Antibiotika und Hormone in Importen : Doppelstandards bei Rindfleisch aus Brasilien reichen viel weiter
Ab heute gilt ein vorläufiger EU-Importstopp für brasilianisches Rindfleisch wegen möglicher Kontamination mit Reserveantibiotika. Rupert Ebner, Vorsitzender von Slow Food Deutschland, hält dies für unzureichend. Massive Probleme sieht er auch bei Tierwohl und Kontrollen in Brasilien. Ebner fordert lückenlose Rückverfolgbarkeit zu allen EU-Standards und plädiert für effektive Spiegelklauseln in Handelsabkommen.
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Der Riegel, den die EU ab heute Rindfleischimporten aus Brasilien vorschiebt, ist gut begründet. Der Importstopp geht allerdings nicht weit genug. Mangelnde Nachweise dafür, dass brasilianische Erzeuger sich an EU-Standards halten, sind längst nicht nur in Verbindung mit Reserveantibiotika ein Problem. Anekdotisch hat das unter anderem der Estradiol-Skandal im März gezeigt. Die Gründe dafür, Einfuhren und Verzehr von Rindfleisch aus dem größten Mercosur-Staat kritisch zu hinterfragen, sind zahlreich.
Dazu gehören unter anderem die Zerstörung der Urwälder im Amazonasgebiet durch die massive Ausbreitung von Rinderfarmen, die indigenen Völkern die Lebensgrundlage raubt und den Verlust der Biodiversität in der artenreichsten Region der Erde weiter anheizt. Auch die Herkunfts- und Rückverfolgbarkeitsstandards für Rinder sind schwächer ausgeprägt als in der EU.
Vergleich bei Haltungsbedingungen nicht annähernd möglich
Sicher, Brasilien bietet gute Voraussetzungen für die Zucht und Mast von Rindern – begünstigt durch das Nelore Rind, einer Rinderrasse, die auch als brasilianisches Zebu bekannt ist und gut mit Klima und Parasitenbelastung zurechtkommt.
Gemästet werden die Tiere jedoch nicht auf saftigen Weiden, wie oft auf Verpackungen und Banderolen suggeriert, sondern in riesigen Feedlots – Mastanlagen unter freiem Himmel, teils mit mehr als 100.000 Rindern.
Futtermittel nicht gemäß EU-Standards
Gefüttert wird in den Feedlots mit Soja, das in der Regel gentechnisch verändert und mit Pestiziden behandelt wurde, die in der EU nicht (mehr) zugelassen sind.
Dass neben brasilianischem Rindfleisch auch dieses Soja in die EU importiert wird, obwohl es nicht den hiesigen Produktionsstandards genügt, sei mit Hinweis auf die Parallele als Randnotiz erwähnt. Denn: Wo EU-Rinderzüchter:innen und Mastbetriebe in einen unfairen Wettbewerb mit Brasiliens Feedlot-Unternehmen gezwungen werden, führt der Soja-Import zu einem weiteren erheblichen Wettbewerbsnachteil für europäische Betriebe, die ihr eigenes Futtermittel erzeugen.
Praxis bei Tierarzneimitteln in der EU seit langem unzulässig
Eine ähnliche Diskrepanz zeigt sich bei der Gabe von Tierarzneimitteln: Antibiotika und Hormone, die in der EU seit Jahren, teils sogar seit Jahrzehnten, verboten sind, kommen in Brasilien regelmäßig zum Einsatz. Angesichts der Wirkung dieser Substanzen – insbesondere wachstumsfördernder Hormone – ist das ein massiver Wettbewerbsvorteil für brasilianische Rindfleischproduzent:innen und ein entsprechender Nachteil für europäische Erzeuger:innen.
Bei einigen importierten Obst- und Gemüsesorten ist es dem Lebensmitteleinzelhandel durch strukturierte Kontrollen weitgehend gelungen, Ware vom Markt fernzuhalten, die Rückstände von Agrochemikalien oberhalb von EU-Grenzwerten aufweist. Bei Rindfleisch ist die staatliche Kontrolldichte dagegen viel zu dünn. Selbst bei der geringen Zahl an Rückstandskontrollen werden immer wieder Substanzen, insbesondere Antibiotika, nachgewiesen, die in der EU nicht zugelassen sind, oder bei denen die EU-Rückstandshöchstgehalte überschritten werden.
Massive Abstriche beim Tierwohl werden in Kauf genommen
Noch bedeutender als die unterschiedlichen Rahmenbedingungen auf den oben beschriebenen Feldern, ist die daraus resultierende Inkonsequenz im Hinblick auf die europäischen Tierschutzregeln. Tiere sind Lebewesen, die Schmerzen empfinden und einen Anspruch darauf haben, dass ihre Bedürfnisse nach artgerechtem Futter, Schutz vor Sonne und ausreichend Raum erfüllt werden. Zwar gibt es auch in Europa noch Defizite, aber es existieren hier verbindliche Standards für Rinderzüchter:innen und Mastbetriebe. Davon ist Brasilien weit entfernt.
Die vielfach vorherrschenden Vorstellungen von glücklichen Rindern auf grünen Weiden hat nichts mit der Realität der Feedlots zu tun, in denen tausende Tiere ohne Sonnenschutz in ihren Exkrementen stehen. Auch die Fütterung ist alles andere als artgerecht; Mais und Soja dominieren, chronische Pansenübersäuerung ist die Folge, die zwangsläufig den Einsatz von Antibiotika nötig macht. Diese wirken zudem auch noch wachstumsfördernd – ein Grund, weshalb sogenannte Wachstumsförderer in der EU zu Recht seit Jahrzehnten verboten sind.
Auch bei Tiertransporten unterscheiden sich die Regelungen deutlich: Europa hat weitaus strengere Beschränkungen für Transportzeiten, schreibt Lüftungs- und Kühleinrichtungen, sowie eine Mindestfläche pro Tier vor.
Tiefgreifende Unterschiede bei Schlachtbedingungen
Der größte Unterschied liegt aber im Umgang mit den Tieren auf den Schlachthöfen selbst. Die für den EU-Export zugelassenen Schlachthöfe werden von der EU-Kommission zwar auditiert – zuständig ist die Einheit „Health and Food Audits and Analysis" der EU Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG SANTE). Es gibt allerdings berechtigte Zweifel, dass diese Standards auch außerhalb der Kontrollzeit eingehalten werden.
2022 verabschiedete Brasilien ein Gesetz, das die amtliche Schlachthofkontrolle auf ein risikobasiertes Modell umgestellt und Betriebe zu Selbstkontrollprogrammen verpflichtet hat. Kooperationsbereite Unternehmen profitieren von saloppen Verfahren und Nachbesserungsfristen statt Sanktionen, während Risikoeinstufungen nicht öffentlich einsehbar sind. Tierschutzorganisationen wie Animal Equality werten dies als faktische Schwächung der unabhängigen Kontrolle.
Eine verpflichtende Kameraüberwachung in deutschen Schlachthöfen, für die ein Vorstoß von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer seit Juli im Bundestag bearbeitet wird, wäre auch für die Kontrollen durch europäische Behörden in Brasilien ein Muss, um Wettbewerbsgleichheit herzustellen.
Rindfleischimporte exemplarisch für Probleme im globalen Lebensmittelsystem
Positiv ist: Es werden keine lebenden Rinder in die EU geliefert. Aus gutem Grund darf umgekehrt auch kein lebendes Vieh, einschließlich Zuchttiere, nach Brasilien gebracht werden. Gleichzeitig ist der Transport von tiefgefrorenem Fleisch alles andere als nachhaltig.
Das zugrundeliegende Problem tangiert zahlreiche Nahrungsmittel. Lebensmittelimporte aus Drittstaaten, die sich einst auf Agrarerzeugnisse wie Kakao, Kaffee oder Bananen beschränkten, da ihr Anbau nur in wenigen Weltregionen möglich ist, erstrecken sich inzwischen auf Produkte, die fast überall erzeugt werden könnten. Externe Kosten der oft weltumspannenden Transportwege bleiben ausgeklammert.
Doch auch im globalen Lebensmittelsystem muss gelten: Multilaterale Abkommen dürfen Chancengleichheit nicht zur Verhandlungsmasse machen. Dass dies im EU-Mercosur-Abkommen getan wurde, obwohl die gravierend unterschiedlichen Produktionsbedingungen insbesondere in Brasilien bekannt sind, kann kein Endzustand sein. Stattdessen braucht es endlich wirksame Spiegelmaßnahmen.
Der Zugang zum EU-Markt muss an die Einhaltung von EU-Standards gebunden werden – mit lückenloser Rückverfolgbarkeit vom Kalb bis zum Schlachthof. Und es braucht ein Einfuhrverbot für Fleisch von Tieren, die mit in der EU verbotenen Wachstumsförderern behandelt wurden – ein voraussichtlich nur temporärer Importstopp reicht nicht. Nur unter diesen Bedingungen kann brasilianisches Rindfleisch gut, sauber und fair auf unseren Tellern landen.
Rupert Ebner hat seit 2024 den Vorsitz bei Slow Food Deutschland inne. Er ist Tierarzt, Rinderhalter, Erfinder und Autor; seine Spezialgebiete sind Diagnostik und Therapie von Zitzenverletzungen bei Milchkühen und die Folgen von Antibiotika in der intensiven Tierhaltung für das Gesundheitssystem.
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