Rekord-Etat, zu wenig Wirkung : Nicht der Minister ist das Problem, sondern das System
Deutschlands Infrastrukturkrise löst sich nicht durch einen neuen Namen an der Spitze des Verkehrsministeriums. Wer Infrastruktur leistungsfähiger machen will, muss starten, anders zu entscheiden: datenbasierter, wirkungsorientierter – mit einem klaren Blick auf wirtschaftliche Reichweite, schreiben Rainer Scholz und Michael C. Blum.
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Wenn ein Verkehrsminister trotz Rekordmitteln unter Druck gerät, ist das mehr als ein Koalitionsgeräusch. Es ist ein Warnsignal: Der Staat reserviert viel Geld, bekommt aber zu wenig Wirkung auf die Straße. Der schnelle Reflex lautet: Dann braucht es eben einen neuen Minister. Das löst kaum eines der zentralen Probleme. Deutschlands Infrastrukturkrise hängt nicht an Personen, sondern an einem System, das zu spät in den Blick nimmt, wo Engpässe große wirtschaftliche Wirkung haben.
Die nominalen Investitionen sind gestiegen, preisbereinigt stagnieren sie jedoch. Gleichzeitig verursachen Staus, Baustellen und ungeplante Sperrungen Jahr für Jahr wachsende volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von mehr als 5,3 Milliarden Euro. 84 Prozent der deutschen Unternehmen bewerten die Verkehrsinfrastruktur inzwischen als Belastung ihres Geschäfts, deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.
Die entscheidende Frage fehlt
Deutschland weiß viel über einzelne Straßen und Ingenieurbauwerke und erstaunlich wenig darüber, wie leistungsfähig das Netz als Gesamtsystem ist. Eine entscheidende Frage bleibt meist unbeantwortet: Hat die Investition die Performance des Netzes tatsächlich verbessert? Denn ein investierter Euro ist noch kein Erfolg. Er kann politisch sichtbar sein oder er kann die Leistungsfähigkeit des Netzes erhöhen, Lieferketten verlässlicher machen, die Erreichbarkeit verbessern.
Im öffentlichen Diskurs ist die Straße vor allem Verkehrsraum: Staus, Baustellen, Tempolimits und Emissionen prägen die Debatte. Für die Wirtschaft ist sie Produktionsinfrastruktur – über sie erreichen Beschäftigte ihren Arbeitsplatz, Rohstoffe die Fabrik, Waren ihre Kunden. Fällt eine Brücke aus, verliert ein ganzer Wirtschaftsraum Erreichbarkeit. Die volkswirtschaftlichen Folgen hängen deshalb nicht allein vom baulichen Zustand eines Bauwerks ab, sondern vor allem von seiner Bedeutung für das Gesamtnetz.
Zwei Brücken können technisch den gleichen Sanierungsbedarf aufweisen, ihre wirtschaftliche Relevanz kann jedoch grundverschieden sein. Liegt die eine auf einer wenig belasteten Strecke und die andere auf einem zentralen Logistikkorridor, ist ihre Priorität nicht dieselbe. Wer Infrastruktur allein nach ihrem Zustand bewertet, beantwortet die falsche Frage. Entscheidend ist, welche Maßnahme die Leistungsfähigkeit des Netzes am stärksten verbessert. Genau deshalb müssen wir vor die Welle kommen: Wer erst reagiert, wenn eine Brücke gesperrt wird, hat die eigentliche Entscheidung längst verpasst.
Ein Wirkungskompass statt Baufortschritt allein
Deutschland verfügt heute über mehr Infrastrukturdaten als je zuvor. Bauwerkszustände werden erfasst, Verkehrsströme gemessen, Mautdaten ausgewertet. Was fehlt, sind nicht Informationen, sondern ihre Zusammenführung zu einer gemeinsamen Entscheidungsgrundlage. Solange Zustandsdaten, Verkehrsmanagement, Investitionsplanung und wirtschaftliche Auswirkungen nebeneinanderstehen, entstehen zwar bessere Analysen, aber nicht zwangsläufig bessere Entscheidungen.
Deutschland braucht deshalb keinen weiteren Bericht über Baufortschritt, sondern einen Wirkungskompass, einen Maßstab, der sichtbar macht, wo Infrastruktur die Leistungsfähigkeit des Landes stärkt, wo Engpässe Wertschöpfung kosten und wo Investitionen den größten Beitrag leisten. Genau hier setzt der Economic Reach Index (ERI) an. Er fragt nicht, wie viele Kilometer gebaut oder wie viele Millionen Euro investiert wurden, sondern: Wo verbessert eine Maßnahme die Leistungsfähigkeit Deutschlands am stärksten? Aus der Frage „Was müssen wir bauen?” wird „Was sollten wir zuerst tun?” In der Privatwirtschaft werden Milliardeninvestitionen nicht ohne dynamische Wirkungsanalysen entschieden. Im deutschen Straßenwesen endet der Steuerungskreislauf dagegen oft genau dort, wo er beginnen müsste: bei der Wirkung.
Moderne Infrastruktur wird heute anders gesteuert
Die größte Chance für Deutschlands Straßen liegt vor allem in einer intelligenteren Steuerung des Bestands. Die technologischen Voraussetzungen existieren längst: KI-gestützte Verkehrsanalysen, digitale Zwillinge, Simulationen, die wirtschaftlich wirksame Erhaltungsmaßnahmen aufzeigen. Die niederländische Infrastrukturverwaltung Rijkswaterstaat führt Zustandsdaten, Verkehrsmanagement und Instandhaltungsplanung bereits integriert zusammen – mit dem Ziel besserer Entscheidungen, nicht besserer Dokumentation.
Auch Deutschland hat technologisch aufgeholt: Auf der A6 existiert ein digitaler Zwilling im laufenden Betrieb, Brücken werden digital überwacht, Mautsysteme liefern Abermillionen Bewegungsdaten. Doch Daten allein verbessern noch keine Entscheidungen. Sensorik zeigt, welches Bauwerk gefährdet ist – sie beantwortet nicht, welche von zwei gleichermaßen gefährdeten Verbindungen die größere Bedeutung hat. Wer den Zustand präziser misst, ohne die Wirkung zu bewerten, verbessert die Diagnose – nicht die Entscheidung. Die eigentliche Aufgabe: vorhandene digitale Fähigkeiten zu einem gemeinsamen Betriebssystem für die Straße zusammenzuführen.
Ein Stück Staatsmodernisierung – jetzt
Mit dem Sondervermögen Infrastruktur eröffnet sich eine historische Chance. Zusätzliche Milliarden allein werden die Leistungsfähigkeit des Netzes jedoch nicht dauerhaft erhöhen. Entscheidend ist, ob es gelingt, aus einem Bauprogramm ein Modernisierungsprogramm staatlicher Steuerung zu machen. Leistungsfähige Infrastruktursysteme lernen aus ihren Entscheidungen: Zustand erfassen, Maßnahmen nach Wirkung priorisieren, Wirkung überprüfen. Genau dieser Lernkreislauf ist in Deutschland bislang unvollständig.
Die eigentliche Innovation ist deshalb nicht digital. Sie ist staatlich. Ein moderner Staat legitimiert sich künftig nicht mehr allein dadurch, dass er Geld ausgibt, sondern dadurch, dass er nachweisen kann, welchen Nutzen öffentliche Investitionen tatsächlich schaffen.
Der Einstieg erfordert weder eine neue Behörde noch ein milliardenschweres Digitalisierungsprogramm. Drei politische Entscheidungen reichen: erstens ein Infrastruktur-Leistungsbericht für den Bundestag, der nicht nur den Mitteleinsatz dokumentiert, sondern Netzverfügbarkeit, Zuverlässigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit transparent macht; zweitens ein Datenmandat, das die zweckgebundene Zusammenführung von Zustands-, Nutzungs-, Maut- und Betriebsdaten ermöglicht; drittens eine Koordinationsfunktion, die Daten integriert und Prioritäten nach ihrer nachweisbaren Wirkung transparent macht.
Die eigentliche Bewährungsprobe
Die Debatte sollte deshalb nicht bei der Frage stehenbleiben, wer das Verkehrsministerium führt. Die wichtigere Frage lautet: Nach welcher Logik wird dort künftig entschieden? Solange Deutschland zusätzliche Milliarden investiert, ohne ihre Wirkung schneller sichtbar zu machen, wird jede Ministerin und jeder Minister an dieselben Grenzen stoßen. Diese Bewährungsprobe liegt im Übergang von einer Politik des Mitteleinsatzes hin zu einer Politik der Wirkung. Deutschland braucht nicht zuerst mehr Infrastruktur. Deutschland braucht bessere Infrastrukturentscheidungen. Die Straße ist dabei nur der Anfang.
Die Autoren haben gemeinsam mit Tobias Merten von Bridge the Momentum die Studie „Digitale Straße Deutschland. Vom Haushaltsakt zum Wirkungssystem” verfasst, die von Bridge the Momentum und EY-Parthenon herausgegeben und von Vitronic und DKV Mobility kofinanziert wurde.
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