Kryptowährungen : Der Stablecoin-Hype ist eine Gefahr für die Finanzstabilität
Derzeit herrscht ein regelrechter Stablecoin-Hype. Doch der Lobgesang darf nicht über die Risiken hinwegtäuschen, die mit dem Wachstum dieser Kryptowerte einhergehen. Denn Stablecoins sind trotz ihres Namens alles andere als stabil und wachsen zunehmend mit dem traditionellen Finanzsektor zusammen. Das gefährdet die Finanzstabilität, schreiben Carolina Melches und Laura Gaißmaier von Finanzwende Recherche.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Stablecoins, eine spezielle Form von Kryptowerten, sind in aller Munde. Sie sollen den Zahlungsverkehr revolutionieren und in den kommenden Jahren, laut Prognosen, stark anwachsen. Dazu trägt auch Donald Trumps aggressiver Pro-Krypto-Kurs bei. In der Folge wächst der Stablecoin-Sektor stark an. Doch das Wachstum schafft zahlreiche Risiken, insbesondere für die Finanzstabilität. Denn die vergangenen Jahre zeigen, dass Stablecoins alles andere als stabil sind. Durch ihre Ausgestaltung und die zunehmende Akzeptanz über den Kryptosektor hinaus sind sie eng mit dem traditionellen Finanzsektor verflochten.
Stablecoins – wirklich das Geld von morgen?
Stablecoins sind digitale Vermögenswerte auf einer Blockchain. Ihr Wert ist meist im Verhältnis eins zu eins an eine staatliche Währung wie den Euro oder Dollar gekoppelt. Eine Reserve sichert diesen Wert zu 100 Prozent ab. Kombiniert mit dem Versprechen ihrer Herausgeber, die Stablecoins jederzeit zum Nennwert zurückzutauschen, sollen Stablecoins möglichst geldähnlich sein, also stabil und sicher im Wert und universell akzeptierbar.
Entsprechend werden Stablecoins zunehmend als Tauschmittel und Geldersatz genutzt. Vor allem der Kryptosektor spielt eine Rolle. Auf ihn entfallen mehr als neun von zehn Stablecoin-Transaktionen. Außerhalb dieses Bereichs gewinnen sie insbesondere für Heimatüberweisungen (Remittances), als Wertspeicher in Ländern mit volatilen Währungen, sowie im Endkunden- und Unternehmensverkehr an Bedeutung.
Politischer Rückenwind treibt das Wachstum an
Mit US-Präsident Donald Trump bekommen Stablecoins gewichtige politische Rückendeckung, die das Wachstum antreibt. Er verkündete, die USA zur „Kryptohauptstadt des Planeten“ machen zu wollen. Diese politische Kehrtwende gegenüber dem Kryptosektor wurde mit einem neuen Stablecoin-Regelwerk (Genius Act) besiegelt, welches vergleichsweise stark auf Innovation und Wachstum des Sektors abzielt. Mit Erfolg: Seit dem Amtsantritt Anfang 2025 ist der Stablecoin-Sektor weltweit um mehr als 40 Prozent gewachsen und hat seinen Anteil am gesamten Kryptosektor mehr als verdoppelt.
Das Wachstum treibt jedoch auch die beidseitige Verflechtung zwischen dem Kryptosektor und dem traditionellen Finanzsektor an. So hat der zweitgrößte Stablecoin-Herausgeber der Welt, Circle, kürzlich eine Lizenz zur Gründung einer nationalen Treuhandbank in den USA erhalten. Und die US-Kryptobörse Kraken hat als erste Kryptofirma ein Konto bei der US-Notenbank erhalten, wenngleich mit eingeschränktem Zugang. Gleichzeitig beteiligen sich weltweit immer mehr traditionelle Finanzakteure am Stablecoin-Markt. Paypal, JP Morgan Chase und europäische Großbanken wie Crédit Agricole und Société Générale haben bereits eigene Stablecoins herausgebracht und weitere möchten folgen.
Wie Stablecoins zur Gefahr für die Finanzstabilität werden
Die Verflechtung kann zum Problem werden, denn Stablecoins sind, trotz ihres Namens, nicht wirklich stabil. Ohne Zentralbankanbindung beruht die Stabilität des Preises allein auf dem Vertrauen in die Stablecoin-Reserve. Gerät dieses Vertrauen ins Wanken, wie etwa 2023, als die Silicon Valley Bank kollabierte und dort Teile der Reserven lagen, wollen Anleger:innen ihre Coins in Panik loswerden und der Kurs fällt. Um diese Welle an Rücktauschwünschen zu bedienen und den Preis wieder zu stabilisieren, müssen die Herausgeber auf ihre Reserven zugreifen.
Im Krisenfall ist die abrupte Liquidierung der Stablecoin-Reserve der entscheidende Ansteckungskanal in den Finanzsektor. Die EU verlangt, dass bis zu 60 Prozent der Stablecoin-Reserve auf europäischen Bankkonten liegen. Werden diese Einlagen schnell abgezogen, kann das die betroffenen Banken in Bredouille bringen.
Eine Ansteckung droht auch jenseits der Bankeinlagen. Bei US-Dollar-Stablecoins wie Circle und Tether machen kurzfristige US-Staatsanleihen einen so großen Teil der Reserve aus, dass die Herausgeber mittlerweile zu den weltweit größten Nettokäufern dazuzählen. Ein großer Abverkauf dieser Wertpapiere kann die US-Staatsanleihenmärkte belasten, in die auch EU-Banken investiert sind. Dasselbe könnte für Euro-Stablecoins und europäische Anleihemärkte gelten. So kann eine Stablecoin-Krise auf das traditionelle Finanzsystem übergreifen, obwohl die Nutzung bisher in erster Linie im Kryptosektor stattfindet.
Zusätzlich variieren Stablecoin-Regeln zwischen Jurisdiktionen stark. Derselbe Stablecoin unterliegt in der EU und in den USA beispielsweise unterschiedlichen Regeln, etwa bei der Reservezusammensetzung. Das schafft Komplexität und verschärft die Risiken.
Big-Tech-Stablecoins – die wohl gefährlichste Kombination
Big-Tech-Konzerne erhalten mit dem neuen US-Regelwerk ebenfalls die Aussicht auf eigene Stablecoins. Neu ist die Idee nicht. Wegen ihrer massiven Risiken wurden Big-Tech-Stablecoins von Politik, Aufsicht und Zentralbanken schon einmal ausgebremst. Als Meta (damals Facebook) im Jahr 2019 seinen globalen Stablecoin „Libra“ ankündigte, waren die Risiken schlicht zu groß.
Denn die Verbindung von Big-Tech-Konzernen und Stablecoins ist eine explosive Mischung. Ihre enormen Ökosysteme bilden den perfekten Nährboden für ein rasantes Wachstum der Stablecoins. Durch Milliarden Nutzer:innen und starke Netzwerkeffekte könnten Stablecoins schnell systemrelevant werden. Das verschärft die fortlaufende Macht- und Marktkonzentration bei den weltgrößten Technologiekonzernen, die aktuell nicht zuletzt durch ihre massiven, schuldenfinanzierten Investitionen in KI in die Kritik geraten sind.
Die EU muss vorausschauend handeln und schützen
Angesichts der potenziellen Finanzstabilitätsrisiken sollte die EU die Entwicklung des Stablecoin-Sektors genau im Blick behalten. Schon heute besitzt die EU ein umfassendes und vergleichsweise strenges Krypto-Regelwerk, die Mica-Verordnung (Markets in Crypto-Assets). Die Europäische Zentralbank besitzt darin sogar eine De-facto-Verbotskompetenz für einzelne Stablecoins. Doch sollten sich die Wachstumsprognosen für den Stablecoin-Sektor bewahrheiten, reicht das nicht aus.
Auf den Stablecoin-Hype braucht es eine umfassende europäische Antwort. Ein verbraucherfreundlicher digitaler Euro, der eine öffentliche und sichere Alternative im Zahlungsbereich bietet, wäre ein richtiger Schritt. Außerdem sollten Stablecoin-Regelwerke international harmonisiert und Schlupflöcher geschlossen werden, sowie die Potenziale der den Stablecoins zugrundeliegenden Technologie im Finanzbereich ausgeschöpft werden.
Stablecoins sind im Trend, doch ob sich ihr Wachstumspotenzial komplett entfalten wird, ist nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass die EU die Risiken für die Finanzstabilität nicht unterschätzen darf. Schon heute gilt es, Verbraucher*innen zu schützen, technologieoffen zu handeln und Alternativen zu Stablecoins zu unterstützen.
Laura Gaißmaier ist Referentin für Finanzstabilität bei Finanzwende Recherche. Carolina Melches arbeitet als Referentin für Digitalisierung bei Finanzwende Recherche.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden