Transformation : Warum Energiepolitik nach strukturellem Bedarf planen muss
Die deutsche Energiepolitik hat ein Prognoseproblem: Sie starrt auf kurzfristige Verbrauchskurven. Als strategischer Kompass für die Transformation reicht das nicht, findet Fabio Griemens. Es braucht eine vorausschauende Energiepolitik, die den Ausbau der Erneuerbaren als Voraussetzung für Stabilität und Tempo begreift und strukturelle Bedarfe ernst nimmt, statt zu bremsen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Der aktuelle Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums sieht die Energiewende grundsätzlich auf Kurs, gleichzeitig brauche es ein hohes Ausbautempo bei den Erneuerbaren. Doch die politische Praxis widerspricht dieser Einschätzung: Ein möglicher Förderstopp für private Solaranlagen steht im Raum. Gleichzeitig sollen Gaskraftwerke mit Milliarden subventioniert werden – ausgerechnet aus dem Klima- und Transformationsfonds.
Eine moderne Energiepolitik darf sich nicht an Verbrauchswerten von gestern orientieren. Sie muss den strukturellen Strombedarf der kommenden Jahre im Blick haben. Dafür braucht es jetzt Tempo beim Ausbau – vor allem bei Speichern, Netzen und Beteiligungsmodellen, den Grundvoraussetzungen für Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Resilienz.
Monitoringbericht: klare Warnsignale
Industrieprozesse, E-Mobilität, Wärmepumpen, Rechenzentren und KI-Infrastruktur treiben den Strombedarf in Deutschland massiv nach oben. Der Monitoringbericht zum Start der 21. Legislaturperiode beziffert den Bruttostrombedarf 2030 auf 600 bis 700 TWh. Diese Dynamik muss heute schon mitgedacht werden, wenn die Versorgung von morgen sicher, bezahlbar und klimaneutral bleiben soll.
2024 lag die inländische Stromeinspeisung bei 431,5 TWh, davon 59,4 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Zugleich war Deutschland 2024 Nettostromexporteur – trotz des Rückgangs von Kohle- und Gaskraftwerken flossen 34 TWh ins Ausland. Das zeigt: Energie wird produziert, Engpässe liegen nicht primär bei der Erzeugung, sondern bei Netzen und Standorten.
Die Expertenkommission bewertet den Fortschritt mit der Ampelfarbe gelb: Handlungsbedarf besteht bei Netzen, steuerbaren Kapazitäten und Speichern. Kurzfristige Lastkurven erklären, wie Deutschland durch den Winter kommt, aber nicht, wie Industrie und Standortpolitik bis 2040 abgesichert werden können. Produktionslinien für Stahl, Chemie, Batterien oder Halbleiter rechnen in Dekaden, nicht in Quartalen.
Rechenzentren und KI-Cluster beanspruchen konzentrische Gigawatt-Lieferungen an wenigen Standorten. Und Investor:innen fragen nicht nach Monatsprognosen. Sie wollen wissen, ob saubere, bezahlbare Energiepfade über Jahrzehnte gesichert sind. Es drohen Standortverlagerungen.
Erneuerbare Energien brauchen Fläche, Speicher und System
Auch die Förderung für private Aufdachanlagen steht auf dem Prüfstand. Das kann sinnvoll sein, wenn der Ausbau großer Freiflächenanlagen konsequent vorangetrieben wird. Denn industrielle Lasten lassen sich nicht mit dezentralen Kleinanlagen decken.
Was es braucht: klare Flächenausweisungen, transparente Planungsverfahren, (Agri)-PV-Konzepte und Beteiligungsmodelle für Kommunen statt kleinteiliger Symbolpolitik. Für Windenergie ist das Ziel klar: 2 Prozent der Landesfläche bis 2032. Tatsächlich ausgewiesen waren Ende 2024 erst rund 0,9 Prozent. Auch für PV-Freiflächen fehlen verbindliche Flächenkontingente. So bleibt jedes Ausbauziel Makulatur.
2024 war Windkraft mit über 130 TWh größter Einzelträger der Stromerzeugung, die installierte Onshore-Leistung überschritt 60 GW. Auch Photovoltaik legte zu: Insgesamt wurden 100 GWp installiert, davon rund ein Drittel auf Freiflächen. Wind liefert vor allem im Winterhalbjahr, Photovoltaik mittags und im Sommer. Erst durch Speicher und Netze ergänzen sich beide Quellen systemisch. 2024 wuchs die Batteriegroßspeicherkapazität um fast 50 Prozent. Parallel boomt der Heimspeichermarkt.
Doch die zentralen Hemmnisse bleiben: Genehmigungsverfahren für Großspeicher dauern Jahre, Netzanschlüsse sind knapp, die Abgrenzung zwischen Eigenverbrauch, Netzdienstleistung und Marktteilnahme ist regulatorisch komplex. Auch beim Netzausbau stockt es. Zwar wurden 2024 rund 1.400 neue Trassenkilometer genehmigt, doch der Bau kommt nur schleppend voran. Neben neuen Leitungen braucht es digitale Netzsteuerung und marktwirtschaftliche Anreize für Lastverschiebung.
Beteiligung schafft Rückhalt
Der strukturelle Bedarf ist da, die Technologien sind verfügbar und trotzdem wird gebremst. Die Voraussetzungen fehlen: Kapital, Vertrauen, Beteiligung. Der Kapitalbedarf für den Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 wird auf rund 800 Milliarden Euro geschätzt, um 80 Prozent des Verbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Beteiligungsmodelle sind der Schlüssel, um Kapital und Akzeptanz zu verbinden: Laut einer Umfrage von PwC Deutschland sind zwei Drittel der Befragten überzeugt, dass Investitionsmöglichkeiten und Gewinnbeteiligungen die Zustimmung zu Infrastrukturprojekten erhöhen.
Und: 85 Prozent derjenigen, die bereits beteiligt waren, würden dies erneut tun. Auch eine Untersuchung des Forschungsverbunds Erneuerbare Energien (FVEE) zeigt: Wenn Anwohner:innen selbst investieren können, steigt die lokale Zustimmung um bis zu 25 Prozentpunkte.
Solche Modelle sind längst erprobt: In Deutschland gibt es über 1000 aktive Energiegenossenschaften, die Klimaschutz mit lokaler Wertschöpfung, demokratischer Teilhabe und Identifikation vor Ort verbinden. Bürgerenergie, Direktinvestments und regionale Strommodelle schaffen nicht nur Vertrauen – sie beschleunigen den Ausbau. Eine Energiewende, die ausschließlich zentral organisiert wird, bleibt dagegen politisch angreifbar und gesellschaftlich schwer durchsetzbar.
Die Kosten des Zögerns
Ein Verzicht auf den großflächigen Ausbau erneuerbarer Energien bedeutet nicht nur verpassten Klimaschutz. Er verschärft strukturelle Risiken:
● Versorgungsunsicherheit, wenn Kohle- und Atomanlagen vom Netz gehen
● Kostensteigerungen, weil sich Strom verknappt
● Abhängigkeit von Importstrom, der zunehmend geopolitisch umkämpft ist
● Vermeidbarer Krisendruck, weil Infrastruktur fehlt, wenn sie gebraucht wird
All diese Effekte sind die Folge politischer Kurzsichtigkeit. Wer den Ausbau zentraler Zukunftstechnologien verzögert, schafft Lücken, die später teuer und hektisch geschlossen werden müssen.
Jetzt den Kurs setzen
Die Energiewende ist kein Selbstläufer, sondern eine Transformation – ökonomisch, technologisch, gesellschaftlich. Wer heute die günstigsten und sichersten Lösungen ausbremst, verspielt die Klimaziele und riskiert Wettbewerbsfähigkeit, Akzeptanz und Versorgungssicherheit.
Jetzt braucht es eine Energiepolitik, die den Bedarf erkennt, Infrastruktur beschleunigt und gesellschaftliche Beteiligung ermöglicht. Speicher, Netze und Beteiligungsmodelle sind dabei die Voraussetzung, dass die Energiewende nachhaltig trägt. Es wird höchste Zeit, den Turbo einzuschalten.
Fabio Griemens ist Mitgründer und Geschäftsführer von Helio Connect & Helio Finanz. Helio ist eine Plattform für Investitionen in erneuerbare Energien in Deutschland.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden