Stabilisierung der GKV-Finanzen : Warum die Potenziale der industriellen Gesundheitswirtschaft mehr Beachtung finden müssen
Um die Finanzen der gesetzlichen Kranken- und sozialen Pflegeversicherung langfristig zu stabilisieren, braucht es Innovationen im Gesundheitsbereich, schreibt die CDU-Politikerin Maria-Lena Weiss. In moderner Medizintechnik und der Nutzung von Gesundheitsdaten steckt ihrer Ansicht nach großes Potenzial, Kosten zu sparen. Dafür müsse die industrielle Gesundheitswirtschaft gestärkt werden.
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Unser Gesundheitssystem steht durch demografischen Wandel, steigende Ausgaben und wirtschaftliche Unsicherheiten unter erheblichem finanziellem Druck – besonders in der gesetzlichen Kranken- und der sozialen Pflegeversicherung. Bereits heute liegt der durchschnittliche GKV-Beitragssatz bei rund 17,5 Prozent. Nach Prognosen des IGES-Instituts droht 2027 ein Defizit von rund zwölf Milliarden Euro; ohne Reformen könnten die Sozialabgaben bis 2035 auf 50 Prozent des Einkommens steigen.
Vor diesem Hintergrund soll die „FinanzKommission Gesundheit“ kurzfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der Beitragssätze ab 2027 und strukturelle Reformoptionen erarbeiten. So notwendig die Vorschläge auch sind: Ohne tiefgreifende Veränderungen wird eine nachhaltige Stabilisierung nicht gelingen. Prävention, Bürokratierückbau und eine bessere Patientensteuerung sind wichtige Hebel. Aber zu wenig beachtet wird bislang das Potenzial der industriellen Gesundheitswirtschaft.
Einsparungen durch Medizintechnik und Gesundheitsdaten
Sie umfasst Arzneimittel, Medizintechnik, Biotechnologie und digitale Gesundheitslösungen. Gerade dieser Bereich kann dazu beitragen, Effizienzreserven zu heben, Beitragssätze zu stabilisieren und die Resilienz unseres Systems zu stärken. Laut einer Prognose-Studie im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie liegen die Einsparpotenziale mit direktem Bezug zu den GKV-Leistungsausgaben schon heute bei mehr als 20,8 Milliarden Euro jährlich; bis 2045 könnten sie auf bis zu 47 Milliarden Euro pro Jahr steigen – bei mindestens gleichbleibender Versorgungsqualität.
Besonders groß ist der Hebel bei moderner Medizintechnik, etwa in der Bildgebung und bei minimalinvasiven Eingriffen. In Verbindung mit Künstlicher Intelligenz und Robotik lassen sich Behandlungen präziser und effizienter gestalten. Ähnliches gilt für eine bessere Nutzung von Gesundheitsdaten: Durch Digitalisierung, Datenaustausch und Forschung können Doppelbehandlungen vermieden, Präzisionsmedizin vorangebracht und neue Therapien schneller entwickelt werden. Auch in der Pharmaindustrie gilt: Selbst hochpreisige Medikamente können Kosten sparen, wenn sie langwierige Folgebehandlungen verhindern oder hinauszögern.
Fortschritt als Baustein beitragsstabiler Sozialsysteme
Deshalb muss auch der Krankenhaus-Transformationsfonds konsequent in Innovationen investieren, statt lediglich bestehende Strukturen zu stützen. Innovationen sind keine Nebensache, sondern die wichtigste Chance, unser Gesundheitssystem dauerhaft zu entlasten und zugleich die wirtschaftliche Basis unseres Landes zu stärken.
Denn Investitionen in Gesundheit wirken nicht nur im Versorgungssystem, sondern in die gesamte Volkswirtschaft hinein. Ein investierter Euro erzeugt eine ökonomische Folgewirkung von mehr als 1,50 Euro. Gesunde Menschen können arbeiten, lernen, konsumieren und so zur Wertschöpfung beitragen. Medizinischer Fortschritt ist deshalb kein Kostenfaktor, sondern ein Baustein beitragsstabiler Sozialsysteme.
Industrielle Gesundheitswirtschaft stärken
Diese Perspektive deckt sich mit dem Koalitionsvertrag, der die industrielle Gesundheitswirtschaft ausdrücklich stärken will. Ihre Bedeutung ist erheblich: Die Gesundheitswirtschaft erwirtschaftete 2024 rund 490 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und steht für 12,5 Prozent der Gesamtwirtschaft. Auf Medizintechnik und Pharma entfallen davon rund 90 Milliarden Euro. 16,6 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in diesem Sektor.
Gleichzeitig zeigen die Medizinprodukte- (MDR) und die In-vitro-Diagnostika-Verordnung (IVDR), wie sehr gute politische Absichten durch Überbürokratisierung ins Gegenteil umschlagen können. Hohe Zulassungs- und Rezertifizierungskosten haben Forschung gebremst, Produkte vom europäischen Markt verdrängt und Standortentscheidungen zulasten Europas beeinflusst. Deshalb setze ich mich für ein zügiges Inkrafttreten der MDR-Novelle und für kurzfristig wirksame Sofortmaßnahmen ein. Unser Ziel muss sein, Gesundheitsinnovationen im europäischen und deutschen Markt verfügbar zu halten, statt zuzusehen, wie sie zwar hier entwickelt, aber wegen regulatorischer Hürden zuerst anderswo zugelassen werden.
Neue Absatzmärkte für stärkere Resilienz
Wer den Standort sichern will, muss zudem neue Absatzmärkte erschließen und Handelsabkommen strategisch auch für die Gesundheitswirtschaft nutzen. Größere Märkte stärken Wachstum, ermöglichen Skaleneffekte und erhöhen damit auch die Resilienz in systemkritischen Bereichen der Versorgung.
Denn Gesundheitspolitik ist längst auch Sicherheitspolitik. Wer bei Wirkstoffen, Medizintechnik und kritischen Verbrauchsprodukten dauerhaft von Importen aus Fernost abhängt, setzt im Krisenfall staatliche Handlungsfähigkeit aufs Spiel. Das gilt besonders für Antibiotika, Insulin, Krebsmedikamente, Kinderarzneimittel, Einmalprodukte und Therapien für seltene Erkrankungen. Resilienz entsteht nur, wenn wir Endprodukte, Produktionsprozesse und Ausgangsmaterialien gemeinsam in den Blick nehmen und eigene Produktion durch kluge Anreize absichern.
Innovationsbedingungen stärken
Die Stabilisierung der GKV-Finanzen wird nicht gelingen, wenn wir nur mit dem Rotstift arbeiten. Wir brauchen eine starke Pharma- und Medizinprodukteindustrie, die Innovationen hervorbringt, Kosten dämpft und Versorgungssicherheit schafft. Deutschland muss seinen Akteuren in der Spitzenmedizin einen Rahmen bieten, der Innovation belohnt, statt sie zu budgetieren. Ebenso müssen Hürden bei der Datennutzung konsequent abgebaut werden; Datenschutz darf nicht länger zum Forschungsverhinderungsschutz werden.
Deutschland hat das Potenzial, sich als globaler Health-Hub neben den USA und China zu positionieren. In einer Welt geopolitischer Blockbildung kann „Health Made in Germany“ zu einer strategischen Brücke werden: als Exportgut, als Instrument für neue Partnerschaften und als Grundlage für mehr wirtschaftliche Diversifizierung und Resilienz.
Gesundheitswirtschaft zur Leitindustrie machen
Die Politik hat diese Bedeutung erkannt und die industrielle Gesundheitswirtschaft im Koalitionsvertrag als Leitindustrie benannt. Entscheidend ist nun die Umsetzung. Der vom Kanzleramt initiierte Pharma- und MedTech-Dialog ist dafür ein wichtiger Anfang. Er darf aber nicht folgenlos bleiben, sondern muss verstetigt werden, damit Handlungsfelder in direkter und regelmäßiger Abstimmung frühzeitig identifiziert und bearbeitet werden.
Darüber hinaus braucht es ein parlamentarisches Korrektiv. Ein Unterausschuss „Industrielle Gesundheitswirtschaft“ könnte dazu beitragen, dass die Ergebnisse des Pharma- und MedTech-Dialogs nicht zum Papiertiger werden, sondern in konkretes Regierungshandeln und Gesetzgebung münden. Dort ließen sich die relevanten Rahmenbedingungen für die industrielle Gesundheitswirtschaft gezielt überarbeiten und Hemmnisse abbauen – insbesondere bei klinischen Prüfungen, Datenschutzauslegung und Zulassungswegen. Ein solches Gremium wäre ein wichtiger Schritt, um Deutschland zu einem weltweit führenden Ökosystem für Gesundheitslösungen zu entwickeln.
Die Juristin Maria-Lena Weiss ist CDU-Politikerin und Mitglied im Gesundheitsausschuss für die Unions-Bundestagsfraktion.
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