Ministerin auf dem Irrweg? : Wider den „Bauturbo“
Die neue Bauministerin Verena Hubertz will „Tempo, Tempo, Tempo“ machen beim Neubau von Wohnungen in Ballungsgebieten und wählt dafür deutliches Vokabular. Den Kommunen möchte sie hierfür eine „Brechstange“ an die Hand geben. Nun ist der Gesetzentwurf zur Beschleunigung des Wohnungsbaus im Bundestag debattiert worden. Der entpuppt sich jedoch als Irrweg, meint Raumentwickler Robert Knippschild.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Sicherlich gibt es Wohnungsmangel in vielen deutschen Großstädten und Ballungsgebieten. Eine Fokussierung auf verstärkten und beschleunigten Wohnungsneubau allein löst jedoch nur einen Teil aktueller Probleme und schafft neue in der Zukunft.
In Deutschland stehen nach Schätzungen aus dem letzten Zensus knapp zwei Millionen Wohnungen leer. Langfristige demografische Prognosen sehen keine massive Zunahme der Bevölkerung in Deutschland. Es droht die Gefahr, dass die Ungleichheiten in Deutschland eher zu als abnehmen. Verstärkter Neubau, in den ohnehin hochverdichteten und überlasteten Städten, zementiert sprichwörtlich die bestehenden Leerstände und schafft neue.
Nachverdichtung – etwa in Form von Aufstockung von Wohnungen auf Supermarktdächern, wie es Ministerin Verena Hubertz vorschlägt – schafft zwar neuen Wohnraum. Sie entlastet die Städte aber in anderen Fragen nicht. Der Hitzestress und eine häufig überlastete Infrastruktur in den Städten bleiben.
Nachverdichtung vs. Leerstand
Klimapolitisch können wir uns massiven Neubau nicht leisten. Die Betonherstellung geht mit enormen CO₂-Emissionen einher. Weiterer Neubau versiegelt Freifläche – mit negativen Folgen, nicht nur für die Biodiversität und den Wasserhaushalt. Weiterhin ist der geforderte Neubau eine schlechte Nachricht für die vielen kleineren Städte und ländlichen Regionen in Deutschland, wo keine Wohnungsnot herrscht, sondern Leerstände und Fachkräftemangel die Kommunen und die regionale Wirtschaft belasten.
Deutschland war immer stolz auf seine ausgewogene und dezentrale Siedlungsentwicklung, ohne eine alles überstrahlende Metropole und eine weite Peripherie. Dies droht momentan zu kippen – abzulesen an einem regional stark ausgeprägten Gefühl des Abgehängt-Seins und einem entsprechenden Wahlverhalten.
Chance durch Arbeit von Zuhause
Dabei bieten die kleineren Städte und ländlichen Regionen in Deutschland viele Chancen. Vor allem junge Familien verlassen längst die Großstädte und ziehen nicht mehr nur in die suburbanen Räume im Umland der Ballungsgebiete. Kleinere Städte im ländlichen Raum profitieren von Zuzug.
Viele Deutsche wünschen sich ein Leben in einer Klein- oder Mittelstadt, jedoch fehlten in der Vergangenheit oft die entsprechenden Jobs. Dies gilt in einer veränderten Arbeitswelt mit Home Office nicht mehr. Die Lebensqualität jenseits der Großstädte ist häufig besser als ihr Ruf. Die zahlreichen Beispiele von Probewohnen-Initiativen, in denen Umzugswillige kostenfrei, unverbindlich und zeitlich begrenzt einen neuen Lebensstandort ausprobieren können, belegen dies. Der ursprünglich in Görlitz entwickelte Ansatz wurde kürzlich im Erzgebirge und in Eisenhüttenstadt übernommen.
Mehr Offenheit gegenüber Neuen
Was es also anstatt einer massiven Beschleunigung von Neubau braucht, sind kluge und vorausschauende Investitionen in die jahrelang vernachlässigte oder zurückgebaute Infrastruktur der ländlichen Räume und kleineren Städte. Dies betrifft die überregionale Anbindung, die Bildungs- und kulturelle Infrastruktur, die medizinische Versorgung und nicht zuletzt die Bereitschaft, Zuziehende zu integrieren, insbesondere, wenn diese aus dem Ausland kommen.
Des Weiteren muss der leerstehende oder kaum genutzte Wohnungsbestand in den geschrumpften Städten aktiviert werden. Neue Formen des Zusammenlebens im Bestand werden momentan erprobt, wie der Ansatz des Ko-Quartiers in Dessau. Weiter sind Eigentumsfragen zu adressieren. Denn eine Ursache für Leerstand liegt oftmals in unklaren, nicht verantwortungsvollen oder durch Spekulation motivierten Eigentumsverhältnissen.
In den Großstädten ist neben der Wohnungsknappheit die Klimaanpassung eine zentrale Frage. Nur wenn es gelingt, das Leben in den Städten in Zukunft erträglich und attraktiv zu gestalten, kann Lebensqualität erhalten werden. Dies ist im Übrigen das Anliegen der so häufig gescholtenen Planungsverfahren.
Hier geht es darum, die unterschiedlichen Interessen der Stadtentwicklung zu berücksichtigen und gegeneinander abzuwägen – um letztendlich Umwelt- und Lebensqualität zu erhalten und Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewährleisten. Auch diese Errungenschaften drohen mit „Bauturbo“ und „Brechstange“ verloren zu gehen.
Robert Knippschild leitet seit 2016 das interdisziplinäre Zentrum für transformativen Stadtumbau am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden