Zukunft der Autoindustrie : Der Verbrennerkompromiss schadet Europa
Während China den Weltmarkt der Elektromobilität aufrollt, arbeitet Europa daran, eine absurde Vorstellung der Vergangenheit zu verlängern: den Verbrennungsmotor. Dabei verspielt die EU ihre industrielle Zukunft, um die Interessen bestehender Marktführer zu schützen.
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China hat über Jahrzehnte eine Industriepolitik verfolgt, die neue Technologien, industrielle Skalierung und Wettbewerb miteinander verbindet. Europa dagegen lässt seine Industriepolitik zu oft von den Interessen bestehender Marktführer bestimmen. Um die Gegenwart zu schützen, wird die industrielle Zukunft aufs Spiel gesetzt.
Neuestes Beispiel: Die Pläne der Regierungen, die 2035er-EU‑Zielwerte für den Wandel zur Elektromobilität zu schleifen. Emmanuel Macron und Friedrich Merz möchten, dass auch nach 2035 noch Verbrenner verkauft werden. Der Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments schließt sich an. Kostenpunkt: ein bis zwei Milliarden Tonnen CO2. Geschätzte Kosten für die Menschheit durch Hitzewellen, Überflutung und Todesfälle: 200 bis 400 Milliarden Euro.
E-Mobilität muss zur Selbstverständlichkeit werden
Auch geopolitisch ist das Aufweichen der Klimapolitik nicht nachvollziehbar. Die bestehende kleine Elektroautoflotte hat Deutschland schon 800 Millionen Euro eingespart, die nicht an Ölimporten gezahlt werden mussten. Ein schnellerer Wandel zur Elektromobilität heißt, dass mehr Geld in heimische Investitionen statt in autoritäre Regime fließen kann.
Wir stimmen mit den Fahrzeugherstellern überein, dass es nicht ausreicht, ehrgeizige Pläne für den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren festzulegen. Dies muss mit politischen Maßnahmen und Investitionen in wirtschaftliche Anreize einhergehen, die den Verbrauchern den Umstieg von Verbrennungsmotoren auf reine Elektrofahrzeuge erleichtern – durch höhere Steuern auf Diesel und Benzin sowie öffentliche Investitionen in die Ladeinfrastruktur.
Die Bundesregierung plant eine Reduktion der Stromsteuer auch für Privathaushalte, was den Preisvorteil von Elektroautos vergrößern wird. Ein Bonus-Malus-System, welches den Kauf von Elektroautos vergünstigt und den von Verbrennern verteuert, zeigt sich in Frankreich als sehr effektiv. Diese Schritte helfen nicht nur den wettbewerbsfähigen Pkw-Herstellern, sondern auch der Nachfrage leichter und schwerer elektrisch betriebener Nutzfahrzeuge. Elektromobilität muss zur Selbstverständlichkeit werden.
Die Revision der Klimaziele für 2035 halten wir dagegen nicht nur aus Klimagründen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen für schädlich. Die Autoindustrie argumentiert, dass diese Aufweichung zentral für die eigene Wettbewerbsfähigkeit ist. Mit vorübergehenden Gewinnen bei dem Verkauf der Verbrenner könne man den Wandel in die Elektromobilität finanzieren. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Vielleicht werden bestehende Anlagenwerte kurzfristig besser geschützt, aber gleichzeitig wird die Zukunftsfähigkeit verspielt. Aufgrund der schon jetzt günstigeren Lebenskosten wird der weltweite Zukunftsmarkt elektrisch sein, und von den chinesischen Herstellern dominiert. Eine defensive Haltung bedeutet die eigene industrielle Verkümmerung.
Aufstrebende Märkte setzen auf E-Modelle
China und andere aufstrebende Ökonomien bestimmen um die 60 Prozent der zukünftigen Autonachfrage. Elektroautoverkäufe in aufstrebenden Ökonomien außerhalb Chinas sind 2025 von 1,3 Millionen auf zwei Millionen gewachsen. Vietnam hat schon jetzt 40 Prozent Marktanteil bei Elektroautos, die Türkei 20 Prozent, und Elektroautoverkäufe haben sich in Brasilien, Indien, Korea und Vietnam in der ersten Hälfte dieses Jahres verdoppelt.
Gerade für die deutschen Autohersteller übersetzt diese Dynamik schon jetzt in direkte Verluste von Marktanteilen. In Brasilien hat BYD Volkswagen als Marktführer im April 2026 überholt, in Thailand sind 90 Prozent aller neuen Elektroautos chinesisch.
Grund dieses Erfolgs der Elektroautos sind fallende Kosten. Mit jeder Verdoppelung der Batterieproduktion fallen die Preise um 20 Prozent. Mit mittlerweile 55 Prozent E‑Autoanteilen lernt der chinesische Markt sehr schnell. Mit ihrer zögerlichen Strategie schaffen es die Europäer nicht, einen großen Heimatmarkt aufzubauen, der eine Skalierung bei Elektroautos erlaubt. Stattdessen verlieren die Europäer ihre Wettbewerbsvorteile.
Vorübergehende Gewinne bei Verbrennern verhindern Wettbewerbsfähigkeit auf dem Zukunftsmarkt. Selbst die vorgeschlagenen „Made-in-Europe“-Regeln erweisen sich bei genauerem Hinsehen als zweifelhaft. Die Quoten für Batteriezellen sind geringer als das, was derzeit in Europa produziert wird. Kritiker fürchten, dass geplante Batteriefabriken sogar wieder aufgegeben werden könnten, wenn chinesische Importe doch weiterhin erlaubt sind.
Verschnaufpause für die chinesische Konkurrenz
Richtig ist, die ursprünglichen 2035-Ziele beizubehalten. Eine Quote für europäische Fertigung ist allein aus geopolitischen Gründen eine an sich gute Ergänzung, sollte sich aber eher an bestehenden Vorschlägen des europäischen Parlaments orientieren, nicht an Macrons Vorschlag.
Merz und Macron wollen der Industrie Luft verschaffen. Doch Zeit allein schafft keine Wettbewerbsfähigkeit. Wer die Nachfrage nach Elektroautos ausbremst, verliert die industrielle Größe, die Erfahrung und die Innovationskraft, die auf den Märkten der Zukunft entscheiden.
Die vermeintliche Atempause für den Verbrenner wird so zur Verschnaufpause für die chinesische Konkurrenz. Europa braucht deshalb keinen Aufschub der Transformation, sondern Verlässlichkeit bei den Zielen und Entschlossenheit beim Aufbau eigener industrieller Wertschöpfung. Wer heute den Verbrenner schützt, schießt ein industriepolitisches Eigentor und riskiert morgen die Zukunft der europäischen Autoindustrie.
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