EU-Pläne für KI-Entwicklung : Schneller, größer, grüner – ein gefährlicher Mythos
Die EU-Kommission will mit ihrem AI Continent Action Plan Europa zur KI-Führungsmacht machen. Doch der Plan offenbart fundamentale Widersprüche zwischen Wettbewerbsambitionen und Nachhaltigkeitszielen. Während Tech-Giganten wie OpenAI und Google diese Unklarheiten geschickt für ihre eigenen Zwecke nutzen, der EU fehlt eine Vision.
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Im April veröffentlichte die EU-Kommission den „AI Continent Action Plan“ (AI-CAP). Das erklärte Ziel: Europa soll im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz (KI) die Führungsrolle übernehmen. Dabei soll nachhaltiges Wachstum gesichert und zugleich eine demokratischere KI gefördert werden. Der Plan verspricht eine dringend benötigte Vision für die Rolle der KI in Europa, doch die Ziele lassen zu viel Raum für Unklarheiten.
Eine wesentliche Spannung entsteht zwischen den Wettbewerbs- und Demokratisierungsbestrebungen der EU. Zwar betont der Plan die Notwendigkeit demokratischer Schutzmaßnahmen bei der Entwicklung von KI – gleichzeitig fordert er jedoch schnelles Handeln, um das wirtschaftliche Potenzial der Technologie zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit auszuschöpfen.
Ein weiteres Spannungsfeld betrifft die Umweltziele der EU. Die enormen Umweltkosten von KI-Entwicklungen im Hinblick auf Energieverbrauch werden in dem Dokument nur gestreift, während das Potenzial für KI für das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele besonders hervorgehoben wird. Und das, obwohl der energetische Bedarfszuwachs durch KI die Ziele aus dem „Green Deal“ gefährden könnte.
Wer legt die Bedingungen fest?
Der AI-CAP legt einen zentralen Widerspruch offen: Will die EU so schnell wie möglich „größere“ KI oder will sie eine möglichst nachhaltige, demokratische KI? In seiner jetzigen Form weckt der Plan aufgrund seiner Unklarheit unrealistische Erwartungen an die Zukunft der KI in Europa.
Wenn die EU eine nachhaltige und demokratische KI-Infrastruktur schaffen möchte, muss sie zwei entscheidende Fragen beantworten:
- Welche Leitplanken sind für eine faire und verantwortungsvolle Nutzung von KI erforderlich – selbst wenn die Einhaltung solcher Werte die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen könnte?
- Welche Grenzen will die EU dem derzeit ungebremsten Wachstum der KI setzen, angesichts ihres immensen Ressourcenbedarfs und der damit verbundenen Klimafolgen?
Da Europa bislang keine klaren Prioritäten für die KI-Entwicklung formuliert hat, können US-amerikanische Big-Tech-Unternehmen ihre wirtschaftliche und diskursive Macht nutzen, um ihre eigenen Interessen in Europa durchzusetzen. Mit dem Versprechen, dass die EU alles auf einmal haben könne – größere, schnellere, grünere und bessere KI – nutzen Tech-Unternehmen die diskursiven Unschärfen, um sich fälschlicherweise als „Unterstützer“ der europäischen KI-Agenda zu präsentieren.
Die diskursive Flexibilität von Open AI
Zum Beispiel Open AI: Am 7. April 2025 veröffentlichte die Firma den Bericht „EU Economic Blueprint“. Darin wird skizziert, wie die EU das Wachstum der KI sichern, ihre Vorschriften verschlanken und das Potenzial der Technologie in allen Sektoren maximieren könne – angeblich im Einklang mit europäischen Werten. Damit positioniert sich OpenAI als konstruktiver Partner der EU-Politik.
Blickt man über diese rhetorischen Schmeicheleien hinaus, fällt auf, wie stark der Bericht den Aussagen von Sam Altman widerspricht. Der CEO von OpenAI sprach am 8. Mai vor dem US-Senat von seinem Traum, „die ganze Welt auf einen US-Stack zu bringen“. Diese Anhörung offenbarte eine unverblümtere Version der Unternehmensagenda – frei von jeder Erzählung eines „von, in und für Europa“.
Googles mäandernde Klimavision
Googles PR-Aktivitäten zeigen eine ähnliche Ambivalenz. In derselben Woche, in der Open AI seinen Europa-Bericht veröffentlichte, stellte Google die Roadmap „The AI Opportunity for Europe’s Climate Goals“ vor. Sie adressiert gezielt die „grüne“ Mission der EU und zeigt auf, wie KI sowohl zur Senkung der CO₂-Emissionen als auch zur Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität beitragen könne.
In den USA verbreitete der Alphabet-Konzern ganz andere Botschaft. In seiner Roadmap „Powering a New Era of American Innovation“, veröffentlicht im Mai 2025, wird KI ausschließlich als Motor für wirtschaftliches Wachstum dargestellt. Weder Klimakrise noch Nachhaltigkeit werden erwähnt – stattdessen betont der Bericht „reichlich vorhandene Ressourcen“, die weiteres Wachstum ermöglichen sollen.
Diese auf die USA zugeschnittenen Botschaften von Open AI und Google finden ein Echo in dem im Juli erschienenen Regierungsdokument „Winning the Race: America’s AI Action Plan“. Dessen Motto „Build, Baby, Build“ lehnt „radikale Klimadogmen und bürokratische Hürden“ ab. Weder die ökologischen Kosten des rasanten KI-Wachstums noch die gesellschaftlichen Folgen in den USA und anderswo werden thematisiert. Regierung und Big Tech verfolgen dort gemeinsam eine Agenda des grenzenlosen Wachstums. Die Frage bleibt: Kann und will die EU diesem Wettlauf nach unten etwas entgegensetzen?
Die EU kann nicht alles haben
Die Versprechen der großen Technologieunternehmen, KI-Infrastrukturen zugleich schneller, nachhaltiger, demokratischer und wettbewerbsstärker zu machen, klingen zu schön, um wahr zu sein – und sind es auch. Ihre Behauptungen bleiben vage und ignorieren die massiven CO₂-Emissionen, die diese Unternehmen verursachen. Eine größere und schnellere KI ist schlicht nicht vereinbar mit einer grüneren und besseren KI. Dass die Rhetorik der Tech-Konzerne dennoch verfängt, liegt auch daran, dass der EU-Aktionsplan selbst keine klaren Prioritäten setzt und nicht definiert, wie „besser“ oder „grüner“ konkret zu erreichen wäre.
Änderungen sind notwendig
Für die EU-Kommission bedeutet das, nachzuarbeiten: Erstens muss die EU festlegen, was eine demokratische und verantwortungsvolle Nutzung von KI ausmacht – auch wenn dies wirtschaftliche Nachteile bedeutet.
Zweitens sollte der derzeitige Fokus auf „größer und schneller“ zugunsten eines Rahmens „besser und grüner“ verschoben werden, der Quantität (größer) gegen Qualität (besser) und Geschwindigkeit (schneller) gegen Nachhaltigkeit (grüner) abwägt.
Drittens muss anerkannt werden, dass ein ungebremstes Wachstum der KI mit den Klimazielen der EU unvereinbar ist.
Solange die EU an einer „Alles-oder-nichts“-Vision festhält, reproduziert sie – trotz ihrer kritischen Haltung gegenüber Big Tech und auch ihren Regulierungsambitionen – den Traum des Silicon Valley: eine energiehungrige KI-Zukunft, dominiert von US-Unternehmen.
Grüne Bedingungen für KI-Infrastrukturen
Die EU sollte deshalb einen zweckorientierten Ansatz entwickeln und Bedingungen für die KI-Entwicklung formulieren, die sich an der Realität der Klimakrise orientieren. Ein solcher Zukunftsplan erfordert nicht nur klare Zielvorgaben und eine kohärente Richtung, sondern auch eine kontinuierliche Überwachung während Entwicklung und Umsetzung.
Die EU kann nicht alles haben: Größere und schnellere KI bedeutet nicht automatisch bessere und grünere KI. Es ist Zeit für eine Vision, die den Irrtum solcher Versprechen anerkennt und den Paradigmenwechsel wagt – weg vom Wettlauf, hin zu einem Ansatz, der auf den demokratischen Werten Europas und ihrem Plan für einen gerechten, grünen und digitalen Wandel basiert. Inspiration könnten Konzepte wie digitales Degrowth, „Conditional Computing“ oder digitale Suffizienz bieten.
Europa sollte seine regulatorische Stärke nutzen, um ein demokratisches und nachhaltiges KI-Ökosystem zu schaffen – statt Tech-Unternehmen die Bedingungen für die Zukunft der KI diktieren zu lassen oder dem Druck zur Deregulierung nachzugeben. Um zu verhindern, dass EU-Politik von Unternehmensnarrativen vereinnahmt wird, sollten die Vorteile eines werteorientierten KI-Ansatzes in allen politischen Dokumenten klar formuliert werden – beginnend mit dem AI-CAP.
José van Dijck ist Universitätsprofessorin für Medien und digitale Gesellschaft an der Universität Utrecht in den Niederlanden und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit sozialen Medien, Medientechnologien und öffentlichen Werten der Online-Welt.
Rianne Riemens ist Postdoktorandin am Institut für Medien- und Kulturwissenschaften der Universität Utrecht in den Niederlanden und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Big Tech und Klimazukunftsszenarien.
Eine längere Version dieses Artikels erschien bei „Techpolicy.press“.
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