Wettbewerbsfähigkeit aufrüsten : Die Pharmabranche als Risikopartner für ein souveränes Deutschland
Friedrich Merz hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz betont, Europa müsse Tatkraft entfesseln. Die Pharmabranche ist bereit dazu, schreibt Dorothee Brakmann im Standpunkt. Mit Risikopartnerschaften, Netflix-Modellen und mehr Selbstmedikation legt die Branche konkrete Angebote auf den Tisch, bei denen sie bewusst ins Risiko geht, so die Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland.
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„In dieser neuen Welt ist Wettbewerbspolitik Sicherheitspolitik und Sicherheitspolitik ist Wettbewerbsfähigkeit.“ Mit diesen Worten eröffnete Bundeskanzler Friedrich Merz letzte Woche die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz. Er zeichnete das Bild einer Weltordnung, in der Großmächte wie China und die USA kleinere Staaten und Mittelmächte zu zerreiben drohen. Seine Antwort: Europa muss widerstandsfähige Lieferketten schmieden, einseitige Abhängigkeiten abbauen und seine Stärken zur Geltung bringen. Innovation und Unternehmertum müssen befeuert, Kreativität belohnt werden.
Was Merz für die Sicherheitspolitik fordert, gilt eins zu eins für die Gesundheitswirtschaft: Wir brauchen keine Risikovermeidung, sondern Risikobereitschaft. Wir brauchen keine Fesseln, sondern Entfesselung. Und wir brauchen Partner, die bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen dringend aufrüsten – und zwar unsere Wettbewerbsfähigkeit!
Die Pharmabranche kann Risiko und bietet Partnerschaft
Die Gesundheitswirtschaft trägt 12,5 Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei. Allein die industrielle Gesundheitswirtschaft erwirtschaftet 103 Milliarden Euro Wertschöpfung und beschäftigt rund eine Million Menschen. Sie ist eine der wenigen Branchen in Deutschland, die tatsächlich wächst: plus 2,7 Prozent bei Investitionen 2025, plus 3,0 Prozent für 2026. Während die deutsche Wirtschaft stagniert, investiert die Pharmabranche gegen den Trend.
Doch diese Stärke ist bedroht. Überbordende Bürokratie, ein bedrohter Exportmarkt in den USA, überregulierte europäische Märkte, akuter Fachkräftemangel und ein Erstattungssystem, das vorrangig auf Kostendämpfung setzt, machen Deutschland als Standort zunehmend unattraktiv.
Dabei wäre die Lösung greifbar: Es geht um Ansätze, mit denen die Pharmabranche Problemlösungen anbietet und für die Umsetzung auf eine Partnerschaft setzt, die Versorgungssicherheit, Innovation und Finanzierbarkeit in Einklang bringt. Drei Beispiele zeigen, wie das funktionieren kann.
Risikopartnerschaften: geteiltes Risiko
Die Zeiten der Einheitstherapien sind längst vorbei. Moderne Arzneimittel werden immer personalisierter, Gen- und Zelltherapien versprechen Heilung dort, wo bisher nur Linderung möglich war. Doch diese Innovationen haben ihren Preis – und nicht bei jedem Patienten schlagen sie gleich gut an. Hier setzen die Modelle an: Die Erstattung wird direkt an Ergebnisse gekoppelt. Zeigt ein Arzneimittel nicht die versprochene Wirkung, muss es nur anteilig bezahlt werden. Die Pharmabranche übernimmt damit ein echtes Ergebnisrisiko.
Das ist keine theoretische Spielerei. Unsere Branche ist bereit, bei hochinnovativen Therapien für kleine Patientengruppen gemeinsam mit den Kassen neue Wege zu gehen. Was wir im Gegenzug brauchen, sind die richtigen Rahmenbedingungen: Individualtherapien benötigen auch individuelle Vertragslösungen, mit maximaler Flexibilität, um Versorgungsbesonderheiten abzubilden.
Die Pharmabranche hat in ihrer DNA, solche Risiken zu managen und in Erfolge zu verwandeln. Denn Risikomanagement ist unsere Kernkompetenz, schließlich ist Pharmaforschung per se ein Risikogeschäft. Dieser Erfolg strahlt aus: auf die Qualität der Therapien und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Netflix-Modell: Verfügbarkeit statt Verbrauch
Die Antibiotikakrise ist eine tickende Zeitbombe. Multiresistente Keime breiten sich aus, während kaum neue Antibiotika entwickelt werden. Der sinnvolle Einsatz von Antibiotika ist bekanntlich paradox: Je wirksamer ein neues Antibiotikum ist, desto seltener sollte es eingesetzt werden, um Resistenzen zu vermeiden. Damit ist klar, dass sich ein gutes Antibiotikum nicht rechnen kann. Dazu sind wir bei der Versorgung mit Antibiotika fast vollständig von China abhängig. Einem Land, dem wir übrigens aus sicherheitspolitischen Erwägungen keine sensiblen Daten anvertrauen wollen.
Das Netflix-Modell durchbricht diese Logik und wäre ein sicherheitspolitischer Quantensprung: Eine Flatrate für die Verfügbarkeit eines Antibiotikums, unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch aber hoch genug, dass sich die Antibiotikaproduktion in Deutschland und Europa wieder rechnet. In Monaten mit niedrigen Infektionszahlen wird mehr gezahlt als nötig, in Hochphasen von Infektionsgeschehen deckt die Pauschale die Kosten der Hersteller nicht. Im Schnitt tragen beide Seiten ein kalkulierbares Risiko und teilen dieses.
Großbritannien zeigt, dass dieses Modell funktioniert. In Deutschland scheitert der Schritt in die Regelversorgung bislang an der fehlenden Verankerung im SGB V. Was fehlt, ist der politische Mut, ein erprobtes Pilotprojekt in Versorgungsstrukturen zu übersetzen.
Auch hier übernimmt die Industrie bewusst ein Risiko: Sie investiert in die Entwicklung neuer Wirkstoffe, ohne zu wissen, wie hoch die tatsächliche Nachfrage sein wird, die normalerweise den wirtschaftlichen Erfolg bestimmt. Sie verzichtet auf volumenbasierte Erlöse zugunsten von Versorgungssicherheit. Doch sie tut dies in der Überzeugung, dass strategisch wichtige Märkte wie Antibiotika volkswirtschaftlich so wertvoll sind, dass sich langfristig stabile Partnerschaften lohnen – für die Unternehmen, für die Versorgung und für die deutsche Wirtschaft, die auf gesunde Arbeitskräfte angewiesen ist.
Mehr Selbstmedikation: Effizienz durch Eigenverantwortung
Der dritte Baustein der Risikopartnerschaft ist so simpel wie wirkungsvoll: Wir schlagen vor, die Verschreibungspflicht bei einer Reihe von etablierten Medikamenten aufzuheben, die seit Jahren sicher in der Anwendung sind. Salben gegen Hautausschlag, Mittel gegen Sodbrennen, Augentropfen bei Bindehautentzündung – Präparate, die Patienten heute nach stundenlangem Warten in der Arztpraxis verschrieben bekommen, könnten sie direkt in der Apotheke erhalten.
Die Entlastung wäre enorm: Hausärzte gewännen Zeit für komplexere Fälle, Patienten würden schneller versorgt, Apotheken könnten ihre Expertise stärker in die Grundversorgung einbringen. Unsere Berechnungen zeigen Einsparpotenziale von vier Milliarden Euro für die gesetzlichen Krankenkassen. Selbst eine großzügige Abfederung für Menschen, die sich diese Medikamente nicht leisten können, würde nur zehn Prozent der Einsparungen kosten.
Das Risiko für die Pharmabranche: Diese Medikamente würden aus der Erstattung fallen und sich im freien Wettbewerb der Selbstmedikation behaupten müssen. Keine Garantie mehr auf GKV-Umsätze, sondern Wettbewerb um Qualität, Preis und Vertrauen der Verbraucher. Unsere Hersteller sind bereit, sich diesem Wettbewerb zu stellen – weil sie wissen, dass gute Produkte sich durchsetzen und weil sie überzeugt sind, dass ein effizienteres System allen dient.
Gesundheitspolitik muss auch Sicherheitspolitik und Wettbewerbspolitik sein
Friedrich Merz hat auf der Münchener Sicherheitskonferenz betont, Europa müsse Tatkraft entfesseln. Die Pharmabranche ist bereit dazu. Mit Risikopartnerschaften, Netflix-Modellen und mehr Selbstmedikation legen wir konkrete Angebote auf den Tisch, bei denen wir bewusst ins Risiko gehen. Wir tun dies nicht aus Altruismus, sondern weil wir wissen, dass wir gut sind und aus der Überzeugung, dass Innovation und Risikobereitschaft sich langfristig auszahlen – für die Unternehmen, für die Versorgung und für Deutschland als Standort.
Was wir im Gegenzug brauchen, sind verlässliche und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, und eine Politik, die Gesundheit nicht als Kostenfaktor, sondern als strategischen Wirtschaftsfaktor begreift. Merz hat recht: Sicherheitspolitik ist Wettbewerbspolitik. Und Gesundheitspolitik ist beides zugleich. Die Frage ist nicht mehr, ob wir handeln müssen. Die Frage ist nur noch: wollen wir gemeinsam gewinnen oder lassen wir es laufen und verlieren?
Dorothee Brakmann ist Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland.
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