Fehlgeleiteter Eingriff : Warum Kürzungen in der Physiotherapie die gesamte Versorgung belasten

Steffen Gabriel
Steffen Gabriel ist stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Verbands für Physiotherapie Foto: VPT

Die geplanten Einsparungen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes sind zu pauschal – besonders im Heilmittelbereich. Das kritisiert Steffen Gabriel, stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Verbands für Physiotherapie. Seine These: Wer hier kürzt, spart kein Geld, sondern verlagert Kosten in die Krankenhäuser.

von Steffen Gabriel, Verband für Physiotherapie (VPT)

veröffentlicht am

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Die schwierige Finanzsituation der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und die Notwendigkeit struktureller Reformen im Gesundheitssystem sind unbestritten. Das System ist jedoch zu komplex, um schlicht pauschale Einsparungen vorzunehmen. Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz setzt den Rotstift im Heilmittelbereich an – einem Sektor, der ohnehin von einem erheblichen Fachkräftemangel geprägt ist. Was als fiskalische Konsolidierung gedacht ist, konterkariert eine politisch gewünschte Nachholbewegung, erzeugt erhebliche Kostenrisiken in anderen Versorgungsebenen und gefährdet die Patientenversorgung weit über die ambulante Praxis hinaus. Wer hier kürzt, spart kein Geld, sondern verlagert Lasten in die Krankenhäuser und die stationäre Pflege.

Die Finanzkommission Gesundheit begründet die geplanten Kürzungen im Heilmittelbereich mit den überproportionalen Vergütungssteigerungen der vergangenen Jahre. Diese Argumentation greift jedoch viel zu kurz und geht an der Realität vorbei. Die deutlichen Preisanpassungen waren keine übermäßigen Steigerungen, sondern dringend erforderliche Korrekturen einer langjährigen, strukturellen Unterfinanzierung durch die Krankenkassen.

Noch im Jahr 2013 lag das durchschnittliche Bruttogehalt in der Physiotherapie bei lediglich 2054 Euro im Monat – niedriger als in jedem anderen Gesundheitsfachberuf. Die gesetzlichen Korrekturen seit 2017 waren notwendig, um diese fundamentale Schieflage bei der Vergütung zu beheben. Deshalb wurden „angemessene Preise“ im SGB V verankert. Trotz der Steigerungen von 40 bis 60 Prozent der letzten Jahre bleibt der Abstand zu anderen Berufen im System groß: Mit rund 3200 Euro brutto liegt das Gehalt in der Physiotherapie weiterhin etwa 1000 Euro unter dem der Krankenpflege und knapp 1500 Euro unter dem von Sozialversicherungsfachangestellten.

Kürzungen verschärfen den bestehenden Fachkräftemangel

Vor diesem Hintergrund greifen die Instrumente des Beitragssatzstabilsierungsgesetzes – wie die Grundlohnsummenbindung, ein befristeter Sonderabschlag, der Wegfall der Pauschale bei der Blankoverordnung und höherer Zuzahlungen – an der falschen Stelle an. Sie treffen ausgerechnet den Bereich mit der niedrigsten Vergütung und dem höchsten Fachkräftemangel des Gesundheitswesens. Ein Viertel aller offenen Stellen im Gesundheitssektor entfällt auf die Physiotherapie. Bei rund 12.500 fehlenden Fachkräften beträgt die durchschnittliche Vakanzzeit zur Besetzung einer offenen Stelle bereits 300 Tage.

Diese Zahlen stehen im Kontext von täglich 1,2 Millionen Behandlungen, welche die Physiotherapie als tragende Säule der ambulanten Versorgung leistet. Wer diesen Zusammenhang zwischen Vergütungsniveau, Personalgewinnung und Versorgungsqualität ignoriert, verschärft den Mangel. Die unmittelbaren Folgen für die Versicherten sind bereits absehbar: längere Wartezeiten, eingeschränkte Therapieangebote und das Risiko, dass akute Beschwerden chronisch werden.

Versorgungslücken und Verlagerungseffekte auf Kliniken und Pflege

Da ambulante Praxen rund 80 Prozent der therapeutischen Versorgung tragen, wirken sich die Einschnitte dort direkt aus. Eine kalkulatorische Kürzung von zwei Prozent erzeugt über einen Zeitraum von drei Jahren eine strukturelle Deckungslücke von rund 1,3 Milliarden Euro. Bei den ohnehin eng kalkulierten Betriebskosten schlägt dies direkt auf die Spielräume für Personalkosten durch – und verringert so die Attraktivität der Berufe. Wenn die Einnahmen im GKV-Bereich nicht mehr angemessen steigen, wird eine Verschiebung hin zu Privatpatienten und Selbstzahlerangeboten erfolgen, was die Unterversorgung gesetzlich Versicherter zusätzlich verschärft.

Die gesundheitspolitischen Entscheider müssen die Physiotherapie als integralen Teil der gesamten Versorgungskette betrachten. Mit einem Anteil von knapp zehn Milliarden Euro macht der Bereich nur einen kleinen Bruchteil der GKV-Gesamtausgaben aus. Die therapeutische Arbeit verringert jedoch nachweislich Kosten in anderen, wesentlich teureren Sektoren, indem sie Operationen vermeidet, Arbeitsunfähigkeitszeiten verkürzt und Pflegebedürftigkeit hinauszögert.

Chirurgische und orthopädische Nachsorge und Altenpflege

Besonders deutlich wird dies in der chirurgischen und orthopädischen Nachsorge. Der Erfolg von Operationen – etwa nach dem Einsatz von Endoprothesen oder nach kardiovaskulären Eingriffen – hängt maßgeblich von einer zeitnahen, fachgerechten Mobilisation ab. Fehlen hierfür die ambulanten Kapazitäten, drohen verlängerte Rekonvaleszenzzeiten, Komplikationen und im schlimmsten Fall teure Wiederaufnahmen in den Kliniken. Die politisch forcierte, ökonomisch und versorgungstechnisch sinnvolle Ambulantisierung wird damit blockiert.

Ebenso schwerwiegend sind die Folgen für die ohnehin unter starkem Fachkräftemangel leidende stationäre und ambulante Altenpflege. Wenn therapeutische Praxen aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit Hausbesuche reduzieren müssen, fällt der Erhalt der Restmobilität weg und der Bedarf an stationären Plätzen steigt. Gleichzeitig führt die Reduzierung physiotherapeutischer Angebote in den stationären Einrichtungen selbst unweigerlich zu einer schnelleren Bettlägerigkeit vulnerabler Gruppen. Dies erhöht nicht nur das Risiko für Sekundärerkrankungen wie Dekubitus oder Kontrakturen, sondern steigert auch den pflegerischen Aufwand für das verbleibende Pflegepersonal immens. Mehr stationäre Versorgung, eine Erhöhung der Pflegegrade und eine stärkere Belastung der Pflegekassen sind die logische Konsequenz.

Prävention als vernachlässigte Investition

Ein zentraler und in der aktuellen Gesetzgebung hoffentlich bald adressierter Aspekt ist die gezielte Stärkung von Präventionsleistungen. Muskuloskelettale Erkrankungen verursachen in Deutschland jährlich volkswirtschaftliche Krankheitskosten von rund 49,9 Milliarden Euro – ganz zu schweigen von den Belastungen durch Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige Erwerbsminderung.

Physiotherapeutische Präventionsprogramme, deren Kosten sich je nach Umfang zwischen 700 und 2500 Euro bewegen, stehen hierzu in einem hocheffizienten Verhältnis. Sie sind im Vergleich zu den Kosten einer Knie- oder Hüftoperation sowie der anschließenden Rehabilitation eine minimale, aber strategisch entscheidende Investition. Anstatt präventive Ansätze im Zuge von Kürzungen und Budgetierungen weiter an den Rand zu drängen, müssen diese als integraler Bestandteil einer vorausschauenden Gesundheitspolitik etabliert werden. Die nachhaltige Entlastung der GKV-Finanzen gelingt nicht durch die nachträgliche Deckelung von Akutbehandlungen, sondern durch die Vermeidung chronischer Krankheitsverläufe.

Therapeutische Autonomie und Entlastung der Ärzteschaft

Die tragfähige Antwort auf die drohende Unterversorgung liegt daher nicht in budgetären Restriktionen, sondern in der Förderung therapeutischer Autonomie und dem Abbau von Bürokratie. Ein zentraler Baustein hierfür ist der Direktzugang. Die direkte physiotherapeutische Versorgung von muskuloskelettalen Erkrankungen ohne vorherige ärztliche Verordnung entlastet primär die Haus- und Fachärzte, die im konservativ-orthopädischen Bereich selbst unter erheblichem Nachwuchsmangel leiden. Ohne diesen Direktzugang verbleibt ein bürokratischer Flaschenhals im System, obwohl Physiotherapeut:innen die fachliche Kompetenz besitzen, diese Fälle eigenständig zu steuern.

Internationale Erfahrungen, unter anderem aus Großbritannien, Schweden und Kanada, zeigen seit Jahren, dass dieses Modell die Versorgungseffizienz steigert, ohne dass Qualitätseinbußen oder eine erhöhte Fehlerquote zu verzeichnen sind. Das von Kassenseite angeführte Sicherheitsargument greift zu kurz, da Therapeut:innen komplexe Erkrankungen therapieren, unter anderem im Rahmen des sektoralen Heilpraktikers bereits täglich und ohne erhöhte Risiken eigenständige Diagnostik erstellen und das System durch klare Rücküberweisungspflichten (red flags) bei fachfremden Indikationen abgesichert wird.

Gleiches gilt für das Instrument der Blankoverordnung, welches die therapeutische Expertise gezielt für eine patientenspezifische Steuerung nutzt. Die jüngste Kritik der Finanzkommission ist zu einseitig, da sie nur isoliert die Kosten in der neuen Versorgungsform betrachtet, nicht aber die Gewinne, die durch eine evidenzbasierte Versorgung, bürokratiearme Verfahren und vermiedene Kosten gewährleistet werden. Eine solche Betrachtung ohne wissenschaftliche Evaluation, Qualitätsmessung oder eine Gegenüberstellung der eingesparten Kosten für bildgebende Verfahren und operative Eingriffe bietet keine belastbare Entscheidungsgrundlage für Einschränkungen. Sinnvoll wäre stattdessen sogar eine indikationsbezogene Ausweitung, um die politisch intendierten Effizienzgewinne und Versorgungsverbesserung im System endlich umfänglich zu realisieren.

Attraktive Rahmenbedingungen durch moderne Berufsgesetze

Um die Versorgung langfristig zu sichern, müssen zudem die gesetzlichen Grundlagen an moderne Anforderungen angepasst werden. Ein über 30 Jahre altes Berufsgesetz bildet die heutigen Bedarfe an Diagnostik, interprofessionelle Zusammenarbeit und Evidenzbasierung nicht mehr zeitgemäß ab. Die anstehende Reform der Berufsgesetze bietet hier die Chance, das Berufsbild grundlegend aufzuwerten.

Die Steigerung der Attraktivität gelingt dabei maßgeblich über die Eröffnung völlig neuer Entwicklungspfade. Eine bundeseinheitliche, angemessene Ausbildungsvergütung analog zur Pflege bleibt dabei die fundamentale Basis, um Abbrüche aus finanziellen Gründen zu verhindern. Die nachhaltige Bindung junger Talente erwächst jedoch auch aus neuen Perspektiven. Durch eine stärkere akademische Fundierung und den gezielten Ausbau der Therapieforschung in Deutschland gewinnen die Berufe eine wissenschaftliche Relevanz, die das Berufsfeld aufwertet und weitere Perspektiven schafft. Klinische Masterstudiengänge und eine erweiterte Diagnostikkompetenz gewährleisten das Fundament für echte Autonomie in der Patientensteuerung. Diese Eigenverantwortung macht den Therapeutenberuf zukunftsfest und entlastet gleichzeitig die ärztliche Primärversorgung nachhaltig.

Einsparungen entlasten nicht nachhaltig

Einsparungen im Heilmittelbereich entlasten die GKV-Finanzen nicht nachhaltig. Sie gefährden eingespielte Versorgungsketten, beeinträchtigen den Erfolg postoperativer Nachsorge, vernachlässigen das immense Potenzial der Prävention und verschärfen die Belastungssituation im Pflegesektor. Die Physiotherapie und die angrenzenden Therapieberufe sollten in der gesundheitspolitischen Debatte nicht als isolierter Kostenfaktor, sondern als strategischer Hebel für eine effiziente, sektorenübergreifende und zukunftsfähige Versorgung verstanden werden.

Steffen Gabriel ist stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Verbands für Physiotherapie (VPT) e.V.

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