Klimawandel : Vertrauen reicht nicht: Warum die Wirtschaft echte Klimatransparenz liefern muss
Die Wirtschaft fordert in der Krise mehr Vertrauen und weniger Nachhaltigkeitsregulierung. Dabei erzählt ihre Klimabilanz eine andere Geschichte. Während viele Unternehmen ambitionierte Ziele verkünden, steuern die DAX40 real auf einen 3-Grad-Kurs zu, schreibt Hannah Helmke, Co-Gründerin des auf Klimabilanzen spezialisierten Anbieters „Right. Based on Science“. Sie wirbt für einen nüchternen Blick auf Transparenz, Verantwortung und echte Transformation.
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Die Debatte um klimabezogene Regulatorik nimmt eine bemerkenswerte Wendung in ihrem Tenor: Die Dekarbonisierung sei bei den Unternehmen angekommen, jeder mache das, weil es ja auch wirtschaftlich sinnvoll sei, man rede nur nicht mehr so viel darüber. Kein Grund also, mit überbordender Regulatorik planwirtschaftliche Verhältnisse und damit ein volkswirtschaftliches Desaster zu schaffen, so die Argumentation.
Stattdessen solle den Entscheidern in den Unternehmen vertraut werden, sie wüssten schließlich, was sie tun – alles gut. Solarpaneele auf einer Logistikhalle hier, zwei weitere E-Ladesäulen dort. Ein Post über den Vorstand beim Clean-up hier und ein wissenschaftsbasiertes Klimaziel-Commitment dort. Ist das die Transition? Sind wir drin?
Nur fünf Unternehmen aus den DAX40 tun, was sie sagen
Ein Blick in die Zahlen gibt uns Orientierung: Die DAX40 als Leittiere der Deutschen Wirtschaft waren im Jahr 2023 auf 2,3- Grad-Kurs. Im Jahr 2024 waren sie auf 3-Grad-Kurs, also in der ganz falschen Richtung unterwegs, wenn das Ziel 1,5 Grad heißen soll. Gleichzeitig kommunizieren die DAX40 Klimaziele, die immerhin mit einem 1,9-Grad-Kurs im Einklang wären.
Nur fünf der DAX40 tun jedoch, was sie sagen und sind bis einschließlich 2024 auf einem Paris-konformen Pfad unterwegs – das sind Adidas, Deutsche Börse, Porsche, RWE und Siemens Healthineers. Sieben weitere sind ebenfalls auf einem Paris-konformen Pfad unterwegs, ohne dass sie dafür das entsprechende Ziel haben und bei neun Unternehmen ist es genau andersherum: Sie kommunizieren ein Paris-konformes Ziel, bewegen sich bis einschließlich 2024 aber scheinbar ohne Kompass auf bis zu 5-Grad-Pfaden. Die Zahlen stammen aus dem „whatif?-Report 2025“, der sich anschaut, wie schnell die Unternehmen ihre Wertschöpfung vom Ausstoss von Emissionen entkopplen. Je schneller die Entkopplung, desto niedriger die Grad-Zahl.
Das ist also nicht die Transition
Wer Vertrauen will, muss liefern – so einfach ist das nun mal. Deshalb entsteht Vertrauen durch Transparenz. Ohne irgendeine Form der Berichterstattung funktioniert das mit dem Vertrauen also nicht, und die Argumentation dafür, das Bürokratiemonster Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) am besten vollständig durch Vertrauen zu ersetzen, ist unlogisch.
Muss die Berichterstattung eine mit bis zu 180 Seiten voll von abstrakten Zahlen und Informationen sein, die niemand liest und gleichzeitig schon mal als größter Jahreserfolg einer Nachhaltigkeitsabteilung auf LinkedIn gepostet wird? Nein, sicher nicht. Und zugegeben, die CSRD scheint das Werk eines Hühnerhaufens zu sein, bei dem jeder seine Punkte auf eine Liste geworfen hat.
Weil man der Meinung war, dass diese Punkte wichtig seien. Nicht, weil es handfeste Evidenz aus dem direkten Umfeld der Unternehmen dafür gibt, dass sie es sind. Es scheint, als musste jemand diese Punkte dann in einen zusammenhängenden Text gießen und all das war so anstrengend, dass keine Kraft mehr dafür blieb, die Brücke in die Realität zu bauen.
Damit braucht die CSRD fraglos eine Überabeitung im Sinne von „reduce to the max“. Sie hätte einen messerscharfen Fokus auf die Dringlichkeit von Themen wie Klimatransition oder Biodiversitätsverlust zur Folge, der in einem echten Wertbeitrag resultieren würde.
Etwas Differenzierung: ESRS E1-Standards sind nützlich
Die technischen Standards ESRS E1 für die CSRD-Berichterstatung fordern Unternehmen auf darzustellen, wie sie ihre Geschäftsmodelle eigentlich auf 1,5 Grad ausrichten möchten. Das ist eine clevere Frage, denn die Lücke zu 1,5 Grad ist eine Innovationslücke, die nur mit Zukunftstechnologien geschlossen werden kann. Diese Technologien befinden sich auch auf der Hightech-Agenda der Bundesregierung (und in ganz normalen Investitionsprogrammen der USA und Chinas): Kernfusion und klimaneutrale Energieerzeugung, Mikroelektronik oder Technologie für klimaneutrale Mobilität. Der Markt für Klimatechnologien wächst um gigantische 15 Prozent per annum und gleichzeitig werden Emissionen aus fossilen Brennstoffen aufgrund von geopolitischen Konflikten im Zuge der Verschiebung von Machtverhältnissen immer riskanter.
Deutsche Unternehmen haben Angst, von Wettbewerbern aus China verdrängt zu werden, wo in der Vergangenheit sagenhafte vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Entwicklung von Klimatechnologie gesteckt wurden. Das entspricht dem Anteil des BIP, das Amerika im kalten Krieg in die Aufrüstung gesteckt hat. Die Entwicklung von E-Mobilität in China hat verändert, wie die Welt in Energie investiert.
China hat seine Wirtschaft mit einer Autokratie als Staatsform aufgebaut. Deutschland muss sie mit einer etwas erschöpften Demokratie transformieren. Die notwendigen Investitionen in Effizienz, Elektrifizierung, erneuerbare Energien und Zirkularität sind massiv. Gleichzeitig sind die Dekarbonisierungsanforderungen an Unternehmen, die durch Transition an die Weltmärkte anschlussfähig bleiben beziehungsweise werden wollen, so hoch, dass sie oft nur durch eine Veränderung von Geschäftsmodellen erfüllbar sind. Auf Gesellschaften, in denen das Motto „Es ist schon immer gut gegangen“ gilt, kommt ein Realitätsschock und viel, viel Arbeit zu – da ist es irgendwie legitim, den Kopf in den Sand zu stecken.
Entkopplung von Wertschöpfung und Emissionen
Für alle, die entscheiden, den Kopf hochzuhalten: Es macht durchaus Sinn, sich der Frage anzunähern, wie die Entkopplung von Wertschöpfung und Emissionen für das eigene Unternehmen aussehen könnte, um die Lücke zu 1,5 Grad zu schließen. Sie führt Entscheider durch wichtige strategische Fragen: Wie verändern sich Märkte und was sind die Treiber? Womit verdienen wir unser Geld in der Zukunft? Welche Strategie ist die richtige? Haben wir die Kraft, Meinungsführer zu sein, oder bewegen wir uns erst dann, wenn der Wettbewerb sich bewegt? Wie bekommen wir mit, wenn der Wettbewerb sich bewegt? Was heißt das alles für die Beziehung zu Kunden, Talenten und zum Kapitalmarkt?
Um der Frage auf den Grund zu gehen, werden Emissionen und Wertschöpfung nach verschiedenen Szenarien in die Zukunft projiziert. Der resultierende Grad an Entkopplung kann in eine einfach verständliche Grad-Zahl übersetzt werden. Ein Business as Usual-Szenario: 3 Grad – zu gefährlich für die Reputation. Ein moderates Investitionsszenario: 2,1 Grad – schon deutlich weniger gefährlich. Diese Szenarien bilden die Basis für einen faktenbasierten Dialog, der die Transition wirklich ins Rollen bringen kann: Finanzierungslösungen für teure Technologien, Digitalisierung für Handlungsfähigkeit und Governance für die passende Führung. Das macht sogar Spaß.
Damit stehen die Rahmenbedingungen, um bestehende technologische Möglichkeiten zu nutzen und sich als Unternehmen mit einer Gesellschaft zu verbinden, die immer mehr Angst vor dem Klimawandel hat. Das Ergebnis: Die Antwort auf die Frage aus ESRS E1, wie das Unternehmen seine Geschäftsentwicklung auf 1,5 Grad ausrichtet. So unnütz ist das gar nicht – zumindest nicht für Talente, die ihr Können Transitionsunternehmen zur Verfügung stellen wollen oder für Finanzierer, die in Zukunftstechnologien investieren möchten oder für andere Firmen, die Geschäftspartner suchen, die Transition beherrschen.
Vertrauen lässt sich aufbauen
Der aktuelle 3-Grad-Kurs der DAX40 zeigt, wie weit wir davon entfernt sind, die Forderung nach Transparenz als unsinnig abzutun. Und wenn noch nicht mal die Leittiere der deutschen Wirtschaft sich die Forderung nach Vertrauen leisten können, wie sieht es dann im Mittelstand aus? Hätte man sich einfach mehr Mühe mit der CSRD gegeben, wüssten wir es schon. Ohne CSRD müssen diejenigen, die Vertrauen fordern, andere Wege finden, die dafür notwendige Transparenz in die Waagschale zu werfen.
Hannah Helmke ist Mitgründerin und CEO des Unternehmens Right. Based on Science. Es bietet Software-Lösungen an, welche die Beiträge von Unternehmen, Immobilien oder Finanzportfolios zur Erderwärmung berechnen.
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