Bikenomics-Ansatz : Warum sich Radverkehr rechnet
Wie viel ist Radfahren für die Gesellschaft wert? Mit dem Ansatz der Bikenomics lassen sich Nutzen und Kosten von Radverkehrsprojekten erstmals präzise gegeneinander abwägen – von eingespartem CO2 über weniger Staus bis hin zu besseren Gesundheitswerten. Beispiele aus Lima, Rotterdam und den Niederlanden zeigen beeindruckende Renditen.
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Wenn wir vor einer Entscheidung stehen, wägen wir die Vorteile gegen die Nachteile ab: Idealerweise wählen wir jene Option aus, bei der der Nutzen die Kosten am deutlichsten übersteigt. Das tun wir, wenn wir online Flugtickets kaufen, Lebensmittel einkaufen oder entscheiden, welchen Film wir mit Partnerin oder Partner sehen möchten.
Bei solch einfachen Entscheidungen ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung recht unkompliziert. Doch was passiert bei Entscheidungen, die das Gemeinwohl betreffen? Was, wenn wir über eine politische Maßnahme entscheiden müssen oder darüber, ob es sich lohnt, öffentliche Gelder in ein bestimmtes Projekt zu investieren? Wie komplex wird dieses Abwägen von Vor- und Nachteilen, insbesondere wenn die Maßnahme oder das Projekt gleichzeitig unterschiedliche positive und negative Auswirkungen hat?
Einen solch komplexen Kontext haben Investitionen in den Radverkehr. Hierfür haben wir ein Instrument namens Bikenomics entwickelt: Es sammelt, bewertet und addiert alle Nutzen und Kosten eines Infrastrukturprojekts, eines Radverkehrsplans für eine ganze Stadt oder Region oder eines neuen Radverkehrsservices beziehungsweise Anreizsystems. Bikenomics ermöglicht es Entscheidungsträgern, Fachleuten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern, den gesellschaftlichen Beitrag des Radverkehrs zu quantifizieren und zu verstehen, ob Investitionen in den Radverkehr für das kollektive Wohlergehen sinnvoll sind.
Reichen die Vorteile aus, um Investitionen zu rechtfertigen?
Tatsächlich sind die positiven Effekte des Radfahrens – und der aktiven Mobilität insgesamt – inzwischen anerkannt: Wir wissen, dass Radfahren CO2-Emissionen reduziert, dass es gut für unsere körperliche Gesundheit ist und die Erreichbarkeit in den Städten verbessert. Was wir jedoch oft nicht wissen, ist, in welchem Ausmaß dies geschieht. Und es fällt uns schwer zu beurteilen, ob diese Vorteile ausreichen, um Investitionen in einen neuen Radweg, eine Fahrradbrücke oder ein Fahrradparkhaus zu rechtfertigen.
Mithilfe von Bikenomics quantifizieren wir alle positiven und negativen Auswirkungen des Radfahrens und drücken sie in monetären Werten aus, also in Euro. Dadurch können wir diese Vorteile wesentlich klarer kommunizieren („die vermiedenen Schäden durch eingesparte CO2-Emissionen sind drei Millionen Euro wert“ ist einfacher zu greifen als „das Projekt hat 3000 Tonnen CO2 eingespart“). Zugleich lassen sich sehr unterschiedliche Effekte bündeln, die sonst getrennt betrachtet werden müssten, etwa Umweltvorteile und Verkehrsstaus oder verbesserte Verkehrssicherheit und geringere Lärmbelastung.
Bikenomics ist somit ein hilfreiches Instrument. Nicht um zu zeigen, dass Radfahren vorteilhaft ist – das wissen wir bereits –, sondern wie vorteilhaft es ist und wie hoch eine Investition in den Radverkehr ist, wenn man den Nutzen mit den erforderlichen Kosten vergleicht.
Verhältnis von Nutzen zu Kosten häufig bei 150 bis 200 Prozent
Bei Decisio arbeiten wir seit mehr als 20 Jahren an Bikenomics, in über 100 Projekten in Europa und weltweit. Unsere Analysen haben gezeigt, dass Investitionen in den Radverkehr meistens erhebliche gesellschaftliche Vorteile bringen, die die erforderlichen Kosten übersteigen. Das Verhältnis von Nutzen zu Kosten – oder die Kapitalrendite (Return on Investment, ROI) – hängt zwar vom jeweiligen Projekt ab, liegt unserer Erfahrung nach jedoch häufig bei 150 bis 200 Prozent oder sogar darüber.
Als wir Bikenomics auf den Radverkehrsplan in der peruanischen Hauptstadt Lima anwendeten, zeigte sich, dass jeder in den städtischen Radverkehrsplan investierte peruanische Sol etwa 19 Sol an kollektiven Vorteilen erzeugt – vor allem dank geringerer Verkehrsbelastung, verlässlicherer Reisezeiten und einer verbesserten Gesundheit der Einwohnerinnen und Einwohner Limas.
Ähnlich zeigte eine Bikenomics-Bewertung in Rotterdam, dass eine Erhöhung des Radverkehrsanteils von sieben auf zwölf Prozent und des Fußverkehrs von drei auf fünf Prozent innerhalb von sechs Jahren – neben vielen anderen positiven Effekten – die Häufigkeit von Diabetes reduziert und allein dadurch Einsparungen von rund 13 Millionen Euro pro Jahr ermöglicht hätte.
Niederländischen Fahrradweg Dom-to-Dam untersucht
2025 haben wir Bikenomics auf die Fahrradverbindung „Dom-to-Dam“ angewandt, eine Studie im Auftrag der Provinz Utrecht in den Niederlanden zur Analyse der potenziellen Auswirkungen einer Verbesserung der Strecke zwischen Utrecht (Dom) und Amsterdam (Dam). Die Strecke ist auf dem Papier sehr attraktiv, verfügt derzeit jedoch nicht über eine schnelle, komfortable und sichere Radverbindung zwischen den Städten und dazwischenliegenden Ortschaften. Insbesondere eine alte Eisenbahnbrücke mit einem nahegelegenen, sehr schmalen Radweg stellt ein Hindernis für Menschen dar, die diese Strecke mit dem Rad zurücklegen möchten.
Daher wurde eine Bewertung des sozioökonomischen Nutzens und der Kosten einer Weiterentwicklung der Dom-to-Dam-Route durchgeführt. Dabei wurden alle relevanten sozioökonomischen Vorteile – Umweltgewinne, verbesserter Komfort und eine Verringerung der Verkehrsüberlastung – sowie die Kosten der Maßnahme berücksichtigt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Verglichen mit den Investitions- und Instandhaltungskosten von 162 Millionen Euro für die neue Route mit all ihren Komponenten, rechtfertigen sozioökonomische Vorteile von 290 bis 450 Millionen Euro die Investition eindeutig.
Diese Vorteile ergeben sich vor allem aus den gesundheitlichen Effekten sowie aus der Verkürzung der Reisezeiten für Radfahrende wie auch für Autofahrende (letztere profitieren von geringerer Verkehrsbelastung, da mehr Menschen das Fahrrad statt des Autos nutzen). Der ROI dieser Investition – also das Verhältnis von Nutzen zu Kosten – liegt bei etwa 280 Prozent, und selbst im konservativsten Szenario bleibt er mit über 180 Prozent deutlich positiv. Die Analyse hat zudem gezeigt, dass die gezielte Maßnahme an der Brücke einen wesentlichen Beitrag zu diesen positiven Effekten leistet.
Diese Beispiele – und viele weitere Studien – zeigen, dass Bikenomics ein wirksames Instrument ist, um Entscheidungsträgern zu helfen, die positiven Effekte des Radfahrens besser zu verstehen, zu bewerten und zu kommunizieren: auf Radfahrende, Autofahrende, Nutzerinnen und Nutzer des Öffentlichen Verkehrs sowie auf die gesamte Gesellschaft.
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