Phänomen Fahrraddiebstahl : Ohne Licht im Dunkeln unterwegs
Fahrraddiebstähle verursachen jährlich Schäden in Millionenhöhe. Die Aufklärungsquote ist gering, organisierte Kriminalität wird unterschätzt. Christian Matzdorf zeigt auf, wie sich das ändern ließe.
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„Mir wurde neulich mein Fahrrad gestohlen!“ Dieser Satz ist geeignet, Konversation augenblicklich in Schwung zu bringen. Dabei ist es in meinem Fall sogar wahr: Das Bike stand direkt am Haupteingang des Landeskriminalamts Berlin und wurde am helllichten Tag trotz Sicherung mit einem hochwertigen Schloss, sozusagen vor den Augen der Kriminalpolizei und zahlreicher Justizbediensteten, entwendet.
Dieser Diebstahl meines hochwertigen Singlespeed-Bikes mit Zahnriemenantrieb einte mich mit vielen anderen. Fahrraddiebstahl ist ubiquitär und betrifft weite Teile der Bevölkerung aller Sozialschichten. Laut Statistik mit mehr als 20.000 Fahrraddiebstählen allein im vergangenen Jahr in Berlin und einem Dunkelfeld, das mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches größer ist, verdient das Phänomen mehr Beachtung.
160 Millionen Euro Schaden im Jahr
Die Schadenssummen liegen mittlerweile durchschnittlich bei rund 1300 Euro je entwendetem Rad – auch bedingt durch den E-Bike-Markt –, was sich auf versicherte Bikes bezieht, die in der Regel höherwertiger sind und für die im Schadenfall nicht nur die limitierte Hausratversicherung, sondern gegebenenfalls eine spezielle Fahrraddiebstahlversicherung aufkommt.
Der bundesweit registrierte Schaden durch Fahrraddiebstähle – ohne Berücksichtigung des großen Dunkelfeldes – betrug im Jahr 2024 rund 160 Millionen Euro und führte in einigen Regionen wie Baden-Württemberg mit einer Schadenssumme von rund 31,5 Millionen Euro zu einer bemerkenswerten Umkehr der Verhältnisse bezüglich der Schäden durch Autodiebstahl (in diesem Bundesland mit rund 16,2 Millionen Euro nur rund halb so hoch), und das, obwohl es bei letzterem aufgrund der allgemeinen Versicherungsbedingungen so gut wie kein Dunkelfeld gibt!
Zwischenzeitlich stagnierende oder leicht rückläufige Fallzahlen stellen leider kein gutes Zeichen dar, da sie eher Ausdruck von Resignation und Gewöhnung und damit eines veränderten Anzeigeverhaltens sind, als dass sie Erfolge der Ermittlungsbehörden abbilden. Hier könnte sich der Vertrauensverlust in das Funktionieren der Kriminalitätskontrolle durch den Staat widerspiegeln.
Kein Schloss ist unknackbar
Die vielfältigen Bemühungen zur privaten Diebstahlprävention kosten Geld und kommen daher überwiegend höherwertigen Fahrrädern zugute. Dabei reicht das Spektrum von robusten Schließsystemen bis hin zu Trackingsystemen, wobei allerdings letztere oftmals an der Kompatibilität mit polizeilicher Technik oder unzureichenden Rechtsgrundlagen scheitern.
Trotz der Bereitschaft, mehr Geld für Sicherungseinrichtungen auszugeben, muss konstatiert werden, dass es kein Sicherungssystem gibt, das nicht überwunden werden kann. Es kommt darauf an, wie viel Zeit Täter aufwenden oder wie intensiv sie auf das Objekt einwirken können. Wie einfach das ist, kann man im Internet in sogenannten Tutorials sehen, dort findet man dann auch Videos, die zeigen, wie Täter mit akkubetriebenen Trennschleifern und Hämmern vor den Augen scheinbar desinteressierter Passanten mehrere Minuten auf die Sicherungssysteme einwirken.
Nicht einmal umschlossene Räume stellen einen zuverlässigen Schutz dar: Einbrüche in Fahrradkeller, überwiegend im urbanen Raum oder Garagen (eher ländliche Struktur), gehören zum Alltag und führten zum Beispiel in Gebieten nahe der deutsch-polnischen Grenze aufgrund des beeinträchtigten Sicherheitsgefühls der Bevölkerung bereits zu politischen Diskussionen.
Ursachen für geringe Aufklärungsquoten
Betrachtet man diese Anamnese, ist es zutreffend, Fahrraddiebstahl als ernstzunehmendes Kriminalitätsphänomen einzuordnen. Daher ist die im Bundesdurchschnitt konstant unter zehn Prozent und in Berlin sogar nur bei rund vier Prozent liegende Aufklärungsquote – die sich ja lediglich auf die bekanntgewordenen Fälle, das heißt auf das Hellfeld, bezieht – befremdlich niedrig, und es drängt sich die Frage nach den Ursachen dafür auf. Hier gibt es ein ganzes Konglomerat von Einflussvariablen, die sich teilweise gegenseitig bedingen und negativ verstärken, wie beispielsweise folgende:
- Die Bekämpfung des Fahrraddiebstahls ist traditionell eine unbeliebte Aufgabe für Ermittlungsbehörden, in früheren Zeiten wurde es sogar als abwertend empfunden, „beim Fahrraddiebstahl“ zu arbeiten. Heute ist der Fahrraddiebstahl der „einfachen“ Kriminalität zugeordnet und wird in der Regel von Generalisten und nicht von Spezialisten bearbeitet.
- Polizeiliche Fahrraddiebstahlprävention orientiert sich an Vorbildern aus der Vergangenheit und erschöpft sich in gutgemeinten „Fahrrad-Codieraktionen“ (um eine fahndungsgeeignete Nummer am Rad einzufräsen) und der Verteilung von Flyern.
- Fahrraddiebstahl wird regional bearbeitet, Bezüge zu benachbarten Bereichen, im jeweiligen Bundesland oder bundesweit, werden mangels entsprechender Lagebilder nicht hergestellt. Kurz gesagt, „jeder macht seins“, was gerade organisierten Gruppen in die Hände spielt. Dass im Rahmen einer TV-Recherche keines der angefragten 16 Landeskriminalämter eine Einschätzung zum Anteil organisierter Gruppen beim Fahrraddiebstahl und der Verbringung ins Ausland abgeben konnte, spricht für sich.
- Gestohlene Fahrräder können nur in Ausnahmefällen zur Fahndung in das europaweite („Schengenraum“) Sachfahndungssystem eingespeist werden, anders als andere Sachgüter wie Kraftfahrzeuge, Uhren oder Kunstgegenstände. Daher sind Fahndungsmaßnahmen limitiert, erfolgreiche Aufgriffe mit Täteridentifizierungen und neuen Erkenntnissen zu Strukturen und Verbringungswegen selten beziehungsweise weniger erfolgreich als möglich.
- Fahrraddiebstahl wird unterschätzt, da häufig der Diebstahl eines einzelnen Rades im Fokus der Ermittlungen steht, was bei Einzeltätern ausreichend sein kann. Organisierte Gruppen mit „Bandenstruktur“, die arbeitsteilig vorgehen, planerischen Aufwand betreiben, Tatobjekte lokalisieren, Zwischenlagerplätze und einen Abtransport oft über die (süd)östlichen Nachbarländer sowie die gewerbsmäßige Vermarktung organisieren und damit eine hohe kriminelle Energie aufweisen, bleiben unberücksichtigt.
Das müsste sich ändern
Vor diesen Hintergründen liegt die Frage nahe, was sich ändern muss, um dem Kriminalitätsphänomen Fahrraddiebstahl angemessen zu begegnen:
- Es bedarf politischen Willens und nicht nur Willenserklärungen, um insbesondere (in Berlin) die Senatsverwaltungen für Inneres und Justiz (aber auch die für Stadtentwicklung bezüglich städtebaulicher Prävention) für dieses Thema zu sensibilisieren und Entwicklungen zu initiieren.
- Die Ermittlungsbehörden benötigen ein aussagefähiges Lagebild der Fahrraddiebstahlkriminalität auf regionaler Ebene (taktisches Lagebild), bei den Landeskriminalämtern und eine Zusammenführung und Auswertung der Daten auf Bundesebene beim Bundeskriminalamt (strategisches Lagebild) mit festgelegter Verantwortung und Federführung als Grundlage für strategische Entscheidungen.
- Fahrraddiebstahl muss als ein Phänomen realisiert werden, dass ganz erheblich von organisierten, grenzüberschreitend agierenden Banden dominiert wird, die gewerbsmäßig erhebliche Schadenssummen verursachen, aber auch hohe Gewinne bei geringem Risiko und – im Entdeckungsfall – geringen Strafen erzielen. Hier könnte durch Gewinnabschöpfung nach Finanzermittlungen angesetzt werden, was allerdings grenzüberschreitende Kooperationen mit (vornehmlich östlichen) Nachbarländern voraussetzt – und eben nur auf der Basis eines stabilen Lagebildes möglich ist.
Angesichts dieser Anregungen werden sicherlich Stimmen laut, die proklamieren, dass „man anderes zu tun hätte, als ausgerechnet Fahrraddiebstahl zu fokussieren“. Das ist nachvollziehbar. Allerdings ist es ratsam, sich die Erfahrungen beispielsweise aus der Bekämpfung des Schmuggels mit unversteuerten Zigaretten zu vergegenwärtigen: Wer die organisatorische und logistische Struktur unterhält, in großen Mengen gestohlene Fahrräder grenzüberschreitend zu bewegen, hat damit die Möglichkeit auch Waffen, Drogen oder gar Menschen zu schmuggeln.
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