Reproduktive Gesundheit : Zeit für eine Revolution in der Verhütungsforschung – auch für Männer
Die EU hat das Potenzial, zum globalen Taktgeber für geschlechtersensible Verhütungsinnovation zu werden, ist eine internationale Koalition überzeugt. Die Pipeline neuer Ansätze ist da. Was fehlt, ist die politische und finanzielle Unterstützung, um diese Produkte aus dem Labor auch in die Hände der Menschen zu bringen, die sie dringend brauchen, schreibt Ludi Schlageter, Leiterin der politischen Arbeit bei der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Die Europäische Union diskutiert intensiv über Investitionen in Forschung und Innovation sowie die Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit, während eine der drängendsten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit weitgehend unbeachtet bleibt: die Entwicklung neuer, moderner Verhütungsmethoden für alle Geschlechter.
In einem offenen Brief appellierte die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) deshalb gestern gemeinsam mit einer internationalen Koalition aus Wissenschaft, Biotech-Branche, Pharmaunternehmen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungseinrichtungen an EU-Forschungskommissarin Ekaterina Zaharieva. Unsere Botschaft ist klar: Es ist höchste Zeit, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten in die Forschung und Entwicklung (F&E) neuer Verhütungsmethoden investieren – für Frauen und Männer. Obwohl Verhütung ein zentrales Element sexueller und reproduktiver Gesundheit ist, bleibt das Angebot an sicheren, nebenwirkungsarmen und geschlechtersensiblen Methoden nach wie vor äußerst begrenzt.
Männer: eine der großen Leerstellen in der Verhütungslandschaft
Für Männer gibt es aktuell lediglich zwei zugelassene Verhütungsmethoden: Kondome und Vasektomie – letzteres ein permanenter Eingriff. Ansonsten? Nichts. Dabei zeigen aktuelle Studien, dass mehr als 70 Prozent der befragten Männer durchaus bereit wären, eine neue, reversible Verhütungsmethode zu nutzen. Dennoch gibt es seitens der Industrie kaum Investitionen, und auch die öffentliche Hand lässt das Feld weitgehend brachliegen. Die EU selbst hat seit 2021 keine Mittel mehr in die Entwicklung neuer Verhütungstechnologien investiert.
Gleichzeitig ist der globale Bedarf enorm: Rund 257 Millionen Frauen weltweit haben keinen Zugang zu einer für sie idealen Verhütungsmethode. Neben mangelnder Verfügbarkeit spielen dabei Nebenwirkungen hormoneller Methoden eine große Rolle. Aus diesem Grund ist nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auch in Deutschland der Anteil an Frauen, die mit der Pille verhüten, seit Jahren rückläufig. Insbesondere 18- bis 29-Jährige sind hormonellen Mitteln gegenüber kritisch eingestellt. Bei ihnen ist der Anteil der Pillennutzerinnen innerhalb von zwölf Jahren von 72 auf 46 Prozent gesunken.
Dass sich die meisten verfügbaren Methoden an Frauen richten und sie damit die gesundheitlichen, finanziellen und psychologischen Folgen tragen, ist weder gerecht noch wissenschaftlich zeitgemäß.
Innovation ist möglich – wenn wir es wollen
Dabei gibt es vielversprechende Ansätze, die momentan erforscht werden: Von einem hormonfreien Vaginalring mit zusätzlichem Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen über eine wöchentliche Pille mit weniger Nebenwirkungen bis hin zu einer hormonellen Gelmethode für Männer, die bereits in klinischen Studien getestet wird. Die Innovationspipeline ist also da, was fehlt, ist die politische und finanzielle Unterstützung, um diese Produkte aus dem Labor auch in die Hände der Menschen zu bringen, die sie dringend brauchen.
Im Jahr 2023 beliefen sich die globalen Investitionen in Forschung und Entwicklung beim Thema Verhütung auf gerade einmal 125 Millionen Euro – ein Fünfjahrestief. Zum Vergleich: Die durchschnittlichen Kosten für die Markteinführung eines neuen Medikaments betragen rund ein bis zwei Milliarden US-Dollar. Dieses Verhältnis stimmt nicht.
Europa muss führen – nicht hinterherhinken
In einer Zeit, in der die USA sich von der Förderung von Diversität, Gleichstellung und Inklusion in der Wissenschaft zunehmend zurückziehen, muss Europa vorangehen. Die EU hat sich in zahlreichen politischen Dokumenten – etwa in der Pekinger Aktionsplattform oder ihrer globalen Gesundheitsstrategie – zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit bekannt. Doch bisher schlägt sich dieses Bekenntnis nicht in konkreter F&E-Förderung nieder.
Die Bundesregierung hat hier zuletzt wichtige Zeichen gesetzt – etwa mit dem neuen Förderaufruf zur „reproduktiven Gesundheit und Verhütung für alle Geschlechter“. In der entsprechenden Förderrichtlinie heißt es „für eine gleichberechtigte Verhütung [...] fehlen Verhütungsmitteloptionen, die weniger Nebenwirkungen aufweisen und den Bedürfnissen aller Geschlechter während ihrer gesamten reproduktiven Lebensphase entsprechen”.
Auch auf EU-Ebene braucht es solch klare Programme und gezielte Investitionen, beispielweise im Rahmen von Horizont Europa oder dem Nachfolgeprogramm FP10, das bald verhandelt wird. Zudem braucht es Anreize, um private Investitionen in diesen vernachlässigten, aber hochrelevanten Markt zu lenken, zum Beispiel durch „Pull-Finanzierungsmechanismen“.
Neue, sichere, reversible Verhütungsmethoden für Männer könnten nicht nur die Verantwortung für Familienplanung partnerschaftlicher verteilen, sondern auch Millionen Paaren eine zusätzliche Wahlmöglichkeit bieten – besonders in Kontexten, in denen Frauen nur eingeschränkten Zugang zu Verhütung oder sicherem Schwangerschaftsabbruch haben. Die Entwicklung solcher Technologien kann und darf aber nicht losgelöst von Menschenrechten, Gleichstellung und globaler Gesundheit betrachtet werden.
Die EU hat die Instrumente – sie muss sie jetzt nutzen
Die Forschung ist bereit, der Bedarf ist eindeutig, und die Europäische Kommission verfügt über zahlreiche Hebel: von gezielter Forschungsförderung über regulatorische Orientierungshilfen bis hin zu Partnerschaften mit afrikanischen Staaten, in denen der Bedarf an neuen Verhütungsmethoden besonders hoch ist. Die EU hat somit das Potenzial zum globalen Taktgeber für geschlechtersensible Verhütungsinnovation zu werden.
Dazu braucht es mehr Mittel und mehr Weitsicht für eine Forschung, die echte Wahlfreiheit in der Familienplanung schafft – für alle Geschlechter, in Europa und weltweit. Das stärkt sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch Gleichstellung und Gesundheit – Grundlagen einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Vor allem aber braucht es mehr Mut!
Ludi Schlageter ist die Leiterin der politischen Arbeit bei der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW).
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden