Geschlechtssensible Arzneitherapie : Eine Dosis Ungleichheit
Frauen nehmen häufiger Medikamente ein als Männer – und erleiden zugleich deutlich mehr Nebenwirkungen. Trotzdem werden Arzneimittel in Deutschland nahezu immer in gleicher Dosierung verschrieben. Der Grund: Geschlechtsspezifische Unterschiede in Wirkung, Verstoffwechselung und Verträglichkeit werden in der Arzneimittelzulassung kaum berücksichtigt. Das ist kein Randthema, sondern ein Sicherheitsproblem, schreibt die Gendermedizinerin Claudia Schmidtke.
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Frauen reagieren auf viele Wirkstoffe anders, weil sie sich in wesentlichen pharmakokinetischen Parametern von Männern unterscheiden: Die Resorption im Darm verläuft oft langsamer, die Magenentleerung ist verzögert, und hormonelle Schwankungen beeinflussen pH-Wert und Schleimhautaufnahme. Dadurch kann sich die Bioverfügbarkeit vieler Substanzen erhöhen.
Auch die Verstoffwechselung in der Leber und die Ausscheidung über die Niere folgen bei Frauen anderen Mustern – Enzymaktivität, Plasmaproteinbindung und Hormonlage verändern die Wirkstoffdynamik. Hinzu kommen Unterschiede im Körperfettanteil und Wassergehalt, die das Verteilungsvolumen beeinflussen.
Kaum Berücksichtigung in Leitlinien
Kurz gesagt: Dieselbe Dosis kann im weiblichen Körper eine andere Wirkung entfalten – stärker, länger oder mit mehr Nebenwirkungen. Dennoch stammen die meisten pharmakologischen Daten aus Studien, die überwiegend an Männern durchgeführt wurden. Selbst dort, wo Unterschiede belegt sind, finden sie selten Eingang in Fachinformationen oder Leitlinien.
Ein prominentes Beispiel ist das Schlafmittel Zolpidem. Frauen zeigten nach der Einnahme doppelt so hohe Blutspiegel wie Männer – mit entsprechend erhöhtem Unfallrisiko am Folgetag. In den USA wurde die empfohlene Dosis für Frauen halbiert. In Deutschland blieb alles beim Alten. Ähnliche Unterschiede bestehen bei Antikoagulanzien, Psychopharmaka oder Schmerzmitteln.
Hinzu kommt: Jahrzehntelang waren Frauen im gebärfähigen Alter aus klinischen Studien ausgeschlossen – aus Sorge vor hormonellen Schwankungen oder möglichen Schwangerschaften. Die Folge: Medikamente wurden an männlichen Probanden entwickelt, die durchschnittlich 80 Kilo wiegen, hormonell stabil sind und sich in Fett- und Wasseranteil erheblich von Frauen unterscheiden. Diese Verzerrung zieht sich bis heute durch viele Zulassungsdaten.
Schweden ist weiter
In Schweden wurde eine nationale Wissensdatenbank aufgebaut – Janusmed Sex and Gender –, die für jedes Medikament bewertet, ob klinisch relevante Geschlechtsunterschiede bestehen und ob eine Dosisanpassung erforderlich ist. Ärztinnen und Ärzte können beim Verschreiben direkt prüfen, ob Frauen und Männer unterschiedlich reagieren. Diese Datenbank wird nun in elektronische Verordnungssysteme integriert – künftig soll das System automatisch warnen, wenn ein Medikament für ein bestimmtes Geschlecht ungeeignet dosiert wird.
Eine Plattform wie in Schweden gibt es nicht. Viele Informationen liegen in Teilen vor – verteilt über Studien, Routinedaten und Pharmakovigilanz –, zugleich fehlen bei zahlreichen Wirkstoffen belastbare Geschlechtsanalysen oder sie sind nicht öffentlich zugänglich.
Ein Grund dafür ist die zersplitterte Zuständigkeit: Die klinische Forschung liegt bei der Industrie, die Zulassung bei der EMA, die Pharmakovigilanz beim Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und die Auswertung realer Versorgungsdaten bei den Krankenkassen. Niemand fühlt sich für das Gesamtbild verantwortlich. Auch ökonomische Interessen spielen eine Rolle – unterschiedliche Dosisempfehlungen bedeuten zusätzliche Studien, Anpassungen von Fachinformationen und gegebenenfalls neue Zulassungen.
Fehlende Koordinierung
Was fehlt, sind eine nationale Koordinierung und der Wille, vorhandene Evidenz klinisch nutzbar zu machen. Geschlechtssensible Arzneimitteltherapie bleibt bislang selten Praxis – obwohl sie ein entscheidender Hebel für Patientensicherheit wäre. Es fehlt also weniger an Wissen, sondern an Struktur, Verantwortung und Verbindlichkeit. Damit geschlechtssensible Arzneimitteltherapien in Deutschland Realität werden kann, braucht es jetzt klare Zuständigkeiten, systematische Datennutzung und politischen Willen.
Nötig ist in Deutschland eine nationale Strategie für geschlechtssensible Arzneimitteltherapie. Konkret bedeutet das:
1.Aufbau einer zentralen Wissensplattform – analog zu Janusmed – angesiedelt beim BfArM oder in einer gemeinsamen Initiative des Bundesgesundheitsministeriums, des Paul-Ehrlich-Instituts und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
2.Verpflichtende Datenauswertung nach Geschlecht bei Zulassung, Postmarketing-Studien und Pharmakovigilanz.
3.Integration in elektronische Patientenakten: automatisierte Warnhinweise, wenn geschlechtsspezifische Dosierungshinweise missachtet werden.
4.Anpassung medizinischer Leitlinien an geschlechtsspezifische Evidenz.
5.Verankerung geschlechtssensibler Inhalte in Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen, Apothekern und Pflegekräften.
Klinikaufenthalte reduzieren
Diese Schritte würden nicht nur die Patientensicherheit verbessern, sondern auch dazu beitragen, vermeidbare Nebenwirkungen und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren – ein wichtiger Beitrag zu Arzneimittelsicherheit und Kosteneffizienz.
Die Umsetzung dieser Schritte erfordert Mut zur Veränderung – und den klugen Einsatz neuer Technologien. Denn auch digitale Systeme können einen entscheidenden Beitrag leisten, um Geschlechterunterschiede systematisch zu erkennen und klinisch nutzbar zu machen. Digitale Systeme und Künstliche Intelligenz könnten hier zum Wendepunkt werden. Sie sind in der Lage, große Datenmengen aus Studien, Nebenwirkungsdatenbanken und Versorgungsstatistiken zu verknüpfen und darin Muster zu erkennen, die bislang verborgen blieben – etwa geschlechtsspezifische Unterschiede bei Wirksamkeit oder Nebenwirkungen.
So ließen sich Dosierungsempfehlungen künftig auf realen Daten statt auf Annahmen stützen. KI kann aber nur dann zum Gamechanger werden, wenn sie mit diversen, geschlechtsrepräsentativen Datensätzen trainiert wird – sonst reproduziert sie die Verzerrungen, die das System bislang geprägt haben. Eine gerechte Medizin bedeutet, Unterschiede zu kennen – und sie klinisch zu berücksichtigen. Wenn Frauen anders auf Medikamente reagieren, darf Gleichbehandlung nicht Gleichdosierung heißen.
Geschlechtssensible Therapie ist keine Frage von Luxus oder Feminismus, sondern von Sicherheit, Evidenz und Wirksamkeit. Ein Unterschied in der Dosierung kann über Leben und Tod entscheiden. Deutschland darf sich diese Datenlücke nicht länger leisten.
Claudia Schmidtke ist Sprecherin Universitäres Herzzentrum Lübeck (UHZL), Gendermedizinerin und CDU-Politikerin. Die Professorin für Herzchirurgie und war von 2017 bis 2021 Bundestagsabgeordnete und von 2019 bis 2021 Patientenbeauftragte der Bundesregierung.
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