Gefährliche Abhängigkeiten : Gezielte Anreize und klare Rahmenbedingungen für eine sichere Versorgung mit Blutplasma
Anders als viele andere Wirkstoffe lässt sich das für viele Medikamente wichtige Blutplasma nicht synthetisch herstellen. Obwohl Menschen mit Immundefekten, Blutgerinnungsstörungen oder neurologischen Erkrankungen darauf angewiesen sind, stammen bereits jetzt rund 40 Prozent des in Europa verarbeiteten Blutplasmas aus den USA. Petros Gatsios, Vorstandsvorsitzender der Plasma Protein Therapeutics Association Deutschland, über Herausforderungen und Lösungen.
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Blutplasma ist eine Ressource, ohne die sowohl Basisversorgung als auch moderne Medizin kaum denkbar sind. Als Bestandteil des Blutes enthält es unter anderem Immunglobuline, die die Basis zahlreicher lebenswichtiger Medikamente bilden. Anders als viele andere Wirkstoffe lässt sich Blutplasma nicht synthetisch herstellen, sondern kann nur durch die freiwillige Spende gesunder Erwachsener gewonnen werden. Von dieser Bereitschaft hängt die Versorgung zahlreicher Patient:innen ab: Menschen mit Immundefekten, Blutgerinnungsstörungen oder neurologischen Erkrankungen. Aber auch Routineeingriffe wie Operationen oder Geburten wären ohne Plasmapräparate nicht sicher behandelbar.
Trotz dieser zentralen Bedeutung bleibt Blutplasma in den gesundheitspolitischen Debatten bislang eher ein Randthema. Zwar hat die Diskussion über Arzneimittelengpässe und Lieferketten zuletzt Fahrt aufgenommen, und auch auf EU-Ebene rückt die Versorgungssicherheit mit Medikamenten stärker in den Fokus. Die besondere Rolle von Blutplasma wird jedoch weiterhin systematisch unterschätzt.
Eine Schwachstelle im Gesundheitssystem
Deutschland gilt immer noch als Land mit einem stabilen Gesundheitssystem, und noch können sich Patient:innen auf die Versorgung mit Medikamenten aus Blutplasma verlassen. Doch die Versorgungssicherheit für Patient:innen mit diesen speziellen Arzneimitteln ist zunehmend gefährdet, denn bei der Versorgung mit Blutplasma offenbart sich zukünftig eine bedenkliche Abhängigkeit. Bereits jetzt stammen rund 40 Prozent des in Europa verarbeiteten Blutplasmas aus den USA. Damit ist die Versorgung von Patient:innen unmittelbar von globalen Lieferketten bestimmt.
Diese Lieferketten geraten jedoch zunehmend unter Druck. Geopolitische Spannungen, Exportbeschränkungen oder logistische Störungen können die Verfügbarkeit lebenswichtiger Medikamente aus Blutplasma jederzeit gefährden. Solche vermeidbaren Abhängigkeiten entwickeln sich damit zu einem ernsthaften Risiko. Die ausreichende Versorgung mit Medikamenten aus Blutplasma ist längst nicht mehr nur ein gesundheitspolitisches Thema, sondern entwickelt sich zunehmend zu einer Frage der Resilienz nationaler Gesundheitssysteme.
Wachsende Nachfrage, stagnierende Blutplasmaspenden
Laut Bundesministerium für Gesundheit werden jeden Tag in Deutschland etwa 15.000 Blut- und Blutplasmaspenden benötigt. Der Bedarf an Blutplasma steigt jedoch seit Jahren deutlich an. Polyvalente Immunglobuline, die aus Blutplasma gewonnen werden, sind heute für mehr Indikationen zugelassen als noch vor einem Jahrzehnt. Verbesserte Diagnostik und der demografische Wandel beschleunigen diese Entwicklung zusätzlich.
In einer gemeinsamen Stellungnahme verweisen Fachverbände wie die Plasma Protein Therapeutics Association (PPTA) auf alarmierende Zahlen: Zwischen 2013 und 2023 nahm der Verbrauch von Immunglobulinen um 120 Prozent zu – die in Deutschland gesammelte Blutplasmamenge stieg im selben Zeitraum jedoch lediglich um 4 Prozent. Die Folge: Eine bereits entstandene und stetig wachsende Lücke zwischen Bedarf und Verfügbarkeit.
Ein blinder Fleck im Gesundheitssystem - Politik muss handeln
Allein auf die individuelle Bereitschaft der Spender:innen zu vertrauen, reicht nicht mehr aus. Damit die Versorgung langfristig gesichert bleibt, braucht es verbesserte Rahmenbedingungen und gezielte Maßnahmen zur Erhöhung der Spendenmotivation.
Deutschland könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen, denn ein Großteil der Produktion von Medikamenten aus Blutplasma ist bereits in Europa angesiedelt. Die EU will mit dem geplanten Critical Medicines Act die Produktion und Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten innerhalb Europas sicherstellen – ein richtiger Ansatz, um sich von Import-Abhängigkeiten zu befreien. Entscheidend wird allerdings sein, dass die Besonderheiten der Produktion von Medikamenten aus Blutplasma berücksichtigt werden. Anders als Tabletten oder Impfstoffe lässt es sich nicht in großen Mengen auf Vorrat herstellen. Die Verarbeitung ist zudem komplex, zeitaufwendig, und jede Einheit hängt von der individuellen und nachhaltigen Spendenbereitschaft von Menschen ab.
Dadurch sind Blutplasmapräparate deutlich kostenintensiver in der Herstellung als herkömmliche Medikamente. Steigende Produktionskosten verschärfen die Lage zusätzlich. Um die besondere Kostenstruktur abzubilden, braucht es gezielte politische Maßnahmen für den Sektor – etwa die Reduzierung des Herstellerabschlags nach § 130a Abs. 1 SGB V.
Ebenso unverzichtbar sind Aufklärung und Sichtbarkeit, um mehr Menschen zum Spenden zu bewegen und insbesondere Erstspender:innen zu gewinnen. Noch immer wissen viele Menschen nicht, welche zentrale Rolle Blutplasma in der heutigen modernen Medizin spielt. Ohne diese Sichtbarkeit bleibt die Spendenbereitschaft gering – und ohne ausreichende Spenden gibt es schlicht keine ausreichende Produktion dieser lebenswichtigen Medikamente.
Die Internationale Woche der Plasmaspende (IPAW) Anfang Oktober hat eindrücklich gezeigt: Jede Spende zählt. Politik und Gesellschaft sind gleichermaßen gefordert, dafür zu sorgen, dass Deutschland auch in Zukunft seine Patient:innen zuverlässig mit den dringend notwendigen Medikamenten aus Blutplasma versorgen kann.
Dr. Petros Gatsios ist Vorstandsvorsitzender der Plasma Protein Therapeutics Association (PPTA) Deutschland. PPTA vertritt die Interessen privater Hersteller von Medikamenten aus Blutplasma und deren rekombinanter Analoga und setzt ihren Mitgliedsfirmen globale Standards für die Gewährleistung von Qualität und Sicherheit bei der Plasmaspende sowie bei der Verarbeitung zu Medikamenten. Daneben vertritt die PPTA Deutschland auch über 70 Plasmaspendezentren in Deutschland und begleitet legislative und politische Initiativen, insbesondere in den Themenbereichen Plasmaspenden und seltene Erkrankungen.
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