Gesundheit ist eine Standortfrage : Warum die GKV-Reform über Deutschlands zukünftige Wettbewerbsfähigkeit entscheidet
Das deutsche Gesundheitssystem steht an einem Kipppunkt. Steigende Kosten und Bürokratie treffen auf politische Reformmüdigkeit – eine gefährliche Mischung, schreibt der frühere gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Andrew Ullmann, in seinem Standpunkt und macht Lösungsvorschläge.
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Wir reden oft über Pflegenotstand und Ärztemangel, verschweigen gleichzeitig, dass das System selbst krank ist. Denn was heute der Beitragssatz ist, ist morgen ein Wettbewerbsnachteil. Wenn die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) unbezahlbar wird, leidet nicht nur die Versorgung, sondern auch der Standort Deutschland.
Die GKV ist eine tragende Säule des Sozialstaats, aber längst ein Sanierungsfall. Eine alternde Gesellschaft, stagnierende Beitragseinnahmen, Überbürokratisierung, mangelnde Digitalisierung und veraltete Versorgungsstrukturen erhöhen den Reformdruck. Aktuelle Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP) verdeutlichen die Dramatik der Entwicklung: Selbst im Basisszenario, in dem sich Einnahmen und Ausgaben der GKV im Gleichschritt bewegen, würde der Beitragssatz bis 2035 auf rund 19,3 Prozent und bis 2050 auf 20,2 Prozent steigen. Nimmt jedoch die Ausgabendynamik weiter zu, droht ein deutlich stärkerer Anstieg auf 21,5 Prozent bis 2035 und bis zu 26 Prozent bis 2050. Diese Zahlen zeigen: Ohne strukturelle Reformen wird die GKV zu einem immer größeren Kostenfaktor für Beschäftigte und Unternehmen.
Ein „Weiter so“ mit punktuellen Zuschüssen oder temporären Sparmaßnahmen genügt deshalb nicht. Denn neben der Belastung für Beitragszahler steht auch die deutsche Wirtschaft unter Druck: Wenn sich die Beiträge der GKV weiter erhöhen, steigen automatisch die Lohnnebenkosten und damit die Belastung für Unternehmen, Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität.
Aus Sicht der Mittel- und Großunternehmen wächst die Gefahr, dass steigende Personalkosten in Kombination mit Fachkräftemangel zu Standortverlagerungen, Investitionszurückhaltung oder geringerer Innovationskraft führen. Es braucht daher mutiges politisches Handeln zu tiefgreifende Strukturreformen: mehr Effizienz, mehr Eigenverantwortung und eine medizinisch sinnvolle Leistungsfokussierung.
Bürokratieabbau und Digitalisierung
Der Abbau redundanter Berichtspflichten im Gesundheitswesen, etwa bei Abrechnung, Qualitätsdokumentation und Registermeldungen, sowie der Aufbau einer einheitlichen digitalen Infrastruktur sind keine optionalen Modernisierungsschritte, sondern wirtschaftliche Notwendigkeiten. Während viele Länder auch in Europa mit digitaler Patientensteuerung bereits Milliarden sparen, füllt Deutschland noch Formulare aus Papier. Die Folge: Ein reformmüdes System, das jährlich teurer und ineffizienter wird.
Vor allem für exportorientierte Industrien und technologieintensive Dienstleister wird die Effizienz in der Gesundheits- und Versorgungsstruktur zu einem Wettbewerbsfaktor: Jede Stunde, die durch Doppeldokumentation, analoge Prozesse oder ineffiziente IT-Systeme unnötig gebunden wird, fehlt in der Wertschöpfung im Unternehmen, sei es in Produktion, Forschung oder Service. Eine funktionierende digitale, interoperable Patientenakte kann also nicht nur Kosten im Gesundheitssystem senken, sondern auch die volkswirtschaftliche Produktivität stärken.
Ein verbindlicher Fahrplan zur vollständigen Einführung einer interoperablen elektronischen Patientenakte bis Ende des Jahrzehnts, wie im Digital-Gesetz vorgesehen, ist entscheidend. Diese digitale Akte im Opt-out-Modell muss Abrechnung, Dokumentation und Behandlungsprozesse spürbar entlasten. Ziel ist eine flächendeckende Nutzung bis spätestens 2030.
Ambulante Primärversorgung als Effizienzhebel
Evaluationen moderner Primärversorgungs- und Gatekeeping-Modelle zeigen, dass eine gut gestaltete ambulante Steuerung mit einem Rückgang von stationären Aufnahmen einhergehen kann. Damit bietet sie ein wirksames Instrument zur Effizienzsteigerung im Gesundheitssystem. Sie kann unnötige Klinikaufenthalte verhindern als ein zentrales Ziel der laufenden Krankenhausreform.
Die freie Arztwahl bleibt erhalten, wird aber durch medizinisch sinnvolle Steuerung effizienter gestaltet. Internationale Erfahrungen und gesundheitsökonomische Simulationen belegen die Vorteile eines solchen Systems. Integrierte Gesundheitszentren mit multiprofessionellen Teams könnten zusätzlich zur Entlastung der stationären Versorgung beitragen und wohnortnahe Angebote stärken.
Denn ein gut gesteuertes Primärarztsystem (haus- und fachärztlich) mit Gatekeeping reduziert nicht nur Klinikaufenthalte, sondern wirkt indirekt auch auf die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten: Kürzere Warte- und Wegezeiten, bessere Prävention, geringere Ausfallzeiten wegen Erkrankung, all das verbessert die Planungssicherheit von Unternehmen und senkt Personalkosten. Damit wird Gesundheitsversorgung zu einem Standortfaktor für Unternehmen, nicht nur zu einer sozialen Aufgabe.
Solidarische Basis, differenzierte Wahlleistungen
Die evidenzbasierte Grundversorgung muss solidarisch finanziert bleiben. Sie stützt sich auf Leistungen, die durch den Gemeinsamen Bundesausschuss geprüft und definiert werden. Ergänzende Wahlleistungen, etwa besondere Diagnostik, Komfortelemente oder freie Klinik- oder Arztwahl, können über Zuzahlungen oder Zusatzversicherungen angeboten werden. Entscheidend ist eine sozial ausgewogene Ausgestaltung mit einkommensabhängigen Obergrenzen und gezielten Befreiungen für vulnerable Gruppen.
Die Abrechnung von Wahlleistungen sollte standardisiert und direkt zwischen Kasse und Versichertem erfolgen, um Praxen zu entlasten und Transparenz zu schaffen. So kann eine Zwei-Klassen-Medizin verhindert werden, ohne Wahlfreiheit einzuschränken.
Für Unternehmen gilt: Wenn Wahl- oder Zusatzleistungen, etwa besondere Diagnostik oder Komfortelemente, transparenter und steuerbarer gestaltet werden, kann dies das Potenzial haben, die Effizienz des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu steigern.
Versicherungsfremde Leistungen
Die beitragsfreie Familienmitversicherung und weitere versicherungsfremde Leistungen verursachen laut Berechnungen von Gensorowsky und Greiner bis zu 8,1 Milliarden Euro jährlich, in weiter Definition, also unter Einbeziehung indirekter, staatlich bedingter Umverteilungseffekte wie etwa beitragsfreie Mitversicherungen oder Deckungslücken bei Rentnern, sogar 76,5 Milliarden Euro. Hinzu kommt eine Deckungslücke von ca. 9,2 Milliarden Euro bei Bürgergeldempfängern. Eine realitätsnahe, dynamisierte Steuerfinanzierung wäre sachlich geboten, etwa analog zur Rentenversicherung. Auch eine sozial gestaffelte Beteiligung an der Familienmitversicherung sollte diskutiert werden, um das solidarische System gezielt zu entlasten.
Krankheitsprävention muss verbindlicher und praxisnäher in die Versorgung integriert werden, zum Beispiel durch gesetzlich verankerte, evaluierte Maßnahmen. Eine moderate Selbstbeteiligung (zum Beispiel zehn Prozent, gedeckelt durch eine sozial abgepasste Jahresobergrenze und ohne Belastung für untere Einkommen) kann helfen, die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen bewusster zu steuern. Vorsorge-, Notfall- und Geburtsleistungen sollten dabei ausgenommen bleiben, um dort keine Versorgungshürden zu schaffen.
Demografiefonds – für eine generationengerechte Finanzierung
Angesichts der wachsenden Belastungen durch den demographischen Wandel braucht es einen langfristigen Finanzierungsmechanismus. Ein Demografiefonds könnte helfen, Beitragssätze zu stabilisieren und das System widerstandsfähiger gegen Innovationsdruck und Alterung zu machen.
Ein generationengerechtes Gesundheitssystem ist keine Frage der Ideologie, sondern der wirtschafts- und standortpolitischen Verantwortung. Die GKV beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts unmittelbar. Ihre Stabilität entscheidet zunehmend darüber, ob Deutschland ein strukturstarker Wohlstands- und Industriestandort bleibt. Nur so lassen sich Schutz, Innovation und Wachstum zugleich sichern.
Und: Der Reformdruck ist nicht nur technokratisch, sondern auch gesellschaftspolitisch spürbar: Laut Forsa sehen zirka 60 Prozent der Bevölkerung die Versorgung als verschlechtert oder bedroht an. Deutschland zählt zu den Ländern mit der höchsten Steuer- und Abgabenlast in der OECD, was Unternehmen in Hinblick auf Investitionen, Beschäftigung und Innovationskraft belasten kann. Ein nachhaltiges GKV-System muss deshalb nicht nur wirtschaftlich stabil, sondern auch gesellschaftlich legitimiert sein.
Entscheidend ist, Reformen datenbasiert, sozial ausgewogen und mit klarer ökonomischer Zielsetzung umzusetzen. Ein generationengerechtes Gesundheitssystem stärkt damit nicht nur Versorgungssicherheit, sondern auch den Wirtschaftsstandort Deutschland. Reformen dürfen deshalb nicht länger aus Angst vor Widerständen vertagt werden. Deutschland kann wieder führend sein auch in der Gesundheitspolitik, wenn wir den Mut haben, jetzt zu handeln.
Prof. Dr. Andrew Ullmann ist Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie an der Universitätsklinik Würzburg sowie Vorstandsmitglied des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI). Von 2017 bis 2025 war er Mitglied des Deutschen Bundestages und gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.
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