Wenn Hilfe knapper wird : Warum Honorarkürzungen die Versorgung psychisch belasteter Kinder gefährden
Die Honorarkürzung im Bereich Psychotherapie setzt ein falsches Signal, meint Beate Beyer. Notwendig wäre stattdessen eine differenzierte Betrachtung der besonderen Anforderungen in der kinder- und jugendpsychotherapeutischen Versorgung sowie eine gezielte Stärkung dieses Bereichs, ist die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Leipzig überzeugt. Nur so lasse sich verhindern, dass aus einer bereits angespannten Versorgungslage eine strukturelle Unterversorgung werde.
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Während die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland weiter zunimmt, setzt die Gesundheitspolitik ein widersprüchliches Signal: Die Honorare für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden gekürzt. Besonders betroffen ist ein Bereich, der ohnehin seit Jahren unter Druck steht – die kinder- und jugendpsychotherapeutische Versorgung.
Am 11. März beschloss der Erweiterte Bewertungsausschuss eine Absenkung der Honorare um 4,5 Prozent. Begründet wird dies unter anderem mit einem überproportionalen Honorarwachstum in den vergangenen Jahren sowie mit einer gestiegenen Zahl niedergelassener Therapeutinnen und Therapeuten. Gleichzeitig habe sich die Versorgungslage gesetzlich Versicherter nicht im gleichen Maße verbessert.
Diese Argumentation greift zu kurz. Denn sie blendet aus, dass sich die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe im Kinder- und Jugendbereich in den letzten Jahren deutlich verschärft hat. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil von Schülerinnen und Schülern unter psychischer Belastung leidet (zuletzt Deutsches Schulbarometer 25/26). Wartezeiten von mehreren Monaten auf einen Therapieplatz sind vielerorts die Regel. Die Missstände in dem Bereich der Kinder- und Jugendarbeit zeigten sich bereits lange vor der Coronapandemie, vor allem durch Einsparungen im präventiven Versorgungsbereich (etwa durch Schulsozialarbeit).
In der im März vorgestellten Studie der Robert Bosch Stiftung zeigte sich, dass die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach der Corona-Pandemie nun erneut wieder zunehmen. Ein Viertel der Schüler:innen fühlt sich demnach überdurchschnittlich stark psychisch belastet.
Erkrankungen drohen sich zu chronifizieren
Die Realität in den Praxen spiegelt diese Entwicklung deutlich wider. Kinder und Jugendliche suchen zunehmend mit schweren Symptomen Hilfe – von Angststörungen über Depressionen bis hin zu suizidalen Krisen. Gleichzeitig sind stationäre Behandlungsplätze knapp, sodass ambulante Psychotherapie oft die einzige erreichbare Versorgungsoption darstellt. Verzögerungen im Zugang zur Behandlung erhöhen jedoch das Risiko, dass sich Erkrankungen chronifizieren und langfristige Folgen entstehen.
Vor diesem Hintergrund sendet die Honorarkürzung ein problematisches Signal. Sie trifft eine Berufsgruppe, die bereits unter hoher Arbeitsbelastung arbeitet und deren Kapazitäten vielerorts ausgeschöpft sind. Während alle niedergelassenen Psychotherapeutischen Praxen unter der Inflation und gestiegenen Mietkosten leiden, sind auch hier Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen besonders betroffen.
Gerade im Kinder- und Jugendbereich, wo Menschen zwischen 0 bis 21 Jahren behandelt werden, wird wesentlich mehr Raumfläche sowie Spiel- und Arbeitsmaterial benötigt als im Erwachsenenbereich. Auch inhaltlich leisten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen nicht nur die eigentliche Therapiearbeit, sondern koordinieren häufig auch komplexe Behandlungsprozesse: Gespräche mit Eltern, Schulen, Jugendämtern und Kliniken gehören zum Alltag. Diese Leistungen sind zeitintensiv, aber im bestehenden Vergütungssystem nur unzureichend abgebildet.
Die ökonomischen Effekte der Kürzung sind dabei nur ein Teil des Problems. Entscheidend ist ihre strukturelle Wirkung: Wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unattraktiver werden, sinkt langfristig die Bereitschaft, die langjährige Ausbildung auf sich zu nehmen oder Kassensitze im Bereich der gesetzlichen Versorgung zu übernehmen. Gleichzeitig steigt der Druck, mit Privatpatient:innen die Einnahmen in stärkerem Ausmaß auszugleichen. Für gesetzlich versicherte Kinder und Jugendliche bedeutet das im Ergebnis: noch längere Wartezeiten und schlechtere Zugänglichkeit zu dringend benötigter Hilfe.
Versorgung nicht allein anhand von Kosten und Mengen bewerten
Damit verstärkt die aktuelle Entscheidung genau jene Versorgungsprobleme, die sie eigentlich adressieren soll. Statt die ambulante Behandlung zu stabilisieren, droht eine Verschiebung in kostenintensivere Versorgungsbereiche, etwa stationäre Aufenthalte, die häufig vermeidbar wären, wenn frühzeitig ausreichend Therapieangebote zur Verfügung stünden.
Eine nachhaltige Gesundheitspolitik muss die Realität psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ernst nehmen. Dazu gehört, Versorgung nicht allein anhand von Mengen- und Kostenentwicklungen zu bewerten, sondern auch an ihrem tatsächlichen Bedarf und ihrer präventiven Wirkung. Investitionen in die ambulante Psychotherapie sind keine freiwillige Leistung, sondern ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Gesundheitsversorgung.
Die Honorarkürzung setzt hier ein falsches Signal. Notwendig wäre stattdessen eine differenzierte Betrachtung der besonderen Anforderungen in der kinder- und jugendpsychotherapeutischen Versorgung sowie eine gezielte Stärkung dieses Bereichs. Nur so lässt sich verhindern, dass aus einer bereits angespannten Versorgungslage eine strukturelle Unterversorgung wird – mit langfristigen Folgen für die betroffenen Kinder, ihre Familien und letztlich die gesamte Gesellschaft.
Dr. phil. Beate Beyer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Leipzig.
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