Künstliche Intelligenz : Mehr als nur Geld: VCs als Brückenbauer für Europas KI-Souveränität
Zwischen ambitionierten KI-Strategien und unternehmerischer Realität klafft eine Lücke. Wagniskapital kann diese schließen – als struktureller Brückenbauer zwischen staatlichen Zielen und privatwirtschaftlicher Innovation.
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Ambitionierte Ziele und politische Leitlinien sind das eine – die unternehmerische Praxis etwas anderes. Trotz ambitionierten Zielen, Förderprogrammen und Strategiepapieren fehlen in Europa grundlegende Voraussetzungen für Start-ups, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) in der Fläche erfolgreich sind. Initiativen wie der Europäische Innovationsrat (EIC) oder der Zukunftsfonds der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bleiben oft selektiv, fragmentiert oder zu risikoscheu, um als systemische Kraft zu wirken.
Dabei ist die Ausgangslage vielversprechend: Eine aktive Gründungsszene, starke Forschungseinrichtungen und Investorenaufmerksamkeit existieren bereits. Der Anteil von KI-Start-ups an europäischen VC-Investments stieg innerhalb weniger Jahre von 15 auf 25 Prozent.
Allerdings liegt der europäische Anteil am globalen KI-Finanzierungsvolumen bei nur 15 Prozent – die USA vereinen mehr als die Hälfte des globalen Gesamt-Investments auf sich. Zum Vergleich: Allein Open AI warb 2023 über 13 Milliarden Dollar ein – mehr als alle deutschen KI-Start-ups zusammen.
Die meisten Start-ups scheitern nicht am Geld, sondern an fehlenden strategischen Partnern. Statt echter Zusammenarbeit herrscht vielerorts Koexistenz: Forschungseinrichtungen, Start-ups und etablierte Industrieunternehmen agieren nebeneinander statt miteinander. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten, zersplitterte Datenräume und mangelnder Zugang zu skalierbaren Rahmenbedingungen.
Allianzen besser als Pilotprojekte
Souveränität in der KI entsteht nicht durch Technologie allein. Entscheidend ist, ob es gelingt, Forschung, Anwendung und gesellschaftliche Relevanz sinnvoll zu verbinden. Obwohl die europäische Digitalstrategie hier gerne als Musterbeispiel angeführt wird, bleibt ihre Umsetzung häufig in Pilotprojekten stecken, die weder Brücken in die Wirtschaft schlagen, noch Anschluss an ein globales Skalierungsökosystem haben.
Der nächste Entwicklungsschritt sollte deshalb auf systemische Allianzen setzen, in denen Kapital, technologische Basis und Anwendungsfelder Hand in Hand gehen.
Zentrale Akteure können hier Wagniskapitalgeber (VC) als strukturelle Brückenbauer werden. Statt reiner Kapitalvergabe braucht es gezielte Co-Investitionen mit Industriepartnern, die Marktverständnis, Anwendungswissen und Skalierungsperspektiven einbringen. In Frankreich bündelt die staatliche Förderbank Bpifrance privates und öffentliches Kapital in strategischen Zukunftsbereichen wie KI, Halbleiter oder Cloud – und unterstützt damit gezielt Start-ups in der Früh- und Wachstumsphase über sektorspezifische Investmentvehikel. In Deutschland fehlt ein vergleichbares Modell, das Wagniskapital systematisch in missionsorientierte Innovationen lenkt.
Auch die Industrie gehört zum Netzwerk
Eine mögliche Lösung hier sind Plattformmodelle. Sie können Start-ups frühzeitig in sektorübergreifende Netzwerke einbinden. Internationale VC-Plattformen testen solche Strukturen bereits. Sie verbinden Kapital mit Marktzugang, realen Anwendungsfeldern und technischem Know-how.
Parallel dazu muss Europa eigene souveräne KI-Infrastrukturen aufbauen – Cloud- und Datenplattformen, die mit europäischen Rechts- und Wertevorstellungen vereinbar sind. Das deutsch-französische Projekt Gaia-X zeigt, wie herausfordernd interoperable und datenschutzkonforme Räume sind. Eine wichtige Lehre aus dem Scheitern des Projekts ist aber auch, dass wirtschaftlicher Effekt ohne Start-ups und VCs begrenzt bleibt.
Allerdings müssen auch VCs umdenken: weg vom kurzfristigen Exit, hin zu langfristigen Partnerschaften mit industrieller Tiefe. Europa sollte auf eigene Stärken setzen – industrielle Kompetenz, regulatorische Verlässlichkeit und kooperative Ökosysteme – statt das Silicon Valley zu kopieren.
Moderne Innovationsfinanzierung
Bislang hat Europa den Risikokapital-Bereich noch nicht in seine industriepolitischen Zielsetzungen integriert. Venture Capital könnte dabei eine Brücke sein: zwischen staatlichen Zielen, privatwirtschaftlichem Kapital und technologischer Umsetzung.
Dafür braucht es allerdings Programme für gezielte Co-Investitionen mit strategischen Partnern, mehr Planungssicherheit durch transparente Regulierungen und eine politische Agenda, die Venture Capital als wirksamen Hebel für gesellschaftliche Verantwortung begreift.
Venture Capital kann ein Bindeglied zwischen Technologie, Anwendung und gesellschaftlichem Nutzen von Künstlicher Intelligenz sein. Dazu bräuchte es aber verlässliche Rahmenbedingungen, klare politische Signale und nicht zuletzt ein gemeinsames Verständnis moderner Innovationsfinanzierung.
Es wäre eine Chance für Europa, seine Rolle im globalen KI-Wettlauf eigenständig und nachhaltig zu entwickeln.
Costanza Carissimo leitet das Berliner Büro von Cathay Innovation und verantwortet die DACH-Investitionen des globalen VC-Fonds. Zu ihrem Portfolio gehören Nelly, Resilience.care und Medwing. Vor Cathay war sie bei Cherry Ventures und als Forscherin am Max-Planck-Institut für Physik tätig. Sie hat einen Master in Physik vom Imperial College London.
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