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Smart City & Verwaltung

Standpunkt

Digitalisierung im ländlichen Raum braucht mehr schlüssige Konzepte

Sina Redlich (BBSR) und Jonas Scholze (Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung)
Sina Redlich (BBSR) und Jonas Scholze (Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung) Foto: privat/DV-Michael-Kirsten

Wie gelingt die Digitalisierung im ländlichen Raum? Mit dieser Frage beschäftigen sich anlässlich der Europäischen Woche der Städte und Regionen Sina Redlich vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung und Jonas Scholze vom Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung. Ihr Tipp: Die Digitalisierung gelingt besser mit lokalen Kooperationen.

von Sina Redlich und Jonas Scholze

veröffentlicht am 13.10.2022

aktualisiert am 14.10.2022

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Es scheint eine Trendwende eingesetzt zu haben. Noch vor etwa zehn Jahren war auf den Karten der deutschen Bevölkerungsstatistiken ein anhaltender Wanderungssaldo hin zu den großen Kernstädten und Metropolregionen abzulesen. Im Deutschlandatlas der Bundesregierung lässt sich ablesen, dass sich in den vergangenen Jahren in vielen ländlichen Regionen die Bevölkerungsentwicklung zu stabilisieren beginnt, in manchen Regionen sogar ein leichter Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen ist. Die Gründe dafür liegen in den überlaufenden Großstädten und damit verbundenen schwindelerregenden Preisen für das Wohnen.

Die bleierne Coronapandemie hat das Bedürfnis nach Wohnen im Eigenheim mit eigenem Garten ohnehin katalysiert. Die ausgeübten Berufe in ländlichen Regionen unterscheiden sich heutzutage ohnehin kaum mehr von denen in städtischen Gebieten und machen das Arbeiten im Homeoffice für viele Menschen daher „landkompatibel“.

Ländlicher Raum ist jedoch nicht gleich ländlicher Raum, wie das BBSR durch demographie- und wirtschaftsbezogene Indikatoren zeigt. Viele ländliche Gebiete können durch ihre Nähe zu Städten, ihrer wirtschaftlichen Prosperität oder zumindest durch ihre kulturelle und landschaftliche Attraktivität punkten und einen Zuzug der Menschen generieren. Jedoch gibt es unter den ländlichen Gebieten auch weiterhin Räume, denen jene attraktiven Faktoren fehlen und die durch ihre geringe Bevölkerungsdichte oder einem langfristigen ökonomischen Wandel kaum mehr in der Lage sind, die gesetzlich vorgeschriebenen Versorgungsfunktionen aufrecht zu erhalten.

Trendwende dank Digitalisierung?

Für viele stellt sich die Frage nach den Potenzialen einer Trendwende durch die Digitalisierung für diese weniger attraktiven Räume. Können Digitalisierungsprozesse dazu beitragen, Zugehörigkeitsgefühl und Chancengleichheit der Menschen zu erhöhen? Die Territoriale Agenda 2030 der europäischen Kohäsionsminister/-innen sieht hier eine Chance. Vorausgesetzt allerdings es gibt bereits einen Breitbandzugang und da ist Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor gerade einmal Mittelmaß, wie die EU-Kommission erst kürzlich festgestellt hat.

Allein mit einer technischen Bereitstellung eines Glasfaseranschlusses ist es nicht getan, um das Entwicklungspotenzial einer Region mithilfe der Digitalisierung zu heben. Um in strukturschwachen ländlichen Regionen wirklich zielgerichtet die digitalen Möglichkeiten für eine funktionierende Mobilität, den Zugang zu Bildung und Gesundheitsleistungen, digitales Arbeiten sowie Behördengängen nutzen zu können, bedarf es der Erarbeitung gemeinsamer Konzepte und einer digitalen Gesamtstrategie für die Kommunen. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf. Die vielen Jahre aus der Stadtentwicklung zeigen: „Smart Cities“ müssen klug gesteuert werden und das gleiche gilt auch für das „smarte“ Land.

Kooperationen statt Alleingänge

Die erste Frage, die sich eine ländliche Gemeinde und ihre Bewohner:innen stellen müssen, betrifft den Zweck und die Ziele, die mit digitalen Instrumenten erreicht werden sollen und können. Auch gilt es, darüber nachzudenken, ob neue Verbünde und Kooperationen mit Unternehmen, Berufsgruppen, Institutionen, Nachbargemeinden oder eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft eingegangen werden können, um lokale „Verantwortungsgemeinschaften“ zu generieren.

Denn für digitale Dienste (z.B. Sharingdienste) kann so schneller eine kritische „Nutzermasse“ generiert werden, die nun mal im ländlichen Raum schwer oder für manche Dienste gar nicht zu erreichen ist. Alleingänge kleiner Körperschaften machen beim Thema Digitalisierung wenig Sinn. Gerade der Organisationsprozess für digitale Dienstleistungen birgt ein interessantes Potenzial, um lokale Kooperationsstrukturen zu erweitern und vielleicht auch einmal ungewöhnliche Allianzen zu bilden.

Ein interessantes Beispiel wie auch kleinere Kommunen im dünn besiedelten Raum eine digitale Strategie aufgestellt und umgesetzt haben, bietet das ländliche Amt Süderbrarup im Landkreis Schleswig Flensburg. Die Projekte reichen von Kita-Apps für die einfachere Kommunikation der Eltern, Tablett-Schulungen für Senioren bis hin zur Errichtung von Co-Working-Arbeitsplätzen und mobilen Rufbussystemen, die Mobilität einfach und auf Abruf ermöglicht. Das Amt mit seinen rund 11.500 Einwohner:innen nimmt mit seiner Digitalstrategie eine bundesweite Vorreiterrolle ein.

Kommunen auf dem Land stoßen an Grenzen

Im ländlichen Raum stoßen aber viele Kommunen, in denen nicht selten selbst Bürgermeisterämter ehrenamtlich ausgeübt werden, an ihre Grenzen. Die Herausforderungen sind ähnlich gelagert, im In- und Ausland. Fehlende digitale Kapazitäten gilt es beispielsweise durch interkommunale Koordinatoren oder über zentrale Anlaufstellen zu unterstützen, um lokale Defizite auszugleichen. Gefragt ist daher aber auch eine flexiblere landes- und bundesseitige Unterstützung bei der auch der Gesetzgeber Schritt halten muss. Nachahmungsfähige Praktiken, wie strukturelle Förderung von interkommunaler Kooperation, gibt es beispielsweise in Teilen Österreichs. Gemeinden und Ihre Bewohner:innen haben kreative Ideen wie auch die Grundversorgung digital unterstützt werden kann.

Dies bedarf daher nicht nur der stetigen Anpassung von sperrigen Förderprogrammen, in denen interessante Projekte nicht selten durch das Raster fallen. Eine Debatte sollte auch darüber geführt werden, inwiefern die Instrumente der Landesplanung (z.B. das Zentrale-Orte-System) auf die digitalen Möglichkeiten angepasst werden kann.

Es steht außer Frage, dass Digitalisierung die Lebensqualität für die Menschen auch in den entlegeneren Gebieten attraktiver machen kann. Für ein attraktives Lebensumfeld in den eher strukturschwachen ländlichen Regionen, bedarf es aber weiterhin Investitionen in Schlüsselbereichen wie Mobilität, Bildungs- und Gesundheitsversorgung. Erst dann kann die Kombination mit digitalen Lösungen auch eine positive Trendwende für diese Regionen bewirken.

Jonas Scholze ist Geograph und Politikwissenschaftler. Er arbeitet seit 2009 für den Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. in Brüssel und befasst sich seit vielen Jahren mit Projekten und Studien zur EU-Kohäsionspolitik. Für das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen koordiniert er aktuell eine europäische Initiative zur Stärkung strukturschwachen ländlichen Regionen.

Sina Redlich ist Geographin und Referentin beim Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Europäische Raumentwicklungspolitik, insbesondere die Umsetzung der Territorialen Agenda 2030 und die Leitung einer Pilotaktion dazu sowie die transnationale Zusammenarbeit im Rahmen von Interreg B.

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