Kritische Rohstoffe : Warum sich bei Lithium der Blick nach Kanada lohnt

Mirco Wojnarowicz
Mirco Wojnarowicz, CEO von Rock Tech Lithium Foto: Rock Tech Lithium

Europa hat bei kritischen Rohstoffen viel richtig erkannt. Mit dem Critical Raw Materials Act und dem RESourceEU-Aktionsplan hat die EU wichtige Grundlagen geschaffen. Doch in globalen Rohstoffmärkten gewinnt nicht, wer die beste Strategie formuliert. Es gewinnt, wer daraus Investitionsentscheidungen und Produktionskapazitäten macht, schreibt Mirco Wojnarowicz vom Rohstoffunternehmen Rock Tech Lithium.

von Mirco Wojnarowicz, Rock Tech Lithium

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Bei Lithium zeigt sich diese Herausforderung besonders deutlich. Ohne Lithium gibt es keine wettbewerbsfähige Batterie- und Elektroindustrie. Zugleich gewinnt Lithium für moderne Verteidigungstechnologien strategisch an Bedeutung. Wer Zugang und Verarbeitung von Lithium nicht absichert, riskiert neue Abhängigkeiten in zentralen Industrie- und Sicherheitsbereichen.

Europa hat nicht in erster Linie ein Rohstoffproblem. Europa hat ein Verarbeitungsvakuum. Über 90 Prozent des weltweit verarbeiteten Lithiumhydroxids aus Hartgestein stammen heute aus China. Deshalb reicht es nicht, Lieferquellen zu diversifizieren. Europa muss Verarbeitungskapazitäten im eigenen Wirtschaftsraum aufbauen. China hat diesen Zusammenhang früh erkannt und spielt längst in einer anderen Liga. Doch inzwischen droht Europa, auch von strategischen Partnerländern überholt zu werden. Nicht weil diese gegen Europa arbeiten, sondern weil sie schneller und pragmatischer vorangehen. Besonders der Blick nach Kanada lohnt sich.

Strategischer Wille und politische Kultur

Kanada verfolgt das Ziel, ein bevorzugter globaler Lieferant für verantwortungsvoll gewonnene kritische Mineralien zu werden. Das Land verknüpft Rohstoffsicherung, Verarbeitung, Infrastruktur, Finanzierung und internationale Partnerschaften zu einem kohärenten Ansatz. Entscheidend ist dabei nicht die Höhe der Mittel, sondern die politische Kultur dahinter: enge Begleitung, Pragmatismus und der erkennbare Wille, strategische Projekte zu ermöglichen.

Auf beiden Seiten des Atlantiks sind Industrievorhaben mit hoher strategischer Relevanz zum Aufbau einer heimischen Lithiumverarbeitung in Planung. In der EU werden sie unter dem Critical Raw Materials Act (CRMA) als strategisch anerkannt, in Kanada durch entsprechende Programme auf Bundes- und Provinzebene. Der Unterschied liegt weniger im regulatorischen Rahmen als im politischen Vollzug und dem Zeitpunkt, zu dem staatliche Unterstützung greift. In Kanada stimmen die zuständigen Stellen Genehmigungen, Förderzusagen und private Anschlussfinanzierungen eng und in kurzer Zeit miteinander ab; die staatliche Zusage kommt früh genug, um privates Kapital in der entscheidenden Anfangsphase eines Projekts zu mobilisieren.

In Deutschland und der EU stehen mit CRMA und Rohstofffonds vergleichbare Instrumente bereit. Sie greifen jedoch meist erst, wenn ein Projekt die Finanzierung bereits weitgehend gesichert oder einen industriellen Ankerinvestor gewonnen hat – also dann, wenn die Privatwirtschaft das Vorhaben nahezu allein an den Start gebracht hat. Damit verschenkt Europa die eigentliche Wirkung dieser Instrumente. Denn ein frühes, verbindliches Commitment – etwa aus dem Rohstofffonds – wäre genau das Vertrauenssignal, das strategische und finanzielle Partner brauchen, um in einem volatilen Markt zu investieren. Drei Hebel lassen sich vom kanadischen Ansatz ableiten:

1. Vertrauen durch verlässliche Rahmenbedingungen

Privates Kapital folgt Verlässlichkeit. Verarbeitungsanlagen für Lithium werden über Jahrzehnte finanziert; wer solches Kapital einwirbt, bewertet die politische Stabilität eines Standorts so genau wie seine Betriebskosten. Entscheidend ist daher nicht ein einmaliges Bekenntnis, sondern ein Rahmen, auf den sich Investoren über die gesamte Projektlaufzeit verlassen können — über Legislaturperioden und Konjunkturzyklen hinweg. Es geht nicht darum, jedes wirtschaftliche Risiko zu verstaatlichen, sondern strategische Prioritäten sichtbar und verlässlich zu machen.

2. Finanzierung in der entscheidenden Projektphase

Viele Rohstoff- und Verarbeitungsprojekte scheitern nicht an Technologie, Nachfrage oder Genehmigungen, sondern an der Lücke zwischen Projektentwicklung und finaler Investitionsentscheidung. In dieser Phase entstehen bereits hohe Kosten, obwohl die Projekte noch keine Erträge erwirtschaften. Deutschland hat mit dem Rohstofffonds einen wichtigen Anfang gemacht und plant, ihn weiter auszubauen. Seine volle Wirkung entfaltet der Fonds aber nur, wenn er früh greift — als Teil der Gesamtfinanzierung und nicht erst dann, wenn die Privatwirtschaft ein Projekt bereits weitgehend allein gestemmt hat. Ein verbindliches Commitment in dieser Phase ist selbst das Signal, das weiteres privates Kapital mobilisiert. Genau darin liegt der Unterschied zum kanadischen Vollzug: Dort kommt die staatliche Zusage früh genug, um als Hebel zu wirken — statt spät genug, um nur noch zu bestätigen, was ohnehin schon steht.

3. Rohstoffzugang und Verarbeitung zusammendenken

Kanada verfügt über eigene Rohstoffvorkommen. Europa muss Versorgungssicherheit deshalb stärker über verlässliche Lieferbeziehungen, eigene Verarbeitungskapazitäten und strategische Vorräte organisieren. Staatlich gestützte Lithiumreserven, analog zu strategischen Ölreserven, könnten Planungssicherheit schaffen, Mengen absichern und Investitionen in Verarbeitungskapazitäten erleichtern.

Das ist kein Ruf nach Dauersubventionen. Es geht um gezieltes De-Risking in einer strategisch entscheidenden Phase. Der Staat muss private Investitionen nicht ersetzen. Aber er kann sie ermöglichen, wo geopolitische Abhängigkeiten, volatile Märkte und hohe Anfangsinvestitionen strategisch notwendige Projekte sonst ausbremsen.

Gerade weil vergleichbare Projekte hier wie dort möglich sind, zeigt der Blick nach Kanada, an welchen Stellschrauben Europa jetzt ansetzen kann. Europa braucht eine regionale Batteriewertschöpfungskette. Gerade Deutschland mit seiner starken Automobil-, Maschinenbau- und Chemieindustrie hat jedes Interesse daran, kritische Rohstoffe nicht nur zu importieren, sondern sicher in Europa zu verarbeiten und damit den industriellen Wohlstand langfristig zu sichern.

Europa hat die richtigen Ziele formuliert. Jetzt müssen daraus konkrete Investitionen und industrielle Kapazitäten werden. Denn Rohstoffsouveränität entsteht dort, wo stabile Rahmenbedingungen, Genehmigungen, Finanzierung und industrielle Produktion zusammenkommen. Daran entscheidet sich die industrielle Zukunft Europas.

Mirco Wojnarowiczi ist CEO bei Rock Tech Lithium und seit 2022 dort tätig. Das Rohstoffunternehmen will in Brandenburg Lithiumhydroxid herstellen.

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