Teurer Fehler : Warum wir Krankheit besser bezahlen als Gesundheit
Im deutschen Gesundheitssystem braucht es einen Paradigmenwechsel, schreibt CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck. Mit einer gemeinsamen Neuordnung und klaren Regeln könne es gelingen, Gesundheitserhalt und Prävention als neue Paradigmen zu etablieren – und so das Gesundheitssystem zukunftsfähig aufzustellen.
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Wir reden über das deutsche Gesundheitssystem, als sei es im Kern intakt und brauche lediglich ein paar Reparaturen und Sparmaßnahmen, um zukunftsfähig zu bleiben. Diese Erzählung ist bequem – und falsch. Unser Gesundheitssystem ist kein klug und zeitgemäß entworfenes Gesamtkonzept, sondern historisch gewachsen, oft verwachsen: ein Ergebnis von Kompromissen, Einzelinteressen und immer neuen Reparaturversuchen.
In zentralen Fragen ist es weder dauerhaft leistungsfähig noch generationengerecht bezahlbar. Was lange sinnvoll war, hat sich überdauert. Ein System, das auf Effizienzsteigerung im Analogen gebaut ist, trägt nicht mehr in einer Welt von Automatisierung, Digitalisierung und tiefgreifendem demografischem Wandel. Würden wir unser Gesundheitssystem heute neu denken, von Grund auf, käme niemand ernsthaft auf das bestehende Modell.
Präventionsmaßnahmen stärken
Wenn wir akzeptieren, dass dieses System sich überlebt hat, reicht es nicht, an einzelnen Stellschrauben zu drehen. Ein Gesundheitssystem, das vor allem Krankheit verwaltet und repariert, kann unter den Bedingungen von demografischem Wandel, medizinischem Fortschritt und Fachkräftemangel nicht stabil bleiben. Es wird zwangsläufig überfordert – finanziell, organisatorisch und menschlich.
Prävention ist deshalb keine wohlmeinende Ergänzung, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Sie verschiebt den Fokus von der nachträglichen Behandlung hin zur Erhaltung von Gesundheit. Die Medizin kann heute nahezu alles leisten, was medizinisch möglich ist. Aber sie kann nicht ausgleichen, was über Jahre hinweg systematisch zerstört wird. Sei es durch Lebensbedingungen, durch soziale Ungleichheit oder durch fehlende Gesundheitskompetenz. Genau hier liegt der blinde Fleck unseres Systems.
Sparen löst das Problem auf Dauer nicht
Die Arbeit der aktuellen Finanzierungskommission ist deshalb wichtig, weil sie uns Zeit verschafft. Zeit, um handlungsfähig zu bleiben, ohne dass steigende Sozialabgaben uns sofort in den politischen Krisenmodus zwingen. Aber diese Zeit darf nicht mit der Illusion verwechselt werden, das eigentliche Problem ließe sich durch Sparen lösen. Sparmaßnahmen können stabilisieren – sie beantworten jedoch nicht die Frage, wie ein modernes Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert aussehen muss. Erst eine konsequent verankerte Prävention denkt Finanzierung, gesellschaftliche Realitäten und technologische Möglichkeiten zusammen.
Viele Reformen der vergangenen Jahre sind sinnvoll. Doch sie dürfen nicht bloß Brandherde auf Sichtweite löschen. Sie müssen Teil einer klaren Richtung sein – Gesundheit erhalten, bevor Krankheit entsteht. Ohne diese Orientierung droht Reformmüdigkeit. Das ist gefährlich, denn am Gesundheitssystem entscheidet sich, ob der Staat als verlässlich wahrgenommen wird, wenn es existenziell wird.
Frage der politischen Prioritäten
Eine solche Richtung verlangt Mut. Denn eine echte Systemvision bedeutet, dass alle Beteiligten bereit sein müssen, gewachsene Interessen und Besitzstände zu hinterfragen. Geschichte zeigt: Große Systeme lassen sich nicht durch Schonung retten, sondern nur durch gemeinsame Neuordnung. Der Westfälische Frieden war ein solcher Moment – Fürstenhäuser gaben Teile ihrer eigenen Macht auf, um das Gemeinwesen als Ganzes zu stabilisieren. Auch unser Gesundheitssystem steht heute an einem vergleichbaren Punkt. Es geht nicht um radikalen Bruch, sondern um bewusste Erneuerung – um den Mut, ein System neu auszurichten, bevor seine inneren Widersprüche es handlungsunfähig machen.
Neben Fragen von Versicherungslogik, Vergütung und Digitalisierung braucht es einen überfälligen Paradigmenwechsel: Prävention muss raus aus der „Nice to have“-Ecke und rein in die DNA des Systems. Politisch gilt sie seit Jahrzehnten als unattraktiv. Ihre Erfolge sind leise, sie zeigen sich oft erst nach Jahren – und passen schlecht zur Logik von Wahlperioden. So bekam Prävention den Ruf: wichtig, aber zu teuer.
Das Gegenteil ist richtig. Prävention ist nicht per se teuer. Ein Blick in die Zahnmedizin zeigt das eindrücklich: Durch konsequente Kariesprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen konnte die Erkrankungshäufigkeit um 80 bis 90 Prozent gesenkt werden. Dieser Erfolg kam nicht über Nacht. Er war das Ergebnis jahrzehntelanger Aufklärung, struktureller Verankerung und klarer Prioritätensetzung. Wir mussten dafür nicht immer mehr Geld ausgeben – sondern früher, gezielter und mit langem Atem. Prävention ist daher weniger eine Frage des Budgets als der politischen Prioritäten.
Primärversorgungssystem als Instrument der Prävention
Gesundheitspolitik findet nicht allein im Bundesgesundheitsministerium statt. Sie entsteht überall dort, wo wir Lebensrealitäten gestalten: in Bildung, Stadtentwicklung, Verkehr, Umwelt- und Sozialpolitik. Fehlt diese Perspektive, verschlechtert sich Gesundheit schleichend – lange bevor Krankheit medizinisch sichtbar wird. Der erste intensive Kontakt mit dem Gesundheitssystem erfolgt dann oft spät und wird teuer. Das ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck fehlender Strukturen.
Prävention heißt deshalb nicht mehr Staat, sondern bessere Strukturen im Alltag der Menschen. Sie beginnt dort, wo Gesundheit entsteht: im Quartier, in stabilen Versorgungsbeziehungen, in früher Ansprache statt später Reparatur. Ein gut organisiertes Primärversorgungssystem ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Instrument der Prävention. Es erkennt Risiken früh und verhindert, dass vermeidbare Erkrankungen eskalieren.
Gesunde Leben sind nicht allein das Ergebnis medizinischer Exzellenz. Sie entstehen dort, wo Politik ressortübergreifend denkt und Verantwortung ermöglicht. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt diesen Ansatz als „Health in all policies“. Es fehlt nicht an Konzepten – sondern an der Konsequenz, Prävention strukturell mitzudenken. Wo Prävention wirkt, muss sie auch politisch durchgesetzt werden.
Gesundheitserhalt als neues Paradigma
Ein solidarisches Gesundheitssystem muss dabei auch das Verursacherprinzip ernst nehmen. Beim Tabakkonsum ist der Zusammenhang evident: Rauchen verursacht jährlich rund 131.000 Todesfälle sowie mehr als 30 Milliarden Euro an direkten und mindestens weitere 67 Milliarden Euro an indirekten Kosten. Diese Belastung ist in weiten Teilen vermeidbar. Als in den 1970er Jahren die Sicherheitsgurtpflicht eingeführt wurde, war der Aufschrei groß – damals starben über 20.000 Menschen pro Jahr im Straßenverkehr, heute liegt die Zahl bei rund einem Zehntel. Nicht durch Appelle, sondern durch klare Regeln, Akzeptanz und Konsequenz.
Genau diese Logik gilt auch für die Tabakprävention. Prävention ist kein moralisches Programm, sondern eine rationale Investition. Ihr Return on Investment übertrifft jede Therapie. Ein modernes Land zeichnet sich nicht dadurch aus, wie viel es behandelt – sondern wie gut es Gesundheit erhält. Das muss das neue Paradigma sein.
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