Gesundheitsforschung : Gesundheitsdaten, Innovation und GKV-Finanzen: Eine gesundheitsökonomische Einordnung
Deutschlands Arzneimittelpolitik steht zwischen Kostendruck und dem Anspruch, ein führender Forschungsstandort zu bleiben. Gesundheitsdaten – vom FDZ bis zur elektronischen Patientenakte – könnten zum entscheidenden Hebel werden. Doch statt einer „Gesundheitsdaten-Dividende“ braucht es vor allem Transparenz, klare Verfahren und eine starke Dateninfrastruktur, die echten medizinischen Fortschritt ermöglicht, meinen Vandage-Geschäftsführer Julian Witte und Manuel Bertram.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Gesundheitspolitik steht heute vor einem klassischen Problem der politischen Ökonomie: Wie lässt sich kurzfristige Ausgabenkontrolle mit langfristigen Innovationsanreizen vereinbaren? Diese Frage prägt aktuell auch die deutsche Arzneimittelpolitik. Einerseits steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung seit Jahren schneller als ihre Einnahmen. Andererseits verfolgt Deutschland – aus guten Gründen – das wirtschaftspolitische Ziel, ein führender Standort für pharmazeutische Forschung und Entwicklung zu bleiben. Beide Ziele sind legitim. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, zwischen Kostendämpfung und Innovation zu entscheiden. Sie besteht darin, institutionelle Arrangements zu entwickeln, die beides gleichzeitig ermöglichen.
In diesem Zusammenhang gewinnen Gesundheitsdaten an Bedeutung. Mit dem Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) ist eine nationale Infrastruktur für versorgungsnahe Routinedaten der gesetzlich Versicherten aufgebaut worden, die perspektivisch um weitere Datenquellen – etwa medizinische Register und die elektronische Patientenakte – erweitert wird. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für Versorgungsforschung im Allgemeinen sowie für Nutzenbewertungen und eine evidenzbasierte Arzneimittelpolitik im Speziellen. Einen Vorschlag, den ökonomischen Wert dieser Daten stärker finanziell zu realisieren und so zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung beizutragen, haben jüngst Emmi Zeulner und Claudia Schmidtke im Tagesspiegel Background unter dem Stichwort einer „Gesundheitsdaten-Dividende“ formuliert.
Dieser Vorschlag wirft eine wichtige ordnungspolitische Frage auf. Aus ökonomischer Perspektive greift die vorgeschlagene Antwort jedoch zu kurz.
Arzneimittelpolitik braucht dynamische Effizienz
Die Regulierung neuer, zumeist innovativer Arzneimittel steht vor einer bekannten ökonomischen Herausforderung: Sie muss kurzfristige Ausgabenkontrolle mit langfristigen Innovations- und Marktzugangsanreizen vereinbaren. Deutschland verfügt mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) über ein international anerkanntes Instrument zur Nutzenbewertung und Preisbildung neuer Arzneimittel. Gleichzeitig ist das System über die Jahre zunehmend komplex geworden. In der Praxis hat sich eine Vielzahl zusätzlicher Steuerungsinstrumente angesammelt, die zwar jeweils plausibel erscheinen, in ihrer Gesamtheit jedoch die Planbarkeit von Innovationsrenditen erschweren. Gerade diese Planbarkeit ist jedoch entscheidend. Investitionsentscheidungen in pharmazeutische Forschung werden über lange Zeiträume getroffen und reagieren sensibel auf regulatorische Unsicherheit.
Eine nachhaltige Weiterentwicklung der Arzneimittelpolitik sollte deshalb weniger auf zusätzliche Detailregulierung setzen als auf institutionelle Stabilität, Verfahrensklarheit und adaptive Bewertungsmodelle – insbesondere für Therapien mit zunächst begrenzter Evidenzbasis.
Gesundheitsdaten als Innovationsinfrastruktur
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der ökonomischen Rolle von Gesundheitsdaten neu. Aus innovationsökonomischer Perspektive sind sie eine Infrastrukturressource mit starken positiven Externalitäten: Ihr Wert entsteht vor allem durch Wissens- und Innovationseffekte. Je breiter Daten genutzt werden können, desto größer wird ihr Beitrag zu medizinischem Fortschritt, Produktivitätsgewinnen und evidenzbasierter Versorgung. Der entscheidende wirtschaftliche Nutzen solcher Infrastrukturen entsteht daher nicht durch direkte Einnahmen, sondern durch die Effizienz- und Fortschrittsgewinne, die sie im gesamten System ermöglichen. Frei verfügbare meteorologische und Satellitendaten haben beispielsweise über Jahrzehnte hinweg erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte entfaltet – von der Landwirtschaft über die Logistik bis zur Katastrophenvorsorge. Ihr Wert liegt in den Anwendungen, die auf dieser Datenbasis entstehen.
Eine primär fiskalische Perspektive auf den „Wert“ von Gesundheitsdaten unterschätzt daher ihren eigentlichen Beitrag: ihre Rolle als Infrastruktur eines leistungsfähigen Innovationssystems. Gerade für die biomedizinische Forschung kann eine solche Datenbasis zu einem entscheidenden Standortvorteil werden. Diese Perspektive spiegelt sich auch in der europäischen Gesetzgebung wider. Mit dem European Health Data Space (EHDS) schafft die EU derzeit einen gemeinsamen Rechtsrahmen für den Zugang zu Gesundheitsdaten für Forschung, Innovation und evidenzbasierte Politik. Im internationalen Wettbewerb um datengetriebene Forschung und Gesundheitsinnovationen werden solche Infrastrukturen zunehmend zu einem strategischen Standortfaktor. Entscheidend ist deshalb, diese Infrastruktur weiter auszubauen. Gleichzeitig sollte auch die praktische Nutzbarkeit weiterentwickelt werden. Der derzeit stark begrenzte Ergebnis-Output pro Analyse schränkt das wissenschaftliche Potenzial unnötig ein und sollte perspektivisch ausgeweitet werden.
Daten können Informationsprobleme im Arzneimittelmarkt reduzieren
Gleichzeitig eröffnen versorgungsnahe Daten neue Möglichkeiten für eine effizientere Preisbildung im Arzneimittelmarkt. Arzneimittelmärkte sind klassischerweise von Informationsasymmetrien und Unsicherheit geprägt. Klinische Studien liefern wichtige Evidenz, bilden reale Versorgungssituationen jedoch nur begrenzt ab. Real-World-Daten – wie jene aus dem FDZ – können diese Informationslücke teilweise schließen. Sie ermöglichen es, Behandlungsergebnisse im Versorgungsalltag systematisch zu beobachten und damit den tatsächlichen therapeutischen Nutzen besser zu quantifizieren. Ökonomisch eröffnet dies die Möglichkeit, Preisbildung, aller methodischen Herausforderungen zum Trotz, stärker an realisierten Behandlungsergebnissen auszurichten. Ergebnisorientierte Vergütungsmodelle (sog. Pay-for-Performance) können helfen, Unsicherheit zu reduzieren und gleichzeitig den Zugang zu Innovation zu sichern. In diesem Sinne können Daten dazu beitragen, die Refinanzierung medizinischer Innovation präziser und effizienter zu gestalten.
Transparenz als Voraussetzung
Eine Voraussetzung für eine solche datenbasierte Innovationspolitik bleibt allerdings zentral: Transparenz. Das Forschungsdatenzentrum kann langfristig nur dann Akzeptanz gewinnen, wenn Datennutzung und Forschung möglichst nachvollziehbar sind. Auch wenn der Vorschlag einer „Gesundheitsdaten-Dividende“ aus ökonomischer Perspektive nicht überzeugt, weist der im Ausgangsbeitrag formulierte Gedanke, dass aus der Datennutzung ein systematischer Erkenntnisgewinn für das Gesundheitssystem zurückfließen sollte, also eine „Wissensdividende“, in die richtige Richtung.
Initiativen zur Stärkung der Transparenz verdienen breite Unterstützung. Auch wenn aus praktischen Gründen bislang keine verpflichtende Veröffentlichung aller Analyseergebnisse vorgesehen ist, nicht zuletzt, weil ein entsprechendes Ergebnis-Repository fehlt, sollten Forschende ermutigt werden, ihre Projekte und Ergebnisse möglichst offen zu dokumentieren.
Der erste vom GKV-Spitzenverband im FDZ eingereichte Forschungsantrag zeigt allerdings, dass hier noch Entwicklungspotenzial besteht – die Projektbeschreibung fand in bemerkenswert generische Formulierungen statt. Dennoch, Deutschland hat mit dem Aufbau des Forschungsdatenzentrums einen wichtigen Schritt getan – jetzt gilt es, diesen Weg konsequent weiterzugehen.
Julian Witte und Manuel Batram sind Geschäftsführer der Vandage GmbH, einer wissenschaftsnahen Boutique-Beratung für versorgungsbezogene und ökonomische Fragestellungen im deutschen Gesundheitswesen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden