Digitale Souveränität : Politik im Dienst von Big Tech
Kleine und mittlere Unternehmen sehen sich oft unfairen Praktiken großer Plattformen ausgesetzt. Statt endlich zu handeln, hat die EU nun die geplante Digitalsteuer vorerst gestrichen. Es braucht endlich mehr als Absichtserklärungen, schreibt der norwegische Unternehmer Petter Neby.
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Europäische Alternativen zu Big Tech gibt es – ob Suchmaschinen wie Ecosia oder Qwant, Hardwarehersteller wie Gigaset und Nokia oder auch Softwarefirmen wie Apostrophy. Die Marktmacht der Tech-Giganten bleibt dennoch ungebrochen und wächst weiter.
Sie stellen zentrale digitale Infrastrukturen bereit, auf denen ein erheblicher Teil der europäischen Wirtschaft, öffentlichen Verwaltung und Forschung aufbaut. Entscheidend ist deshalb nicht nur das Angebot an Alternativen, sondern vor allem die Rolle der Politik.
Statt eine wirksame Regulierung umzusetzen, unterstützt sie Big Tech oft indirekt – sei es durch gescheiterte Gesetzesinitiativen, geopolitische Rücksichtnahmen oder eine lückenhafte Durchsetzung bestehender Regeln. So verfestigt sich die Dominanz der Konzerne.
Verpasste Chancen in der Digitalbesteuerung
Die EU hat die geplante Digitalsteuer auf Eis gelegt. Statt milliardenschwere Tech-Giganten aus dem Silicon Valley in die Pflicht zu nehmen, konzentrieren sich neue Vorschläge ausschließlich auf Umsätze. Marktstrukturen, Abhängigkeiten oder faire Wettbewerbsbedingungen bleiben außen vor.
Die Debatte über eine Digitalsteuer kommt schon seit Jahren immer wieder auf. Einzelne Mitgliedstaaten wie Frankreich oder Spanien haben längst erste Maßnahmen eingeführt, wie nationale Digitalsteuern. Insgesamt gibt es aber noch sehr viel mehr Veränderungs- und Verbesserungspotenzial.
Alternative Anbieter werden nicht nur steuerlich benachteiligt, sondern auch bei technischen Schnittstellen. Entwickler und Hersteller, die außerhalb der gängigen digitalen Ökosysteme operieren, erhalten oft keinen gleichwertigen Zugang zu zentralen Diensten wie Push-Benachrichtigungen, Standortfunktionen oder Kartendiensten. Ohne diese essenziellen Schnittstellen bleiben alternative Betriebssysteme oder Apps technisch eingeschränkt und damit kaum wettbewerbsfähig. Die mangelnde Interoperabilität wird so zu einer systemischen Hürde, die den Markteintritt neuer Akteure massiv erschwert.
Digitale Monopole bleiben strukturell unangetastet
Statt bestehende Machtstrukturen aktiv aufzubrechen, verharrt die Regulierung in Symptombekämpfung. Viele zentrale digitale Dienste bleiben proprietär und unterliegen der vollständigen Kontrolle einzelner Plattformbetreiber. Zahlreiche Apps sind ausschließlich über gängige App-Stores erhältlich. Außerhalb dieser Plattformen funktionieren sie nur eingeschränkt oder gar nicht. Das benachteiligt nicht nur alternative App-Stores, sondern auch neue Betriebssysteme, die sich der technischen und marktwirtschaftlichen Dominanz der etablierten Anbieter kaum entziehen können.
Hinzu kommt: Kleine und mittlere Unternehmen verfügen in der Regel nicht über die finanziellen oder rechtlichen Ressourcen, um sich gegen missbräuchliche Praktiken großer Plattformen effektiv zu wehren. Bestehende Gesetze bieten ihnen nur unzureichenden Schutz oder greifen zu spät. So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht, das den Wettbewerb verzerrt und Innovation auf lange Sicht hemmt.
Prominente Beispiele aus Europa – wie Beschwerden von Proton Mail, Nextcloud oder Qwant – zeigen, wie selbst etablierte Tech-Unternehmen mit erheblichem Aufwand kämpfen müssen, um überhaupt angehört zu werden. Für kleinere Marktteilnehmer gilt häufig: Rückzug oder Anpassung, statt Innovation und Wettbewerb.
Mehr Vielfalt im digitalen Ökosystem
Immerhin verändern sich die Dinge. Immer mehr Menschen und Unternehmen hinterfragen die starke Abhängigkeit von wenigen dominanten Plattformen. Das Bewusstsein für Datenschutz, faire Wettbewerbsbedingungen und digitale Souveränität wächst. Entsprechend steigt auch das Interesse an Alternativen – sei es bei der Wahl des Smartphones, der Suchmaschine oder der genutzten Cloud- und Kommunikationsdienste.
Neue Anbieter setzen dabei auf Transparenz, offene Standards und Nutzerorientierung. Auch wenn Alternativen bisher überwiegend Nischen bedienen, gewinnen sie an Aufmerksamkeit und schaffen wichtige Impulse für mehr Vielfalt im digitalen Ökosystem.
Trotz zahlreicher politischer Initiativen und regulatorischer Debatten bleibt der Einfluss von Big Tech in Europa weitgehend ungebrochen. Weder steuerliche Maßnahmen noch technologische oder rechtliche Rahmenbedingungen setzen wirksam Grenzen. Statt echte Alternativen zu fördern und Wettbewerb aktiv zu ermöglichen, werden Abhängigkeiten immer noch vervielfacht.
Wenn Europa digitale Souveränität ernst meint, benötigt es mehr als Absichtserklärungen. Es braucht mutige, konsequente und durchsetzbare Maßnahmen, die Machtverhältnisse nicht nur verwalten, sondern ändern. Dafür sind politischer Wille, langfristige europäische Kooperation sowie gezielte Investitionen in Technologie, Talente und Infrastruktur unverzichtbar.
Petter Neby ist ein norwegischer Unternehmer. Mit 17 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen in Norwegen. 2008 gründete er die Firma Punkt in der Schweiz, um einen alternativen Anbieter für Konsumgüterelektronik zu schaffen.
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