestellt wird.
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