Drohnen : Deutschland verschläft die nächste Zukunftstechnologie
Bei Drohnen läuft Deutschland einmal mehr Gefahr, in einer Zukunftstechnologie nur Mitläufer statt Gestalter zu sein, kritisiert Gerald Wissel. Der Vorstandsvorsitzende des Branchenverbands UAV Dach fordert rascheres Handeln und politische Entscheidungen, damit die Bundesrepublik den globalen Markt prägen kann.
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Deutschland diskutiert über Digitalisierung, industrielle Souveränität und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Bei einer Schlüsseltechnologie, die all das verbindet, bleiben wir jedoch zu langsam: bei unbemannten Luftfahrtsystemen (kurz: UAV, „unmanned aerial vehicle“). Es geht dabei nämlich nicht um Spielzeug, sondern um eine Zukunftsindustrie, die Wertschöpfung neu ordnet und Resilienz stärkt – in der Infrastrukturinspektion, der Logistik, dem Katastrophenschutz, der Landwirtschaft, bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben sowie zunehmend im Verteidigungskontext. Die Frage ist nicht, ob autonome Systeme kommen. Die Frage ist, ob Deutschland und Europa hier mitgestalten – oder fremde Standards übernehmen.
Technisch ist vieles mit den Geräten bereits sicher und effizient umsetzbar: Inspektionen von Leitungen, Windparks, Schienen und Gebäuden, Transport medizinischer Güter, Versorgung entlegener Orte, Unterstützung beim Bevölkerungsschutz und bei sicherheitsrelevanten Aufgaben. Dennoch bleibt die Skalierung aus – weil wir uns durch Bürokratie, regulatorische Komplexität, fehlende Akzeptanz, mangelnde Industrialisierung und einen Grundsatzfehler selbst bremsen.
Legaler Betrieb muss erleichtert werden
Drohnen sind Luftfahrzeuge. Wer sie primär als Elektronikprodukt behandelt, verfehlt den Kern. Lufttüchtigkeit, Betrieb, Instandhaltung, Qualifikation und klare Verantwortlichkeiten und Verfahren sind kein netter Nebeneffekt, sondern Voraussetzungen für tragfähige Geschäftsmodelle. Genau hier sollten wir auf Bewährtes setzen: Standardisierung, Safety Management, klare Prozesse und kontinuierliche Verbesserung – Stärken, die Europa aus der kommerziellen Luftfahrt seit Jahrzehnten kennt.
Sicherheit bleibt nicht verhandelbar. Problematisch wird es, wenn Regulierung vor allem Komplexität erzeugt: Langwierige Verfahren, kleinteilige Auflagen und hohe Bürokratielasten machen den Regelbetrieb teuer oder unmöglich. Anwendungen werden infolge nicht skaliert oder wandern in andere Märkte ab. Das Leitprinzip muss lauten: so wenig Begrenzung wie nötig – so viel Sicherheit wie erforderlich.
Akzeptanz entsteht nicht durch wohlklingende Werbeversprechen, sondern durch verlässlichen Betrieb. Vertrauen wächst, wenn Regeln gelten, Verantwortung klar zugeordnet ist und Vorfälle nachvollziehbar aufgearbeitet werden. Gleichzeitig braucht es eine klare Trennung zwischen dem legalen, integrierten Betrieb sowie Missbrauch und illegalen Einsätzen auf der anderen Seite. Letztere müssen wirksam erkannt und unterbunden werden, der legale Einsatz hingegen muss erleichtert werden.
Fünf Schritte, um Drohnentechnologie zu nutzen
Ohne Industrialisierung entsteht kein Markt. Prototypen ersetzen keine Serienfähigkeit. Wer zehntausende, kommerzielle UAS-Flüge pro Tag ermöglichen will, braucht standardisierte Plattformen, Massenproduktion sowie professionelle Wartungs- und Ersatzteillogistik. Die Luftfahrt zeigt auch hier den Weg: Plattformen standardisieren, Anwendungen integrieren. Nicht jede sinnvolle Anwendung braucht eine neu entwickelte Drohne – wohl aber ein Ökosystem, das Integration belohnt, statt Redundanz zu fördern.
Was Deutschland jetzt braucht:
- Einen praxistauglichen Ordnungsrahmen für skalierbaren Betrieb. Dazu müssen Standardfälle schneller genehmigt werden, ohne Sicherheitsabstriche und ohne Doppelarbeit.
- Ein belastbares Luftlagebild im unteren Luftraum. Wer legal fliegt, muss sichtbar sein; wer nicht sichtbar ist, muss überprüfbar sein. Ein digitaler, transparenter Luftraum ist eine Grundvoraussetzung für den kommerziellen UAS-Betrieb.
- Eine Industriestrategie für Standardplattformen, Wartung und Logistik, denn Prototypenpolitik ersetzt keine Serienfähigkeit.
- Den Staat als handlungsfähigen Kunden: Öffentliche Beschaffung kann Skalierung auslösen, wenn Anforderungen standardisiert, Verfahren planbar und Programme langfristig sind.
- Ein rechtssicheres, interoperables System zur Identifikation, Detektion und Abwehr illegaler Drohnen würde kritische Infrastruktur schützen. Es gehört zu einem legalen Markt.
Deutschland muss schnell handeln, um den Markt mitzugestalten
Deutschland kann Taktgeber sein – oder Zuschauer. Wir haben Forschung, Ingenieurskunst, innovative Unternehmen und einen großen Markt. Doch gute Voraussetzungen ersetzen keine Entscheidungen. Andere Länder handeln schneller und setzen damit die Standards von morgen. Wer Standards setzt, prägt Märkte; wer zu spät kommt, kauft später zu.
Deutschland sollte diese Branche nicht als Genehmigungsproblem behandeln, sondern als industrie- und sicherheitspolitische Chance. Schließlich sind unbemannte Systeme, wie zu Beginn erwähnt, ein Wirtschafts-, Resilienz- und Souveränitätsthema. Jetzt gilt es, vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb zu kommen – mit klaren Regeln, industrieller Skalierung und dem Mut, Bewährtes aus der Luftfahrt konsequent auf neue Technologien anzuwenden. Innovationen scheitern bei uns selten an Ideen, sondern viel zu oft an Zögerlichkeit und Bürokratie. Das darf sich bei dieser Zukunftstechnologie nicht wiederholen.
Gerald Wissel ist Geschäftsführer der Airborne Consulting GmbH und seit drei Jahren Vorstandsvorsitzender der Association for Unmanned Aviation (UAV Dach). Der im Jahr 2000 gegründete Fachverband vertritt über 200 Mitglieder aus Industrie, Wissenschaft und Forschung.
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