Sektorkopplung : Wie eine Power-to-X-Anlage in Dänemark zeigt, was möglich ist
In Dänemark ging kürzlich die weltweit größte Anlage zu Produktion von grünem Methanol in Betrieb. Auch in Deutschland wäre bei Power-to-X noch mehr möglich, wenn die Politik Entschlossenheit zeigen würde, schreiben Paula Carstensen und Simon Schrickel vom Projektentwickler European Energy. Helfen könnte aus ihrer Sicht etwa ein Strompreisezonensplit.
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Im Mai 2025 hat European Energy in der Nähe des Hafenstädtchens Apenrade in Dänemark die größte Power-to-X-Anlage weltweit feierlich eröffnet. Hier in Kassø ist sichtbar, was heute möglich ist: Aus grünem Strom entsteht grünes Methanol, das direkt in Industrie und Schifffahrt eingesetzt wird. Keine Vision in PowerPoint, kein Pilot – sondern Realität.
Kassø ist Reallabor – und ein Mutmacher
Der Strom für die Anlage kommt aus dem größten Solarpark Nordeuropas direkt nebenan. Daraus wird grüner Wasserstoff erzeugt. Mit flüssigem CO2 aus der nahe gelegenen Biogasanlage in Tønder wird schließlich E-Methanol gewonnen. Diese Chemikalie wird jetzt schon zur Kunststoffproduktion (LEGO, Novo Nordisk) und als Kraftstoff (MAERSK) genutzt. Damit ist Kassø ein echtes Vorzeigeprojekt – skalierbar, wirtschaftlich und CO2-neutral. Kassø beweist: Wenn der politische Rahmen stimmt, kann die Wirtschaft liefern.
Die Pipeline ist das nächste Kapitel – und Deutschland Teil der Geschichte
Was wir in Kassø gelernt haben: Grüne Moleküle brauchen Infrastruktur. Die geplante Wasserstoffpipeline von Dänemark nach Deutschland wird die Brücke zwischen Erzeugung und industrieller Anwendung sein – und ein zentrales Puzzlestück für eine klimaneutrale Industrie.
Deutschland muss Teil dieser Geschichte sein. Ohne Deutschland als Abnehmer, als Markt, als Innovationstreiber wird auch der dänische Wasserstoffhochlauf ausgebremst. Doch noch mangelt es trotz des hohen Bedarfs an der Nachfrage aus Deutschland.
Ambitionen, Potential und der fehlende Markthochlauf
Die deutsche Gesetzgebung hat für die Produktion von grünem Wasserstoff bereits einige Ausnahmen gemacht, damit die Stromkosten durch Netzentgelte, Steuern und Umlagen nicht zusätzlich in die Höhe getrieben werden.
Doch um grünen Wasserstoff herzustellen, müssen die strengen Vorgaben der zusätzlichen und gleichzeitigen Stromerzeugung nach RED III eingehalten werden. Das heißt, es müssen extra neue Anlagen gebaut werden, aus denen der Strom mittels Direktleitung oder Stromabnahmevertrag an den Elektrolyseur geliefert wird. Es sei denn, das Netz verfügt bereits über so viel grünen Strom, wie bald in Dänemark, dass auch der übrige Netzstrom zur Herstellung von Wasserstoff eingesetzt werden kann.
In Deutschland haben wir die Dänen bei der Grünstromproduktion schon längst überholt – allerdings nur im Norden. Durch eine Preiszonenaufteilung, wie sie schon häufig diskutiert und erst jüngst durch den „Bidding Zone Review“ empfohlen wurde, wären Elektrolyseure nördlich der Mainlinie ebenfalls in der Lage, den Strom direkt aus dem Netz zur grünen Wasserstoffproduktion zu nutzen.
Dann könnten jährlich nicht nur mehrere 100 Millionen Euro an Redispatchkosten gespart, sondern durch die regionalen Preissignale überschüssige erneuerbare Energien zu günstigeren Preisen in Wasserstoff umgewandelt werden. Stattdessen konkurrieren Wasserstoffprojekte beim Strompreis mit der Förderung, die Windenergieanlagen erhalten, wenn sie den Strom ins Netz einspeisen würden, der dann letztendlich wieder abgeregelt werden muss.
Auch die Treibhausgasquoten, die dafür sorgen sollten, dass Mineralölkonzerne die zusätzlichen Kosten der grünen Kraftstoffe tragen, waren bislang erfolglos. Über importierte Biokraftstoffe wurden damit fragwürdige asiatische Produktionsstätten finanziert. Eine Überprüfung der Zertifizierung war bisher kaum möglich, die Aufklärung steht noch aus.
Unsere Forderungen für eine funktionierende Power-to-X-Wirtschaft
Erneuerbare Energie ist ausreichend vorhanden, doch die Weichen müssen gestellt werden, dass sie auch sinnvoll genutzt werden kann.
Damit Projekte wie Kassø keine Ausnahme bleiben, sondern zur Regel und auch in Deutschland umgesetzt werden, braucht es politische Entschlossenheit. Die günstige Produktion muss ermöglicht werden, die Abnahme angereizt und Transportkosten reduziert werden. Unsere zentralen Forderungen:
- Einführung von Strompreiszonen in Deutschland erlauben die vereinfachte Produktion im Norden, die gezielte Entlastung der Netze und beseitigt die Konkurrenz zwischen Wasserstoffproduktion und erneuerbaren Förderung
- Entlastungsmechnismen beibehalten, die Abschaffung der Stromsteuer- und Netzentgeltbefreiung vor dem erfolgreichen Markthochlauf wäre prohibitiv für zukünftige Projekte
- Industriequoten, ähnlich zum Mobilitätssektor, die die breite Wasserstoffnutzung forcieren und das Vertrauen in das Quotensystem wiederherstellen
- Transparente Fördermechanismen für Wasserstoffproduktion, CfD-Modelle ausschließlich für Wasserstoffanwendungen, Fortsetzung der nationalen Unterstützung durch die Auktion der Europäischen Wasserstoffbank oder Einrichtung eines Doppelauktionsmechanismus ähnlich zu H2Global für den deutschen und europäischen Markt
- Das Europäische Wasserstoffnetz gemeinsam denken. Die Kumulation von Wasserstoffnetzentgelten muss innerhalb Europas limitiert werden, um gegenüber globalen Importen wettbewerblich zu bleiben
Kassø ist erst der Anfang
Die feierliche Eröffnung im Mai war ein starkes Signal: Es geht. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass Kassø nicht das einzige Projekt dieser Art bleibt. Deutschland hat das Potenzial, selbst zum Power-to-X-Vorreiter zu werden – mit fairem Wettbewerb, verlässlicher Infrastruktur und dem Mut, neue Wege zu gehen.
Die Technologien und der Bedarf sind da. Die Partner stehen bereit. Jetzt ist die Politik gefragt, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Simon Schrickel ist Projektmanager Power-to-X, bei European Energy Deutschland, Paula Carstensen ist Communication Manager, European Energy Deutschland.
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