Das Ahaus-Modell : Digitalisierung als tägliche Praxis, nicht als Projekt

Dieter van Acken
Dieter van Acken ist Digitalisierungsbotschafter bei Tobit Software in Ahaus Foto: Tobit Software

Ahaus, eine Stadt mit rund 40.000 Einwohnern im westlichen Münsterland, wurde 2024 als digitalstes Städteprojekt Deutschlands ausgezeichnet. Was auf den ersten Blick nach einem einmaligen Erfolg aussieht, ist tatsächlich das Ergebnis einer fast 15-jährigen, kontinuierlichen Entwicklungsarbeit, ohne großes Aufsehen, dafür mit stetigem Fortschritt.

von Dieter van Acken, Tobit Software

veröffentlicht am

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Seit fast 15 Jahren bringt Ahaus im Münsterland digitale Anwendungen ins Stadtleben ein, mit dem Ziel, die Innenstadt attraktiv und lebendig zu halten. Themen rund um das Onlinezugangsgesetz (OZG) spielen dabei eher eine Nebenrolle. Im Fokus steht, wie Vereine, Unternehmen, Handel und Gastgewerbe mit ihren digitalen Angeboten sinnvoll verbunden werden können.

Mittlerweile gehören rund 400 digitale Angebote dazu und zwei Drittel aller städtischen Dienstleistungen – vom Bauantrag bis zur Wohnsitzmeldung – funktionieren bereits digital. Bundesweit sind von den 579 erfassten Verwaltungsleistungen rund 60 Prozent online zugänglich, davon aber nur 165 Dienste flächendeckend verfügbar. Eine Bitkom-Umfrage aus 2024 zeigt zudem, dass sich neun von zehn Menschen wünschen, dass ihre Kommune die Digitalisierung stärker vorantreibt.

Eine gemeinsame technische Basis für alles

Damit unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten können, braucht es eine gemeinsame technische Grundlage. In Ahaus bilden eine zentrale ID, ein eigenes Bezahlsystem und eine zentrale Wallet dieses Fundament, betrieben auf Basis von „Chayns OS“, einem Betriebssystem, das als gemeinsame Plattform für die digitalen Angebote dient.

Der Vorteil zeigt sich im Alltag: Wer ein Fahrrad über ahaus.bike ausleihen, einen Padel-Platz mieten und öffnen, oder die Waschanlage für sein Auto bezahlen möchte, nutzt dafür dieselbe App, ohne sich jedes Mal neu registrieren zu müssen. Auch Park- und Wettersensoren und viele QR-Codes für Informationen und Aktionen in der ganzen Stadt sind eingebunden. Alle Funktionen sind in einer zentralen Super-App gebündelt, die ebenso Zugang zu Verwaltungsleistungen ermöglicht.

Aber nicht jeder Prozess lässt sich digitalisieren. Für die Ausstellung des Personalausweises ist zum Beispiel noch ein persönlicher Termin im Bürgerbüro erforderlich. Wer lieber bar bezahlt, kann das im Rathaus nach wie vor tun. Für Menschen, die sich mit digitalen Anwendungen schwertun, gibt es ein Digitalcafé, das gezielt Unterstützung bietet.

Ahaus als Reallabor für ganz Deutschland

Getrieben und entwickelt wird diese Lösung vom Softwareunternehmen „Tobit“, das seinen Hauptsitz ebenfalls in Ahaus hat. Die Stadt dient dabei als großes Reallabor: Was hier entwickelt und erprobt wird, soll langfristig als Lösung für Kommunen in ganz Deutschland zur Verfügung stehen. Ehemals leer stehende Ladenlokale in der Innenstadt wurden zu Showcases – vom digitalen Imbiss über Hotels, die sich per App öffnen lassen, bis zu Cafés, in denen per Smartphone bestellt und bezahlt wird. Aus einem Digitalisierungsprojekt ist so zugleich ein Beitrag gegen den Leerstand in der Innenstadt geworden.

Vor einem Jahr wurde das System um Agentic-AI-Anwendungen erweitert, also um KI-gestützte Assistenten, die Aufgaben eigenständig übernehmen und Stadtmarketing und Verwaltung sowie Bürgerinnen und Bürger im Alltag unterstützen.

Vom Forschungsprojekt zur Standardlösung

Nach vielen Jahren Forschung und Entwicklung steht das System heute allen Kommunen in Deutschland als Standardlösung zur Verfügung, individuell anpassbar an die jeweiligen Bedürfnisse vor Ort. Der Aufwand für den Einstieg ist dabei geringer, als man vermuten könnte: Man muss nur anfangen. Viele Städte, von Attendorn bis Wismar, tun das bereits.

Was bundesweite Initiativen wie die Deutschland-App, der Deutschland-Stack und die europäische Identitätslösung Eudi (European Digital Identity) erst noch erreichen sollen, ist in Ahaus schon seit Jahren gelebte Praxis. International orientiert man sich gerne an Estland oder Finnland, wo digitale Identitäten und elektronische Behördengänge Alltag sind. Ahaus zeigt, dass ein vergleichbarer Reifegrad auch auf kommunaler Ebene in Deutschland erreichbar ist.

Besuch aus der Bundespolitik

Auch auf Bundesebene stößt das Ahauser Modell auf Interesse: Erst vor Kurzem besuchte Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) die Stadt, um sich vor Ort ein Bild davon zu machen, wie alltagsnahe Anwendungen die künftige Deutschland-App attraktiver machen können. Wildberger selbst hatte die Digitalisierung der Verwaltung zuvor als „ein mega dickes Brett“ bezeichnet. In Ahaus ließ er sich zeigen, wie ein Teil dieses Bretts bereits durchbohrt wurde.

Ein Modell mit Übertragungspotenzial

Was in Ahaus über viele Jahre gewachsen ist, zeigt: Digitalisierung muss nicht kompliziert oder abstrakt bleiben. Wenn sie an konkreten, alltäglichen Bedürfnissen ansetzt, kann sie zu einem echten Standortvorteil werden. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik allein, sondern im Ansatz. Dabei verbindet Ahaus Verwaltungsdigitalisierung mit dem, was Menschen im Alltag tatsächlich bewegt.

Dieter van Acken ist seit mehr als zehn Jahren Botschafter für Digitalisierung bei dem Unternehmen Tobit Software, das seinen Sitz in Ahaus in Nordrhein-Westfalen hat. Bei der Smart-City-Konferenz und Festival in Ahaus vom 3. bis 5. September können Besucher:innen die digitale Modellstadt selbst erleben.

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