Nachhaltigkeitsberichterstattung : CSRD-Aufweichung ist ein Eigentor
Die Reduzierung der Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit für Unternehmen widerspricht jeder vernünftigen Geschäftslogik, argumentiert Sonja Haider, Leiterin für nachhaltige Finanzen bei der Umweltorganisation International Chemical Secretariat (Chemsec). Die Abschaffung von Umweltvorschriften schade Unternehmen und Bürger:innen.
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Kaum ist die Tinte trocken, zerreißt die EU ihre Vorschriften zur Umweltberichterstattung für Unternehmen. Teilweise ist dies auf den Druck der Vereinigten Staaten zurückzuführen, teilweise liegt es an Politiker:innen mit der naiven Vision des freien Marktes, die weniger innovativen Firmen der europäischen Chemieindustrie ein Geschenk machen.
Europäische Kommission und EU-Parlament sind dabei, mit einer Machete die zarten Pflänzchen der Unternehmensberichterstattung zur Nachhaltigkeit in der EU zu vernichten. Zunächst unter dem Deckmantel der „Vereinfachung“. Aber nun ist es offiziell: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Deregulierung.
Folgenreiche Kapitulation
Die Gesetze zur Berichterstattung über Nachhaltigkeit sollen rigoros zerlegt werden. Geht es nach der Kommission, ist die EU-Nachhaltigkeitsberichtspflicht CSRD nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieser Kapitulation vor den USA und der Industrie sowie ihre Folgen sind enorm. Das zeigt ein Vergleich zu Klima- und anderen Umweltinformationen.
Zum Klimaschutz hat sich in fast drei Jahrzehnten eine solide Berichterstattung entwickelt. Angefangen bei der 1997 gegründeten Global Reporting Initiative über das Kyoto-Protokoll von 2005, das Anreize für Unternehmen setzte, ihren CO2-Ausstoß zu erfassen. Dank der Investoreninitiative Carbon Disclosure Project (CDP) ist ab dem Jahr 2000 das erste globale System zur Messung, Offenlegung, Verwaltung und Weitergabe von CO2-Emissionen entstanden – die Daten zigtausender Unternehmen nutzen Geldgeber:innen weltweit.
Daten zu gefährlichen Chemikalien fehlen
Im Vergleich dazu sind Daten zur Umweltverschmutzung fragmentiert und werden nur unregelmäßig und lokal erhoben. In der EU, den USA und Japan sind zwar Fabriken und Minen dazu verpflichten, die Freisetzung bestimmter Chemikalien zu melden. Die Angaben sind jedoch weder einheitlich, noch vergleichbar.
In der Klimaberichterstattung reicht eine Kennzahl: Kohlenstoffäquivalente. Bei der Umweltverschmutzung haben wir es dagegen mit Hunderttausenden von Substanzen zu tun – zumeist nicht erhoben. Zudem liefern die Emissionen auf Fabrikebene und in der Lieferkette kein vollständiges Bild. Denn viele gefährliche Chemikalien stecken in Endprodukten, sodass die Verschmutzung von Gewässern und Biotopen erst am Ende von der Produktlebensdauer entsteht, bei der Entsorgung.
Vorteile solider, vergleichbarer Daten
Die CSRD brachte Licht ins Dunkel. Sie sollte endlich Transparenz über Umwelt- und Gesundheitsrisken schaffen und Investor:innen sowie Kreditgeber:innen vergleichbare Daten liefern, um Kapital in die grüne Transformation zu lenken.
Überdies integriert die bisherige CSRD die globale Dimension, wogegen sich die EU-Chemikaliengesetzgebung REACH nur auf den EU-Markt und EU-Fabriken konzentriert. Aber Finanzinstitute, Banken und Investoren möchten alle Risiken und Chancen eines Unternehmens kennen. Deswegen hat beispielsweise BASF im konsolidierten CSRD-Bericht Emissionsdaten all seiner Fabriken, auch in China, den USA und Malaysia offengelegt.
Transparenz-Gesetzgebung bietet zwei weitere Vorteile. Unternehmen müssen eine unabhängige Überprüfung durch Wirtschaftsprüfer vorlegen, und Fehlverhalten kann zu Geldbußen und Strafen führen. Solche Konsequenzen sind viel eindeutiger als die langwierigen Prozesse nach Verstößen gegen REACH.
Politische Deregulierungspanik schadet Unternehmen
Seit Ende 2022 befassen sich die Unternehmen mit der Erhebung der erforderlichen Daten. Sie haben erheblich investiert und hart daran gearbeitet, diese neuen Daten bereitzustellen. In diesem Jahr haben sie erste CSRD-Berichte veröffentlicht. Nach dem hohen Aufwand und angesichts des Nutzens wäre es ein regulatorisches Eigentor, das Rad jetzt zurück zu drehen.
Es braucht Vereinfachung und Standards – vor allem aber: Zahlen statt Narrative. Nur konkrete, von Dritten geprüfte Daten zu Mengen, Emissionen und den Umsatzanteil von Produkten mit gefährlichen Stoffen ermöglichen eine objektive Bewertung. Wirtschaftsprüfer:innen hätten die CSRD dabei optimieren können. Best Practices hätten den Weg weisen können.
Aber das Gegenteil ist der Fall. Unter dem durchsichtigen Slogan der Vereinfachung zerstört die Deregulierungspanik in Brüssel etablierte Prozesse und umgeht öffentliche Konsultationen, die EU-Vorschriften sonst verbessern.
Es wird noch schlimmer kommen: Die die EU-Kommission beratende Efrag schlägt vor, Angaben zu finanziellen Auswirkungen vollständig zu streichen und die verpflichtende Berichterstattung über Emissionen und gefährliche Stoffe auf Freiwilligkeit umzustellen. Dies untergräbt alle Ziele der CSRD und alle bereits von den Unternehmen geleisteten Anstrengungen.
Protest aus Wirtschafts- und Finanzwelt – zu Recht
Die Verwässerung der CSRD trifft auf breiten Widerstand: Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde äußerte scharfe Kritik an den Omnibus-Änderungen. Diese „schränken die Verfügbarkeit von Unternehmensdaten ein und schwächen damit die Fähigkeit, klimabezogener Finanzrisiken zu bewerten“. Über 250 europäische Wirtschaftswissenschaftler:innen und große Investorengruppen fordern dasselbe: die CSRD muss gelten – auch für mittlere Unternehmen.
Der Grund ist fundamental: Ohne Berichtspflichten können Investori:innen nicht erkennen, welche Unternehmen den Wandel ernst nehmen, ihre Risiken senken oder gar innerhalb der planetaren Grenzen arbeiten. Besonders in der Chemieindustrie, wo ich mit den weltweit größten Produzenten über ihren Umgang mit gefährlichen Chemikalien spreche, wird die CSRD als strategischer Hebel für interne Steuerung und Glaubwürdigkeit genutzt.
Fallen diese Anforderungen weg, verschwinden die Information, um Vorreiter zu identifizieren. Das ist der falsche Weg. Wir brauchen keine Rückschritte, sondern den Willen, vorhandene Regulierung intelligent zu nutzen – zugunsten einer sauberen Umwelt und gesunder Menschen.
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