Sprache in Unfallmeldungen : Systematische Schuldverschiebung
In Unfallmeldungen und Berichterstattung wird Verantwortung oft verschleiert. Statt die Verursacher zu benennen, stehen die Opfer im Fokus. Die Sprache stellt Kollisionen häufig als schicksalhaft dar und prägt so unser Verständnis von Verantwortung und Risiko im Straßenverkehr.
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In der Verkehrspolitik sprechen wir von Verkehrsarterien. Wir achten auf den Fluss, investieren riesige Summen, um Staus zu verhindern. Staut sich der Verkehr, rechtfertigen wir Millionen Euro für Umleitungen oder Straßenausbau. Unsere Sprache legitimiert politische Entscheide, hebt Probleme hervor und blendet andere aus. So prägt sie auch die Lösungen.
Über die Metaphern, die den Diskurs um die Verkehrspolitik bestimmen, haben unsere Kolleg:innen aus der Linguistik im Projekt „Sprachkompass: Mobilität und öffentlicher Raum“ geforscht. Zudem haben wir, ein Sozialwissenschaftler und ein Polizist, gemeinsam mit den Kolleg:innen aus der Linguistik und einem Journalisten zu einem weiteren wichtigen Aspekt der Sprachnutzung recherchiert: der Unfallberichterstattung.
Verkehrsgewalt ist kein Schicksal
In einer kürzlich in der Fachzeitschrift „Mobilities“ erschienenen Studie haben wir die Berichterstattung zu Verkehrsunfällen in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht. Dabei haben wir festgestellt, dass es eine systematische sprachliche Schuldverschiebung weg von Auto- und Lkw-Fahrenden und hin zu Radfahrenden und Zufußgehenden gibt.
Diese Vorfälle werden zudem fast immer ohne systematische Zusammenhänge als Einzelerscheinungen dargestellt, obgleich Verkehrsgewalt ganz klar System hat: Durchschnittlich werden in Deutschland jeden Tag fast 1000 Menschen im Straßenverkehr verletzt und acht Menschen getötet. Verkehrsgewalt? Angelehnt an den strafrechtlichen Bereich lässt sich dieser Begriff auch hier sinnvoll verwenden – er hilft, das oft mitschwingende Moment des Schicksalhaften zu durchbrechen und strukturelle Ursachen klarer zu benennen.
Täter verschleiert, Opfer im Fokus
Wie die Zuschreibung von Verantwortung funktioniert, können wir an einem Beispiel durchspielen: „Radfahrerin von Lkw erfasst – 50-Jährige tot“ lautet die Überschrift eines Nachrichtenartikels. Zum Zeitpunkt des Erscheinens ist noch keine Untersuchung abgeschlossen und keine Gerichtsverhandlung eröffnet. Sprachlich aber wird hier bereits das Opfer, die Radfahrerin, durch die Nennung an erster Stelle in den Fokus gerückt. Der Andere, der an der Kollision beteiligt war, wird nicht erwähnt, sondern an zweiter Stelle von einem Fahrzeug (ein Lkw) vertreten.
Erstens wissen wir, dass wir Verantwortung für Handlungen eher denjenigen zuschreiben, die im Fokus sind. Zweitens können Gegenstände keine Verantwortung tragen. In der Überschrift werden eine Person und ein Gegenstand genannt, uns bleibt also die Radfahrerin, die allein die Verantwortung tragen kann.
In unserer Analyse von 229 Zeitungsartikeln über Kollisionen haben wir festgestellt, dass in 76 Prozent der Artikel das Opfer als Person genannt wird. Dagegen wird in 63 Prozent der Überschriften überhaupt kein weiterer Akteur genannt (zum Beispiel: „Fußgänger verletzt sich“). Wenn doch, tauchen diese eher als Fahrzeuge, also Gegenstände, auf. Nur in 15 Prozent der Artikel wird neben dem Opfer eine weitere Person benannt.
Wenn zwei zusammenstoßen, leiden die, die ein minimales Risiko für andere darstellen (Radfahrende, Zufußgehende), überproportional, während diejenigen, die ein größeres Risiko darstellen (Autofahrende), oft unverletzt bleiben. In der Sprache werden tendenziell die Opfer erwähnt, nicht jedoch die Akteure, die – mindestens physikalisch – für die Schadensverursachung verantwortlich sind.
Unsere Untersuchung ergibt, dass für Kfz-Fahrende in mehr als 70 Prozent der Artikel ein Metonym benutzt wird – Menschen werden durch Fahrzeuge ersetzt. Hingegen kommt dies bei Radfahrenden in nur zwei Prozent der Artikel vor, bei Zufußgehenden gar nicht. Die Verantwortung der Kfz-Fahrenden wird also regelmäßig verschleiert.
Reflexive Formulierungen und Passiv
Zurück zu unserem Beispielartikel „Radfahrerin von Lkw erfasst“: Der dritte Satz lautet „Die Frau zieht sich schwere Verletzungen zu …“. Hier haben wir es mit einer reflexiven Verbform zu tun. Diese Formulierung wird in der Beschreibung einer Kollision ausschließlich in Zusammenhang mit den hauptgeschädigten Personen verwendet (und kommt in 19 Prozent der Artikel vor). Durch diese Formulierung entsteht der Eindruck, dass die Frau sich selber verletzt.
Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Passive Verben verschleiern die Verantwortung und kommen in fast 70 Prozent der von uns analysierten Artikel vor. Entlastende kausale Zuschreibungen wie „übersehen“ (zum Beispiel: „Autofahrer übersieht Fußgänger“) werden fünfmal so häufig verwendet, um die Handlungen von Kfz-Fahrenden zu beschreiben, wie bei Zufußgehenden und Radfahrenden. Belastende kausale Zuschreibungen, wie das Opferverhalten (zum Beispiel: „Der Fußgänger lief plötzlich auf der Straße“) werden doppelt so häufig bei Radfahrenden und Zufußgehenden verwendet wie bei Kfz-Fahrenden.
Wie weiter? Die Sprache der Verkehrsunfallberichterstattung wird nicht mit böser Absicht gewählt. Vielmehr stecken dahinter unbewusste Routinen. Polizeisprecher:innen müssen eine Vielzahl von Meldungen unter hohem Zeitdruck verfassen. Da sie als vertrauenswürdige Quellen gelten, verbreiten Journalist:innen diese oft unverändert. Sowohl die Polizei als auch der Journalismus sehen sich mit wachsenden Aufgaben bei nicht gleich mitwachsenden Ressourcen konfrontiert. Was also ist zu tun?
Sprache verändern und Statistik erweitern
Die häufigsten Sprachmuster, die Verkehrsgewalt als unvermeidbar darstellen oder zu einer ungewollten Verantwortungszuschreibung führen, sollten vermieden werden. Aus Sorge vor einer Vorverurteilung neigen wir oft zu einer passiven, unkonkreten Sprache. Dabei ist es wichtig, möglichst aktiv, präzise und personenbezogen zu formulieren.
Wir haben mit den Kolleg:innen des Sprachkompass hierfür einen Leitfaden erarbeitet. Den gibt es in der langen Version mit ausführlichen Erklärungen, als kurze Broschüre und als Einseiter.
Drei Beispiele aus dem Leitfaden sind:
- alle handelnden Personen benennen („Lastwagenfahrer“ statt „Lastwagen“)
- Formulierungen, die Kollisionen als schicksalhaft darstellen, vermeiden: „Es kam zum …“ und „Unfall“ möglichst streichen, lieber „A und B kollidieren" und „Kollision“ nutzen.
- reflexive Verben vermeiden
- Kontextinformation hinzufügen („Das ist die vierte Kollision auf dieser Kreuzung in diesem Jahr.“)
Der Leitfaden kann auch helfen, Textbausteine zu überarbeiten und KI-Tools entsprechend einzustellen. Eine präzisere Sprache in der Unfallberichterstattung ist ein wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit. Denn nur wer den Zusammenhang versteht, kann sein Verhalten ändern.
Dies gilt für Entscheidungsträger:innen ebenso wie für Verkehrsteilnehmer:innen. Werden Gefahrenquellen systematisch verschleiert, verharmlost oder als Schicksal dargestellt, werden wir als Gesellschaft keine geeigneten Gegenmaßnahmen identifizieren, geschweige denn sie gemeinsam umsetzen.
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