Gesetzliche Krankenversicherung : Hohes Einsparpotenzial durch Eigenbeteiligung
Ulrich Heiß ist Chefarzt der Radiologischen Abteilung eines Krankenhauses in Niedersachsen und möchte ohne Denkverbote über eine effizientere Patientensteuerung diskutieren. Dabei sollte es aus seiner Sicht auch um eine Eigenbeteiligung gesetzlich Krankenversicherter von zum Beispiel 300 Euro nach dem Vorbild der privaten Krankenversicherung bei verhältnismäßiger Minderung des monatlichen Krankenkassenbeitrages gehen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Wenn ich in vier Jahren in Rente gehe, komme ich nur noch als Besucher oder Patient in mein Krankenhaus. Bei ambulant behandelbaren Erkrankungen gehe ich zu einem niedergelassenen Kollegen – beziehungsweise bei einem Anteil von Frauen von 70 Prozent an den Studierenden wohl eher einer Kollegin – in eine Praxis oder ein MVZ. Bis dahin werde ich vermutlich in den Basistarif meiner privaten Krankenversicherung wechseln müssen, um meine sich regelmäßig jährlich nur in eine Richtung bewegenden Kosten dafür unter Kontrolle zu behalten.
Wenn ich dann krank werde, versuche ich einen Praxistermin zu vereinbaren, in der Hoffnung, den auch zu bekommen, solange ich krank bin – und nicht erst Wochen oder Monate danach. Weil ich ansonsten das machen müsste, was viele tun: Ich gehe in die Sprechstunde des Kassenärztlichen Notdienstes. In der Stadt, in der das Krankenhaus steht, in dem ich arbeite, hat die während der Woche drei Stunden am Abend offen und sechs Stunden am Wochenende. Nachts nicht.
Vorausgesetzt, dass ich keine gravierenden Symptome habe, aber trotzdem nicht länger warten kann, gehe ich mit viel Zeit und Geduld und mit einem etwas schlechten Gewissen dann eben doch in die Notaufnahme des Krankenhauses. Im Moment würde ich allerdings die Kosten, die dann entstehen, bis zu einem Eigenanteil von 500 Euro selber tragen. Erst darüber greift meine Versicherung, die dafür monatlich etwas günstiger ist als beim Vollkasko-Tarif.
30 Prozent in den Notaufnahmen sind keine Notfälle
Eine Eigenbeteiligung bei den Gesetzlichen Krankenversicherung sei unsozial und Geringverdienern gegenüber ungerecht, wird immer gesagt. Aber: Ist das, mal abgesehen von sozialen Härtefällen, nicht ohnehin so?
Jetzt ist wieder Urlaubszeit. Bei Erkrankungen im Ausland entstehen oft Zuzahlungen, weil die GKV hier nur lückenhaft absichert. Gläser für Brillen werden generell nur bei stärkerer Fehlsichtigkeit, Gleitsichtgläser überhaupt nicht übernommen. Dazu kommt der Eigenbetrag bei Medikamenten von bis zu 10 Euro und bei stationären Behandlungen bis zu 280 Euro pro Jahr. Bei einer etwa 700 Euro teuren Zahnkrone 60 bis 75 Prozent. Möchte ich bei einer Star-Operation am Auge lieber eine bessere Linse, muss ich einen vierstelligen Betrag selber bezahlen. Und so weiter.
Wussten Sie, dass 39 Prozent der gesetzlich Versicherten sich wohl auch aus diesen Gründen eine private Zusatzversicherung leisten? Ich verfolge seit Jahren die öffentlichen Diskussionen über die Patientensteuerung im ambulanten Sektor, zumal sich die Apelle, Krankenhaus-Notaufnahmen nur im Notfall aufzusuchen, periodisch wiederholen – und trotzdem nicht befolgt werden, wie Statistiken aber auch der eigene erlebte Arbeitsalltag zeigen.
Gut 30 Prozent der Patienten, die dort behandelt werden, sind keine medizinischen Notfälle und nehmen doch zusammen mit den echten die Leistungen einer 24/7 personal-und kostenintensiv betriebenen Notaufnahme wie selbstverständlich in Anspruch. Manche haben sogar noch die Kraft, gegen das Personal dort gewalttätig und unverschämt zu werden.
„No-show-Gebühr“ ergibt Sinn
Aber wohin soll man auch im tatsächlichen oder nur gefühlten Notfall gehen, wenn die nur stundenweise und nur tagsüber besetzten Notdienste der Kassenärztlichen Vereinigung geschlossen sind und der nächste freie Termin in einer Praxis nicht so selten erst in drei Monaten? Vor allem auf dem Land, wo es kaum Privatpatienten und deswegen auch weniger niedergelassene Ärzte gibt. Und die, die noch aktiv sind, werden wegen der gerade erst beginnenden Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge auch noch immer weniger.
Bei der Lösungsvorschlägen, die dafür genannt werden, fällt mir eines auf: Es wird so gut wie nie und oft nur unter vielleicht auch strategischer Erinnerung an die ökonomisch gescheiterte Praxisabgabe von zehn Euro Anfang der Zweitausender über ein Franchise-System wie z. B. in der Schweiz zumindest mal diskutiert.
Spreche ich darüber mit Lokalpolitikern, wird dazu immer gleich abgewunken: In der Sache schon richtig, aber politisch nicht durchsetzbar. Zehn Prozent der vergebenen Praxistermine werden ohne Absage nicht wahrgenommen. Wäre bei der allgemeinen Terminknappheit nicht eine „No show-Gebühr“ zu Recht verpflichtend ?
Eigenbeteiligung à la PKV
Zurzeit (noch) betragen laut Statistischem Bundesamt die Gesundheitsausgaben 501 Milliarden im Jahr. Das sind zwölf Prozent des BIP, zirka 6000 Euro pro Kopf. Würde es zum Kostenbewusstsein der Patienten und vielleicht auch einer gewissen Kostenkontrolle durch sie beitragen, wenn man, was tatsächlich hin und wieder thematisiert wird, die Kosten für ihre Behandlung transparent machen würde? Das ist in der Privaten Krankenversicherung übrigens Standard.
Dazu gehört auch eine ehrliche Reflexion der Effizienz: Welche Diagnostik hat auch eine therapeutische Konsequenz? Bewirkt eine teure Antikörper- oder Chemotherapie eine Lebensverlängerung nur noch unter unerträglichen Qualen ohne Lebensqualität? Folge ich als Arzt entgegen meiner Erfahrung nur dem Wunsch der Angehörigen auch in aussichtslosen Fällen noch alles zu versuchen, auch wenn sich dadurch lediglich das Sterben verlängern lässt?
Letztlich wird man nicht darum kommen, unser Gesundheitswesen neu zu strukturieren und auf die demografischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte auszurichten. Jetzt schon nehmen Oberschenkelfrakturen durch Stürze von immer älter werdenden Menschen um fast zehn Prozent zu, hat sich das Durchschnittsgewicht in den letzten Jahren (2021 waren 53 Prozent übergewichtig) vermehrt und damit auch die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken.
Wenn wir so wie jetzt weiter machen, wird das, ob gesetzlich oder privat versichert, finanziell nicht durchhaltbar sein. Lassen Sie uns also über alles nachdenken und diskutieren, was Kosten senken und die Effizienz unserer Gesundheitsausgaben steigern kann.
Dr. Ulrich Heiß ist Radiologie-Chefarzt.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden