Krisenresilienz im Gesundheitswesen : Warum Deutschland auf den Ernstfall nicht vorbereitet ist
Deutschland steckt im Dauerkrisenmodus – und das Gesundheitswesen ist dafür kaum gewappnet. Sabotage, hybride Bedrohungen und unklare Strukturen im Bündnisfall offenbaren große Lücken bei Daten, Koordination und Resilienz. Ohne klare Verantwortlichkeiten und echte Vorbereitung bleibt das System verwundbar.
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Die sicherheitspolitische Zeitenwende erfasst zunehmend auch das deutsche Gesundheitswesen. Über Jahrzehnte konnten wir in Europa von stabilen Friedensverhältnissen ausgehen und haben unser Gesundheitssystem darauf ausgerichtet. Doch diese jahrzehntelange Gewissheit ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten. Und nicht zuletzt der kürzliche Angriff der Vulkan-Gruppe auf das Berliner Stromnetz hat offengelegt, wie anfällig unsere kritische Infrastruktur – die Krankenhauslandschaft inklusive – für Sabotage und hybride Bedrohungen ist.
Auf das Eintreten eines echten Ernstfalles ist unser ziviles Gesundheitssystem bislang kaum vorbereitet. Speziell an der kritischen Schnittstelle zwischen militärischer und ziviler Gesundheitsversorgung klafft eine Koordinations- und Vorbereitungslücke.
Die rechtlich-politische Grauzone des Bündnisfalls
Eine erste Herausforderung liegt bereits in der rechtlichen Einordnung: Im Verteidigungsfall existieren durch Notstands- und Sicherstellungsgesetze klare Durchgriffsrechte und Führungsstrukturen. Im Bündnisfall jedoch gelten viele dieser Mechanismen nicht automatisch. Szenarien der Bundeswehr gehen davon aus, dass in einem solchen Fall zwischen 300 und 1000 verwundete Soldaten pro Tag in Deutschland versorgt werden müssten. Die fünf Bundeswehr-Krankenhäuser könnten diese Versorgungslast nicht eigenständig bewältigen. Sie wären zwingend auf die zivile Krankenhausinfrastruktur angewiesen - ohne dass zentrale Fragen für eine bundesweite, trägerübergreifende Gesundheitsversorgung geklärt wären.
Dazu kommt, dass das eingeübte Denken im deutschen Gesundheitswesen vertikalen Strukturen innerhalb einzelner Einrichtungen folgt. Im Klinikalltag sind wir Meister darin, OP-Kapazitäten, Personal, Verantwortlichkeiten innerhalb unseres Hauses zu steuern. Aber was passiert, wenn Sabotageakte die Stromversorgung oder Kommunikation einschränken? Wer übernimmt, falls ein Maximalversorger ausfällt? Aktuell fehlen im Gesundheitswesen die Fähigkeit und Gewohnheit, in solchen Bedrohungslagen über Einrichtungen hinweg horizontal zu denken.
Der Operationsplan Deutschland der Bundeswehr, welcher die zivil-militärische Zusammenarbeit im Bündnisfall regeln soll, adressiert diese Problematik teilweise, fokussiert sich derzeit jedoch primär auf Universitäts- und BG-Kliniken – und damit nur einen Teil der deutschen Krankenhauslandschaft.
Klare regionale Verantwortungsstrukturen fehlen
Was fehlt, sind klare regionale Verantwortungsstrukturen, die alle Trägerarten einbinden und sich an Versorgungsrealitäten vor Ort orientieren. Dies bedeutet bundesländerübergreifende, in Grenzregionen gegebenenfalls internationale Planung und Zusammenarbeit. Hier wird es notwendig sein, ein neues Mindset der Koordination zwischen Einrichtungen verschiedener Bundesländer und Nachbarnationen zu etablieren.
Das schließt auch Simulationen und Übungen ein, um diese Strukturen zu erproben. In vielen Wirtschaftssektoren durchlaufen Unternehmen regelmäßige Stresstests und simulieren Krisen. In Bundeswehr und NATO erzeugen große Übungen ein relativ klares Lagebild über Fähigkeiten, Materialbestände und Einsatzbereitschaft. Im Gesundheitswesen fehlen vergleichbare Instrumente bislang weitgehend.
Es fehlen Daten und ein belastbares Lagebild
Besonders kritisch ist der Mangel an belastbaren Daten. Es existiert keine zentrale Erfassung von Medizinbeständen, keine in Echtzeit abrufbare, bundesweite Übersicht über Intensivkapazitäten, Operationssäle oder die Verfügbarkeit spezialisierter Teams nach Standort. Die meisten Krankenhäuser verfügen für den Fall eines Ausfalls der Stromversorgung zwar über Dieselgeneratoren, welche aber vielfach nicht für einen längerfristigen Betrieb ausgelegt sind oder nicht entsprechend nachgerüstet wurden. Es fehlt eine Übersicht, welche Krankenhäuser im Ernstfall ihre Energieversorgung auch über einen längeren Zeitraum autark sichern können, z.B. durch Blockkraftwerke.
Ein großer Teil der Lösung dieser Datenproblematik liegt in der Digitalisierung. Zwar gibt es lokal oder regional eine Vielzahl gelungener Digitalisierungsprojekte, beispielsweise zur Echtzeitsteuerung von OP-Kapazitäten in einzelnen Häusern, es fehlt aber bislang eine Integration eine belastbare, bundesweite Struktur. Ein pragmatischer erster Schritt wäre die Einführung eines nationales Dashboards, das die Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen wie Medizinbestände, Intensivkapazitäten, OP-Säle oder einsatzbereiter Rettungsfahrzeuge abbildet, und auch bei Ausfall digitaler Infrastrukturen durch Cyberangriffe oder Sabotage funktionsfähig bleibt. Technisch wäre dies relativ schnell umsetzbar – wenn es den politischen Willen dazu gibt.
Der ökonomische Zielkonflikt: Effizienz versus Resilienz
Parallel zu der Frage der Datenverfügbarkeit stellt sich auch die Frage, welche Kapazitäten im Krisenfall überhaupt benötigt werden. Hier offenbart sich ein Zielkonflikt. Unser Gesundheitswesen steht heute unter enormen Kostendruck. Im Klinikalltag wie auch in der Krankenhausreform liegt der Fokus entsprechen auf effizienter Ressourcennutzung und dem Abbau von Überkapazitäten. Resilienz für den Krisenfall erfordert aber das genaue Gegenteil: plötzlich werden Überkapazitäten essenziell, um mögliche Ausfälle aufzufangen.
Die Krankenhausreform mit ihrer Fokussierung auf Kapazitätsabbau muss daher im Kontext militärischer Sicherheitsanforderungen neu bewertet werden. Die bisherige dezentrale Infrastruktur und vermeintliche Überversorgung könnten sich im Krisenfall als strategischer Vorteil erweisen – ermöglichen sie doch Redundanzen und erschweren eine flächendeckende Lahmlegung der Versorgung.
Die Politik ist in der Verantwortung
Bleibt die Frage, wie wir die notwendigen Änderungen für ein krisenresilientes Gesundheitswesen anstoßen können. Wenn wir Gesundheitssicherheit als Kernaufgabe nationaler Sicherheit begreifen, braucht es eine zentrale Stelle, welche ein Zielbild entwirft und eine ganzheitliche Überarbeitung der Rahmenbedingungen – von Verantwortlichkeiten für den Ernstfall, über verbindliche Stresstests, Investitionen in digitale Infrastrukturen, bis hin zur Identifizierung essenzieller Redundanzen – vorantreibt. Am besten wäre eine solche Stelle aufgrund der ressortübergreifenden Natur und sicherheitspolitischen Relevanz im Bundeskanzleramt verortet.
Klar ist: Das deutsche Gesundheitssystem gehört zu den leistungsfähigsten weltweit und vollbringt im Normalbetrieb Tag für Tag Höchstleitungen. All das hilft allerdings wenig, wenn im Krisenfall verlässliche Daten und klare Verantwortlichkeiten fehlen, und Abläufe nicht erprobt sind. Wir können hoffen, dass wir unsere Gesundheitsversorgung in einem solchen Fall „schon irgendwie regeln“ werden. Oder wir können uns vorbereiten. Der Zeitpunkt für letzteres ist jetzt. Wenn der Ernstfall eintritt, ist es definitiv zu spät.
Prof. Dr. Djordje Nikolic ist Leiter des Bereichs Health bei Accenture in der DACH-Region. Er ist Mediziner, hält eine Professur für Klinikmanagement an der SRH-Fernhochschule und war lange Jahre Klinikgeschäftsführer bei den HELIOS-Kliniken.
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