Fast 12.000 Hitzetote : Kampf gegen Hitze muss ambitionierter werden
11.900 Hitzetote allein in Deutschland, brennende Wälder, Ernteausfälle – und aus Berlin noch kaum ein Wort. Europäische Gesundheitsakteure fordern einen Ambitionssprung. Wer über zu hohe Gesundheitsausgaben klagt und Klimaanpassung vertagt, rechnet falsch, argumentiert Christian Schulz von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Gemeinsam mit dem European Hub of the Planetary Health Alliance hat KLUG die European Declaration on Heat and Health erarbeitet.
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Einige europäische Länder haben Hitzeschutzpläne, Frühwarnsysteme sind etabliert, die Europäische Union (EU) hat 2021 eine Anpassungsstrategie beschlossen, das Europäische Parlament rief bereits 2019 den Klimanotstand aus. Und trotzdem: Der Europabericht 2026 des Lancet Countdown zeigt, dass die hitzebedingte Sterblichkeit in 99,6 Prozent der untersuchten europäischen Regionen gestiegen ist.
Allein 2024 starben rund 63.000 Menschen in Europa an Hitze. Noch zählen wir die Toten dieses Sommers: Für Deutschland kommt das Robert Koch-Institut bislang auf 11.900 hitzebedingte Sterbefälle und hält diese Zahl aus methodischen Gründen für zu niedrig.
Immer noch wüten in Europa Waldbrände, Feuerwehrmänner sind ums Leben gekommen, Menschen in ihren Autos verbrannt – dazu kommen die Folgen des Feinstaubs.
Vor diesem Hintergrund haben die europäischen Partner der Planetary Health Alliance die European Declaration on Heat and Health initiiert: Sie fordert einen Sprung im Ambitionsniveau. Innerhalb weniger Tage haben über 80 Organisationen unterzeichnet, darunter in Deutschland die Bundesärztekammer, Landesärztekammern, Fachgesellschaften, Krankenkassen und Universitätskliniken.
Wir sind nicht vorbereitet
Diese Hitzewelle hat schonungslos gezeigt, dass wir auf keiner Ebene angemessen vorbereitet sind – nicht in Krankenhäusern, nicht in der Pflege, nicht in den Kommunen. Entweder hatten wir keine Pläne, oder sie haben größtenteils versagt. Besonders betroffen waren ältere Menschen, unter ihnen viele Alleinlebende, nach denen niemand sieht. Die große Mehrheit war in irgendeiner Form beeinträchtigt: gesundheitlich, in ihrer Produktivität und in der Sorge vor dem, was kommt.
Ein Schadensereignis dieser Größenordnung müsste eine ressortübergreifende Antwort auslösen: Gesundheit, Bauen, Arbeit, Inneres, Landwirtschaft, Finanzen. Stattdessen verweist der Bund auf Länder und Kommunen, diese auf knappe Kassen. Dem setzt die Erklärung einen Satz entgegen, der auch für Deutschland gilt: Wir weigern uns, das als neue Normalität zu akzeptieren.
Zuerst: gemeinsam auswerten, was versagt hat
Das Dringendste kostet zunächst kein Geld. Die Akteure müssen sich jetzt zusammensetzen – in Bund, Ländern und Kommunen, mit Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, Rettungsdiensten, Katastrophenschutz und Sozialdiensten – und auswerten, was funktioniert hat. Wo blieben Warnungen folgenlos? Welche Einrichtungen mussten Räume sperren? Wo blieben Alleinlebende unerreicht? Vieles lässt sich vor der nächsten Hitzewelle korrigieren. Solche Lagebesprechungen sind die schnellste Form der Schadensbegrenzung – ihre Ergebnisse gehören auf den Tisch der Bundesregierung.
Anschließend braucht es, was das Bündnis zum Hitzeaktionstag zwei Wochen vor der Hitzewelle benannt hat: Extremhitze verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz integrieren, mit klaren Verantwortlichkeiten von Bund, Ländern und Kommunen und Maßnahmen, die an Warnstufen gekoppelt sind.
Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz verpflichtet zu Strategien, lässt die Finanzierung aber offen – das europäische Muster im Kleinen: Pläne ja, Mittel nein. Nötig sind dauerhafte Finanzierungsstrukturen, etwa durch den Einsatz des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie eine Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz. Und Hitzeschutz muss endlich als Arbeitsschutz verstanden werden – auch für die Beschäftigten, ohne die niemand versorgt werden kann.
Hitze trifft Versorgung und Finanzierung zugleich
Hitze ist kein saisonales Kommunikationsthema mehr, sondern Versorgungsrisiko und struktureller Kostentreiber. Was als Übersterblichkeit in die Statistik eingeht, ist im Alltag eine auf wenige Tage konzentrierte Welle von Notaufnahmekontakten und ungeplanten Aufnahmen.
Das Gesundheitssystem wurde für dieses Klima nicht gebaut: Räume, die sich nicht kühlen lassen, Pflegeheime ohne Verschattung, Personal, das unter Hitzebelastung selbst ausfällt. Ausgerechnet in der Woche der höchsten Nachfrage sinkt die Leistungsfähigkeit.
Wer ambitionierte Klimaanpassung für teuer hält, sollte die Alternative kalkulieren. Der Versicherer Allianz hat im Mai 2026 die Folgen wiederkehrender Extremhitze durchgerechnet: Für die am stärksten betroffenen europäischen Volkswirtschaften ergeben sich kumulierte Verluste von fünf bis sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts über fünf Jahre, für Deutschland rund 131 Milliarden US-Dollar.
Für die Krankenkassen zählt das auf beiden Seiten der Bilanz: Geringere Wirtschaftsleistung und niedrigere Reallöhne bedeuten weniger Beiträge. Hitzeschäden sind zudem kaum versicherbar – sie zeigen sich in verlorenen Arbeitsstunden, Krankheit und Übersterblichkeit und landen bei Patientinnen und öffentlichen Haushalten. Anpassungsinvestitionen gehören damit zu den renditestärksten öffentlichen Ausgaben überhaupt.
Anpassung allein reicht nicht
Bei knapp 1,5 Grad stoßen wir an Grenzen Bei zwei Grad wird Anpassung zum Wettlauf, den kein Gesundheitssystem gewinnen kann. Deutlich unter zwei Grad zu bleiben, ist deshalb keine umweltpolitische Zusatzambition, sondern Voraussetzung dafür, gesamtvolkswirtschaftlich eine Perspektive zu behalten.
Davon ist Europa weit entfernt: Über 400 Milliarden Euro jährlich fließen weiter in fossile Subventionen – ein Vielfaches dessen, was in Anpassung und Gesundheitsschutz investiert wird.
Ein weiterer Hebel sind die Ernährungssysteme mit einem Drittel der globalen Treibhausgasemissionen: Pflanzenbetonte Ernährung ist zugleich Klimaschutz, Prävention und Vorsorge gegen Ernteausfälle.
Das Zeitfenster ist jetzt
Die Europäische Kommission bereitet derzeit das European Climate Resilience Framework vor, das Ende 2026 verabschiedet wird. Es entscheidet, ob aus den Lehren dieses Sommers verbindliche Verpflichtungen werden oder eine Strategie ohne Konsequenz.
Die Erklärung fordert daher verbindliche Anpassungsverpflichtungen, überprüfbare Gesundheitsziele und einen europäischen Heat-Health Action Plan mit Notfallfonds für Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen.
Der Sektor ist weiter als die Politik
Die Erklärung nimmt auch das Gesundheitswesen selbst in die Pflicht: einrichtungsspezifische Hitzepläne, die uns in Wochen wie denen im Juni funktionsfähig halten, Schutz des Personals als Voraussetzung des Patientenschutzes, aufsuchende Strukturen für isolierte ältere Menschen und bauliche Anpassung auf dem Weg zum klimaneutralen Betrieb.
Allein leisten kann unser Sektor das nicht: Kühle Städte, klimafeste Gebäude und saubere Energie entstehen in den Kommunen und auf europäischer Ebene. Wir wollen ein Europa, in dem niemand einen vermeidbaren Hitzetod stirbt. Die Erklärung ist offen für weitere Unterzeichner.
Professor Christian Schulz ist Geschäftsführer und inhaltlicher Leiter der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG).
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