KI-Kramladen : Brüssels „Apply AI“-Strategie braucht Fokus
Die neue „Apply AI“-Strategie der EU tauscht Diskussionen über KI-Risiken gegen praktische Anwendung. Endlich, findet Anselm Küsters vom Centrum für Europäische Politik (Cep). Doch die Strategie kranke an einem Sammelsurium bestehender Programme ohne klare Prioritäten. Dabei hat Europa durchaus die richtigen Bausteine für KI-Erfolg.
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Am 8. Oktober hat die Europäische Kommission ihre „Apply AI“-Strategie vorgestellt – ein Strategiepapier, das genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Nach Jahren des Diskutierens über theoretische Risiken und angebliche Defizite im Bereich der generativen Künstlichen Intelligenz (KI) fokussiert Brüssel endlich auf das Wesentliche: die praktische, flächendeckende Anwendung von KI in Europas Wirtschaft. Denn nur in der Iteration und im Lernen aus Fehlern entstehen jene neuen Kompetenzen, Geschäftsmodelle und Nischen, mit denen Europa im KI-Zeitalter Wohlstand erwirtschaften und wettbewerbsfähig bleiben kann.
Die richtigen Ansätze sind da
Auch wenn die ersten Reaktionen der Industrie eher verhalten waren, setzt die Strategie grundsätzlich erfreuliche Akzente: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) erhalten besondere Aufmerksamkeit, Open-Source-Ansätze werden explizit erwähnt. Das entspricht langjährigen Forderungen aus Wissenschaft und Politikberatung, unter anderem auch vom Centrum für Europäische Politik. Offene Modelle und Daten stärken nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Resilienz des europäischen KI-Ökosystems.
Besonders interessant ist die Ankündigung europaweiter Wettbewerbe zur Entwicklung offener Modelle an der aktuellen Leistungsspitze, der sogenannten Frontier-KI. Projektteilnehmer, die sich an der Entwicklung dieser Modelle beteiligen, sollen freien Zugang zu den EuroHPC-Supercomputern erhalten. Diese werden aktuell mit viel Geld für das KI-Zeitalter aufgerüstet. Die resultierenden Modelle sollen anschließend für Behörden, Wissenschaft und Unternehmen breit verfügbar gemacht werden. Dadurch wird Open Source dort verankert, wo es wirklich skaliert: im Modellkern.
In China zeigt sich das Potenzial bereits konkret: Mehr als zwanzig Autohersteller, darunter BYD und Geely, haben die offenen Modelle des heimischen KI-Champions Deepseek in ihre Fahrzeugsysteme integriert. Alle großen chinesischen Smartphone-Hersteller nutzen das Modell für ihre KI-Assistenten. Rund 100 Krankenhäuser setzen Deepseek für Bildanalyse und Diagnoseunterstützung ein, während Behörden eine Zeitersparnis bei Verwaltungsprozessen melden. Nicht zufällig hat zuletzt auch die Trump-Administration auf Offenheit umgeschwenkt. Der im Juli 2025 veröffentlichte „AI Action Plan” betont offene Modelle, um den amerikanischen KI-Stack besser zu exportieren.
Ein Sammelsurium ohne klare Richtung
Doch der Plan der Kommission droht an sich selbst zu scheitern. Das geht über die übliche Kritik, dass die angekündigte Fördersumme von einer Milliarde Euro letztlich nicht neu aufkommt, sondern aus bestehenden Töpfen umgelagert wird (insbesondere Horizon Europe und Digital Europe), hinaus. Das eigentliche Problem liegt in der Fragmentierung der beteiligten Fachdirektorate und fehlenden Priorisierung. Das 19-seitige Papier liest sich wie ein Sammelsurium von spezialisierten Initiativen – manches neu, vieles alt mit neuen Etiketten. So werden etwa die bestehenden „Digital Innovation Hubs“ schlicht in „Experience Centres for AI“ umgewandelt.
Die schiere Anzahl an Querverweisen macht den Wald vor lauter Bäumen unsichtbar: Die „Apply AI Strategy“ wird begleitet von der „AI in Science Strategy“, die wiederum das „Resource of AI Science in Europe“ (RAISE) ankündigt. Dazu kommen – unter anderen – die „Data Union Strategy“, „ProtectEU“, die „Autonomous Drive Ambition Cities“-Initiative, die „Strategic Roadmap on Digitalisation and AI for the Energy Sector“, der „Public Sector AI & Interoperability Readiness Pathway“ – und natürlich das KI-Gesetz mit seinen zahlreichen Leitfäden. Das ist nur eine willkürliche Auswahl. Wer sich durch das 19-seitige Dokument kämpft, stößt auf Dutzende weitere Initiativen, Organigramme und Akronyme – stets versehen mit Formulierungen wie „verlinkt mit“, „angelehnt an“ oder „komplementär ergänzt“. Für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und selbst EU-Beamte wird es zunehmend unmöglich, den Überblick zu behalten, welche Initiative für welchen Zweck zuständig ist – und wo sie konkret Unterstützung finden können.
Angesichts eines solchen detailverliebten Ansatzes verwundert es nicht, dass die Strategie am Ende mit ausgewählten „strategischen Sektoren“ und „Flagship-Projekten“ operiert, anstatt den KI-Stack holistischer zu betrachten und über die Grundbedingungen für einen heimischen KI-Aufschwung zu sprechen. Wenn die Kommission gleichzeitig so unterschiedliche Sektoren wie Landwirtschaft, Verteidigung, Energie und Kultur als Prioritäten definiert, sind am Ende alle Sektoren gleich wichtig – und damit keiner wirklich prioritär. Eine echte Strategie würde Ressourcen bündeln und ein größeres Gewicht auf die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen legen – um somit mehr „kreative Zerstörung“ zu ermöglichen, also jenen Prozess, für dessen Analyse gerade der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde.
Der Weg nach vorn
Europa hat durchaus viel heimische Kompetenz, Hochleistungsrechenzentren und vor allem domänenspezifische Industriedaten für die Entwicklung passgenauer kleiner Modelle und digitaler Zwillinge. Vor diesem Hintergrund hat die neue „Apply AI“-Strategie den richtigen Instinkt: Der Fokus auf praktische Anwendung, KMU-Förderung und Open Source ist goldrichtig. Was fehlt, ist der Mut zur Priorisierung und zur pragmatischen Koordination. Weniger neue Labels, mehr strategische Klarheit.
Anselm Küsters leitet den Fachbereich Digitalisierung und Neue Technologien am Centrum für Europäische Politik (Cep) in Berlin und lehrt als Vertretungsprofessor für Digital Humanities an der Universität Stuttgart.
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