Netzpaket : Was ist besser als der Redispatch-Vorbehalt? Nutzen statt Abregeln!
Das geplante Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums liest sich ein Stück weit wie ein Wunschzettel der Netzbetreiber, schreibt Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Dabei ist es völlig unstrittig, dass, um die bestehenden Probleme im Netz zu lösen, auch genau dort angesetzt werden sollte: bei den Netzen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Das deutsche Stromnetz hat ein Problem. Überalterte, weitgehend analoge Infrastruktur trifft auf eine rasant zunehmende Zahl von Anlagen, die Strom aus Erneuerbaren Energien produzieren. Das Netz ist auf diese dezentrale und fluktuierende Einspeisung nicht gut vorbereitet, ebenso wenig wie auf die Vielzahl an neuen Anschlussbegehren. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) möchte (und muss) deshalb regulatorisch eingreifen. Nach einem geleakten und nicht dementierten Entwurf aus dem Ministerium führt der Lösungsvorschlag aber in einem entscheidenden Punkt zu einem Abbremsen des Ausbaus der Erneuerbaren Energien.
Wie sind wir in diese Lage gekommen?
Die Netzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet zu „Optimierung, Verstärkung und Ausbau der Stromnetze“. Diesem Auftrag kommen sie seit geraumer Zeit nicht ausreichend nach. Zudem ist das Verteilnetz mit über 850 Verteilnetzbetreibern geradezu schmerzhaft analog. Der Smart-Meter-Hochlauf zieht sich ebenso wie die Digitalisierung der Netze in die Länge. Transparenz für alle Parteien fehlt. Hinzu kommen überlange Genehmigungsverfahren, selbst wenn bei der Netzertüchtigung nur Masten und Kabel getauscht werden sollen.
Unzureichendes Netz verursacht Probleme
Bundesweit werden zur Zeit durchschnittlich etwa drei Prozent des Stroms abgeregelt. Dies geschieht vor allem in den Zuständigkeitsbereichen einer kleinen Anzahl sehr großer Netzbetreiber. In den letzten drei Jahren gab es insgesamt 67 Netzbetreiber (weniger als zehn Prozent aller Netzbetreiber), die Redispatch-Maßnahmen bei Erneuerbaren Energien vorgenommen haben. Davon entfallen über 99,9 Prozent aller Maßnahmen auf die größten 20. Ganze 95 Prozent aller Redispatchmaßnahmen verteilen sich wiederum auf nur elf Verteilnetzbetreiber, die vor allem Flächennetze betreiben. Diese elf Verteilnetzbetreiber umspannen den größten Teil des deutschen Netzgebietes.
Antwort des BMWE: Der Redispatch-Vorbehalt
Dieses Problem will das BMWE nun mit einem sogenannten Redispatch-Vorbehalt lösen. Netzbetreiber sollen „kapazitätslimitierte Netzgebiete“ ausweisen dürfen, wenn im vergangenen Jahr mehr als drei Prozent des Stroms abgeregelt wurden. Durch diese Vorbedingung können sich diese Gebiete also auch jährlich ändern. In diesen Gebieten dürften die Netzbetreiber dann Erneuerbare-Energien-Anlagen den eigentlich im EEG prioritär zugesicherten Netzanschluss verwehren – es sei denn, die Anlagenbetreiber verzichten über zehn Jahre hinweg auf Entschädigungszahlungen im Abregelungsfall.
Welche Folgen drohen?
Diese Anpassung hätte weitreichende Folgen. Der jährliche Neuzuschnitt von „kapazitätslimitierten Netzgebieten“ entzieht den Erneuerbaren jede Planungs- und Investitionssicherheit. Was heute noch rentabel geplant werden kann, könnte ein Jahr später bereits vor der Frage stehen, auf einen Anschluss ans Netz oder auf Entschädigungen zu verzichten.
Der Entwurf liest sich folglich auch wie der Wunschzettel der Netzbetreiber: Wer bislang seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, wird faktisch dafür belohnt. Die Erneuerbaren Energien werden hingegen bestraft, ihr Zubau mit unabsehbaren Folgen für unser Energiesystem verhindert.
Wie kann das Problem tatsächlich gelöst werden?
Wer die unbestrittenen Herausforderungen im Netz tatsächlich lösen will, muss auch an der Wurzel des Problems ansetzen: den Netzen.
Natürlich müssen diese vor allem ausgebaut werden. Das ist der grundlegende Auftrag der Netzbetreiber: Optimierung, Verstärkung und Ausbau. Es braucht die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Dabei muss immer das NOXVA-Prinzip gelten: Netzoptimierung vor Flexibilität vor Verstärkung vor Ausbau. Da der Ausbau aber nicht über Nacht geschehen kann, müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die bestehende Infrastruktur besser zu nutzen.
Eine Maßnahme ist die Stärkung flexibler Anschlussmodelle. Der BEE macht sich hier schon seit langer Zeit für die Überbauung von Netzverknüpfungspunkte (NVP) stark. Dabei werden PV- und Windenergieanlagen, im Idealfall in Kombination mit einem Speicher, an denselben NVP angeschlossen. Da sich Wind- und Solarenergie komplementär zueinander verhalten, würden sie sich in der Einspeisung am NVP nicht blockieren. Sollten doch beide gleichzeitig viel Leistung bereitstellen, könnte diese in einem Speicher aufgefangen und zu einem systemdienlicheren Zeitpunkt eingesetzt werden.
Außerdem sollte das Prinzip Nutzen statt Abregeln weiterentwickelt werden. Bislang ist diese Möglichkeit überbürokratisiert und wird daher kaum genutzt, dabei steckt hier ein hohes Entlastungspotenzial. Generell gilt es, die Nutzung von Strom bereits vor dem NVP auszuweiten, beispielsweise durch Speicher, Elektrolyseure oder Anlagen zur Sektorenkopplung. Dadurch kann in Zeiten hoher Stromproduktion aus Erneuerbaren der günstige und klimaneutrale Strom schon genutzt werden, bevor er in das Netz einfließt. Zudem muss, wie im Koalitionsvertrag zugesagt, die physikalische Direktbelieferung zwischen Erneuerbaren und Industrie gestattet werden. Diese entlastet das Netz und schafft Impulse für die Dekarbonisierung des Mittelstandes.
Letztlich braucht es eine Verbesserung der regionalen Planung. Diese muss smart und datenbasiert erfolgen. Mit einer stärkeren regionalen Ausrichtung können Erzeugung, Flexibilität und Verbrauch besser aufeinander abgestimmt werden.
Die Bundesregierung sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, den Ausbau der Erneuerbaren mit dem Ausbau der Netze zu synchronisieren. Dieses Ziel erreicht man nicht, indem man beide radikal ausbremst. So löst man keine Probleme, sondern vertagt sie nur. Die Netzbetreiber sind jetzt endlich gefordert, ihren Aufgaben nachzukommen.
Ursula Heinen-Esser ist seit Oktober 2025 Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden