Hybride Kriegsführung : Schutz vor Sabotage und Spionage für Krankenhäuser immer wichtiger
Berliner Krankenhäuser beobachten sich häufende, unerklärliche Vorgänge, die mit Spionage und Sabotage in Verbindung gebracht werden können. Solche schwer nachvollziehbaren Ereignisse werden von Verfassungsschutzbehörden teilweise als potenzielle Aktionen der hybriden Kriegsführung eingestuft. Was nun zu tun ist, erklärt Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Die Sicherheitslage in Europa spitzt sich weiter zu. Seit der Invasion Russlands in die Ukraine haben wir wieder Krieg auf unserem Kontinent. Einen Krieg, der unmittelbar an den Grenzen des NATO-Bündnisses den über Generationen gelebten Frieden bedroht. Und die Einschläge rücken sichtbar näher. Verletzungen der territorialen Integrität der NATO- und EU-Mitgliedstaaten sind mittlerweile an der Tagesordnung. Übergriffe finden in der Luft, zu Lande und zu Wasser mittels Flugzeugen, Drohnen oder Schattenflotten statt.
Militärs bezeichnen diese, noch frühe Phase einer mehr wahrscheinlich werdenden kriegerischen Eskalation als „hybride Kriegsführung“. Ziel dieser meist auf den Aggressor Russland zurückzuführenden Aktionen ist, die Reaktions- und Organisationsbereitschaft der Mitgliedstaaten westlicher Bündnisse auszutesten. Durch parallel laufende Desinformationskampagnen in sozialen Medien sollen auch der Zusammenhalt zwischen den Bündnispartnern und schließlich auch die Sicherheit der Bevölkerung gestört werden.
Globalpolitische Strategien mit lokalen Auswirkungen
Diese Strategien muten doch eher globalpolitisch an und schließen in abgewandelter Form auch weitere Staaten, beispielsweise China, Iran oder auch die Türkei, ein. Nach Beobachtung von Verfassungsschutzbehörden verfolgen all diese Staaten ihre eigenen Ambitionen auch unter Zuhilfenahme von Geheimdiensten. Doch diese Globalpolitik wirkt sich lokal aus: Fremde Regierungen (im Übrigen auch „Freunde“, wie wir wissen) richten ihre Maßnahmen in unserem Kontinent auch und besonders gegen Deutschland als einen der in der EU führenden Mitgliedstaaten. Dabei gerät auch die Hauptstadt in den Fokus dieser Maßnahmen.
Berlin ist bereits mehrfach mit großflächigen Angriffen auf seine Infrastrukturen betroffen gewesen. So haben Anschläge auf Stromtrassen im Sommer des vergangenen Jahres sowie zu Beginn dieses Jahres jeweils große Teile des städtischen Südens in einen Blackout versetzt und Privathaushalte wie Unternehmen in stromlose Notlagen versetzt. Beim jüngsten Blackout konnten die betroffenen Krankenhäuser Schaden von Patienten und eigenen Infrastrukturen noch abwenden.
Bedrohungslage für Berliner Krankenhäuser
Bereits vorher wurden vermehrt Situationen in Berliner Krankenhäusern beobachtet, die nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden als Aktionen im Rahmen der hybriden Kriegsführung eingeordnet werden können: Cyberangriffe, aufgebrochene Türen, Aufenthalt unbefugter Personen oder nicht autorisierte Foto- oder Videoaufnahmen in sensiblen Bereichen, Brand- und Kugelbombenanschläge, sonstige (teils schwere) Sachbeschädigungen, Diebstahl von Datenträgern oder wichtigem Gerät bis hin zu Drohnenüberflügen.
Unabhängig von der Urheberschaft der jüngsten Anschläge zeigt sich deutlich, dass die Bedrohungen durch Sabotage und Spionage gerade in der Hauptstadt real sind, sich mehren und erheblichen Schaden anrichten können. Krankenhäuser müssen sich als Teil der für die Versorgung der Bevölkerung kritischen Infrastruktur auf diese Szenarien der hybriden Kriegsführung vorbereiten. Zur Unterstützung hatte die Berliner Krankenhausgesellschaft bereits im letzten Jahr gemeinsam mit der Senatsgesundheitsverwaltung zu einer Konferenz eingeladen. Sie stand bei ihrer Durchführung diese Woche unter dem Eindruck des gerade kollektiv erfahrenen Blackouts bei Berliner Kliniken hoch im Kurs. Unterrichtet wurden die Klinikgeschäftsführungen durch Vertreter des Landesverfassungsschutzes, des Landeskriminalamts, der Berliner Polizei sowie sonstigen Experten für Cybersicherheit in Kliniken.
Strategische Verantwortung der Krankenhausgeschäftsführungen
Die Geschäftsführungen wurden in den Vorträgen aufgerufen, ihre Häuser strukturell auf die Gefahren vorzubereiten. Die Kliniken seien als offen zugänglich und mit vielen Partnern verbundene Unternehmen, vielseitigen Gefahren ausgesetzt. Auch die, zuletzt mit dem Krankenhauszukunftsfonds erreichte merkliche Anhebung des Digitalisierungsreifegrades, die Einbindung unzähliger Klienten und von teils auch cloudbasierter Anwendungen in Krankenhausinformationssystemen, die physischen wie virtuellen Zugangsberechtigungen für Geschäftspartner und schließlich die unzähligen Prozesse und vielen Beschäftigten, erwarten von Geschäftsführungen strategische und vielschichtige Vorgehensweisen zum Schutz von Mitarbeitern, Gebäuden, Apparaten, der Kommunikationsinfrastruktur sowie der Deutungshoheit.
Dazu sollten Geschäftsführungen systematisch mögliche Schwachstellen mit Blick auf die verschiedenen Angriffsszenarien detektieren und abschalten. Für den Fall einer konkreten Störung in den jeweils möglichen Kategorien (physisch, virtuell) sollten Strategien zur umsichtigen Reaktion vorliegen und Bearbeitungsprotokolle (beispielsweise wer informiert wen wann auf welchem Kommunikationsweg) festgelegt sein. Den Geschäftsführungen wurde dabei empfohlen, unverzüglich auf Attacken zu reagieren. Beispielsweise sollte Falschinformation unmittelbar mit Richtigstellungen entgegengewirkt werden.
Neben diesen vielen konkreten praktischen Empfehlungen, die aus Sicherheitsgründen nur in dieser abstrakten Form dargestellt werden können, hoben die Experten die hohe Bedeutung von Übungen hervor. Krankenhäuser müssen die verschiedenen Szenarien regelmäßig realistisch durchexerzieren, um beispielsweise unter den Bedingungen eines Cyberangriffs oder Stromausfalls effizient und effektiv reagieren zu können. Die Übungen können neue Aspekte aufzeigen und bei regelmäßiger Durchführung zu einer steten Aktualisierung der Krisenreaktionspläne beitragen.
Sensibilisierung der Beschäftigten als Schlüssel
Wichtiger Baustein in der Abwehr von Sabotage und Spionage ist die Wachsamkeit der Beschäftigten. Sie müssen durch interne Kommunikationskampagnen für diese Gefahren sensibilisiert werden. Dazu bieten sich auch konkrete Schulungen und stets aktuelle Informationsmaterialien zu Sicherheitsthemen an, beispielsweise zur Erkennung von Fakenews, Phishing-Mails oder zur Meldung unangemessener Ansprachen durch dritte Personen im privaten wie dienstlichen Umfeld.
Für die Krankenhäuser ergibt sich die neue große Aufgabe, wirksamen Eigenschutz herzustellen. Sie muss zügig angegangen werden, denn die Bedrohungen finden bereits statt. Berliner Krankenhäuser haben bereits zahlreiche Maßnahmen zum Schutz vor Sabotage und Spionage ergriffen, haben teilweise sogar bereits Übungen zu diesen Szenarien geprobt. Dennoch müssen die Maßnahmen weiterentwickelt und an die sich wandelnden Gefahren angepasst werden. Der einmal erreichte Schutzstatus ist am nächsten Tag schon nicht mehr aktuell. Dabei sind die Geschäftsführungen der Berliner Krankenhäuser nicht allein: Sie können Unterstützung durch die lokalen Behörden erhalten in Form von Checklisten, sonstiger Information bis hin zu krankenhausindividueller Beratung und Begehung von Liegenschaften.
Zivile Verteidigung als Gesamtaufgabe
Neben der Konzeption und Durchführung dieser Konferenz zum Schutz vor Sabotage und Spionage, unterstützt die Berliner Krankenhausgesellschaft ihre Mitglieder bei der Vorbereitung auf die zusätzlichen Aufgaben, die im Rahmen der zivilen Verteidigung bei einem möglichen Bündnisfall auf die Kliniken zukommen. Gemeinsam mit der Senatsgesundheitsverwaltung und Experten aus Berliner Krankenhäusern wurde bereits im Sommer vergangenen Jahres der Rahmenplan „Zivile Verteidigung Berliner Krankenhäuser“ den Geschäftsführungen vorgestellt. Dieser Rahmenplan wird nun mit zusätzlicher Information befüllt und zur Umsetzung gebracht. Auch die hier vorgestellte Konferenz ist ein Teil der Vorbereitung: Die zivile Verteidigung beginnt beim Schutz vor Sabotage und Spionage.
„Wir befinden uns noch nicht im Krieg, wir sind aber auch nicht mehr im Frieden“: so bewerten der Bundeskanzler und hochrangige Militärs den aktuellen Status Deutschlands. Diese neue Lage muss man anerkennen, die damit verbundenen Risiken und Bedrohungen erkennen und sich auf sie einstellen. Auf die gegen Deutschland und seine kritischen Infrastrukturen gerichteten Maßnahmen der hybriden Kriegsführung wie Sabotage und Spionage müssen sich auch die Krankenhäuser verstärkt vorbereiten. Ohne Hysterie, aber mit Weitsicht, in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden und Verbänden sowie mit Unterstützung der Politik.
Marc Schreiner ist Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden