Kürzungen der Entwicklungsbudgets : Unsere Erfolge sind zerbrechlich
Warum Bildung, Aufklärung und Gesundheitsversorgung zusammengehören – und warum sie nicht gefährdet werden dürfen, beschreibt Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin a.D. und ehemalige Beauftragte für globale Gesundheit und One Health. Zudem geht sie darauf ein, warum Investitionen auch im Interesse Deutschlands sind.
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Am 20. September war Weltkindertag – ein Anlass, der uns daran erinnert, dass jedes Kind weltweit ein Recht auf Schutz, Bildung und Gesundheit hat. Entwicklungszusammenarbeit ist entscheidend, um diese Rechte Wirklichkeit werden zu lassen – im Interesse der Kinder und Jugendlichen weltweit und auch im Interesse Deutschlands und anderer Geberländer.
Das folgende Beispiel erläutert meine These: Esther Mbuthia wurde mit 16 Jahren schwanger – in ihrem zweiten Jahr der weiterführenden Schule. Aus Scham verließ sie nicht nur die Schule, sondern auch ihr Elternhaus und floh in die kenianische Hauptstadt Nairobi.
Dort suchte sie nach einem Neuanfang – und fand Anschluss bei der Jugendgruppe Pamoja Tuinuke („Gemeinsam wachsen wir“), die von der Organisation DSW Kenya betreut wird. Durch deren Coaching-Programm lernte sie unternehmerisches Handeln und erhielt gemeinsam mit ihrer Gruppe ein Starterpaket für Catering-Dienstleistungen. Sie sparte, holte ihren Schulabschluss nach – und gründete schließlich ihr eigenes Unternehmen, in dem sie heute selbst Köchinnen und Servicekräfte beschäftigt.
Studien belegen Nutzen von Aufklärung und Bildung
Dieser Weg war für Esther Mbuthia schwer, aber dank guter Unterstützung erhielt sie eine Perspektive. Für andere junge Frauen kann sich ein ähnliches Schicksal viel schwerer auswirken. Ein strukturelles Problem von Benachteiligung und vertanen Chancen. Das zeigt: Bildungsangebote allein reichen nicht aus, wenn Mädchen und jungen Frauen der Zugang zu Gesundheitsdiensten, zu Wissen über ihren eigenen Körper und zu modernen Verhütungsmethoden fehlt. Wer über Gleichstellung spricht, muss über Aufklärung, sexuelle Rechte und Familienplanung sprechen – und über die Finanzierung genau dieser Programme.
Zahlreiche Studien zeigen: Jedes zusätzliche Schuljahr für Mädchen senkt das Risiko früher Schwangerschaften, verringert Kindersterblichkeit – und erhöht die Chance auf ein selbstbestimmtes und auch finanziell unabhängiges Leben. Aber ein Klassenzimmer allein schützt nicht vor Abhängigkeit und Armut. Nur wer Mädchen umfassend stärkt – durch Bildung, Aufklärung und Zugang zu Gesundheitsversorgung – und Jungen hilft, sich von überkommenen Geschlechterrollen zu verabschieden, bricht den Kreislauf von Benachteiligung nachhaltig.
Länder wie Malawi zeigen, dass das möglich ist. Mit gezielten politischen Maßnahmen – Schulpflicht, sexuelle Bildung, Gesundheitsdienste – ist dort die Geburtenrate spürbar gesunken. Und es gibt noch weitere Erfolge: Die Zahl neuer HIV-Infektionen bei jungen Frauen geht zurück, in vielen Ländern um ein Drittel, in manchen Ländern sogar um die Hälfte, dank kluger, langfristig finanzierter Programme, wie zum Beispiel der des Globalen Fonds. Der Weg ist lang und erfordert nicht zuletzt auch gesellschaftliche Veränderungen: Mir ist die Ehefrau eines afrikanischen Ministers in Erinnerung, die mir am Rande der Weltbevölkerungskonferenz in Nairobi erzählte, wie perplex ihr Mann gewesen sei, als sie ihm zu verstehen gab, dass nach vier Kindern kein fünftes mehr kommen sollte. Für solche Entwicklungen braucht es selbstbewusste Frauen und Männer.
Alles auch im deutschen Interesse
Doch diese Erfolge sind zerbrechlich. Die Coronapandemie hat viele Fortschritte gebremst. Jetzt wird die nächste Gefahr Realität: Kürzungen der Entwicklungsbudgets – auch in Deutschland. Gerade werden Mittel gestrichen, die in Gesundheitsaufklärung, Eindämmung von Infektionskrankheiten, Gesundheitssysteme, Gleichstellung und Mädchenbildung fließen. Das ist, als würde man in einer brennenden Stadt die Feuerwehrwachen schließen. Und es geschieht in einer Zeit, in der weltweit immer besser organisierte und finanzierte Bewegungen daran arbeiten, die Rechte junger Frauen zu beschneiden. Wir dürfen ihnen das Feld nicht kampflos überlassen.
Was hat das mit uns zu tun? Sehr viel. Viele Menschen in Deutschland spüren, dass unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Sie wünschen sich Stabilität und Gerechtigkeit. Wer genau hinsieht, erkennt: Investitionen in Bildung und Gesundheit – gerade von Kindern – schaffen genau das. Sie bekämpfen Fluchtursachen, eröffnen wirtschaftliche Partnerschaften, stabilisieren ganze Regionen – und helfen, die Zahl ungewollter Schwangerschaften zu senken. All das ist auch im deutschen Interesse.
Entwicklungsfinanzierung für Gesundheit als zentraler Hebel
Deshalb mein Appell: Kürzen wir nicht an der Zukunft! Entwicklungsfinanzierung für Bildung und Gesundheit ist kein Luxus – sie ist ein zentraler Hebel für globale Sicherheit, für Gleichberechtigung und für eine nachhaltige Partnerschaft mit Ländern des globalen Südens. Wer heute an Entwicklungsgeldern für Kinder und Jugendliche spart, gefährdet die Zukunft ganzer Gesellschaften. Kurz gesagt: Wer heute spart, zahlt morgen doppelt.
Deutschland kann und sollte jetzt zeigen: Wir stehen ein für kluge, nachhaltige Politik – mit Mut, Weitsicht und echter Solidarität.
Dr. Maria Flachsbarth ist seit 1991 Mitglied der CDU. Von 2002 bis 2021 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2018 bis 2021 Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Beauftragte für globale Gesundheit und One Health.
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