Debatte um Mindestalter : Sichere soziale Medien brauchen mehr als Altersgrenzen

Ralph Hertwig
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David Grüning
David Grüning
Ralph Hertwig und David Grüning vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Foto: Nico Wöhrle, David Grüning

Soziale Medien machen süchtig, weil sie so designt sind. Es gibt bereits zahlreiche App-Angebote, die dabei helfen, die Bildschirmzeit zu regulieren. Deutschland ist hier sogar Marktführer. Allerdings müssen Plattformen erst gezwungen werden, sich für diese Drittanbieter-Apps zu öffnen.

von Ralph Hertwig, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung & David Grüning, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

veröffentlicht am

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Nur eine Sekunde. Länger dauert es nicht, bis der Daumen Instagram geöffnet hat. Oft passiert das, bevor man überhaupt merkt, was man macht. Was aber passiert, wenn man genau diesen Automatismus unterbricht? Forscher der Uni Heidelberg und vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gingen dem nach. Das Ergebnis: Schon eine kurze Pause, einmal tief einatmen, senkt die App-Öffnungen nach sechs Wochen um knapp 60 Prozent. Ohne Verbot, ohne Zwang.

Es ist hinreichend bekannt, dass Social Media nicht süchtig machen muss, sondern dass die Plattformen es nur so bauen. Sie haben Aufmerksamkeit zur Ware erklärt und Kinder sind suchtfördernden Algorithmen und Funktionen wie Endlos-Scrollen oder Autoplay mangels voll entwickelter Impulskontrolle besonders ausgeliefert. Verständlicherweise fordern Eltern, Lehrkräfte und auch vermehrt Kinder und Jugendliche selbst daher ein Eingreifen der Politik.

Vorreiter Australien setzt sich nicht durch

Vergangene Woche kündigte Familienministerin Karin Prien (CDU) nun an, dass ein gesetzliches Mindestalter schon ab nächstem Jahr kommen soll. Vergangenes Jahr erließ Australien als Vorreiter ein pauschales Verbot und besserte aufgrund gemischter Erfahrungen prompt nach: Die Definition wurde auf Netzwerke mit sucht-fördernden Funktionen beschränkt. Bald sollen australische Nutzer ein Recht darauf haben, Empfehlungsalgorithmen komplett abzustellen. In Deutschland empfahl die Leopoldina vergangenes Jahr schon ein Verbot für unter 13-Jährige und eine altersgerechte Ausgestaltung für Ältere. Auch die Expert:innenkommission, einberufen von der Familienministerin, bekräftigte den Handlungsdruck. Auf EU-Ebene schlug Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit dem EU Kids Act einen ähnlich gestuften Ansatz vor, der Endlos-Scrollen, manipulative Feeds und Push-Nachrichten für Minderjährige beschränkt.

Pauschale Ansätze, wie sie Australien zunächst wählte, zeigen gemischte Evidenz und scheinen sich nicht durchzusetzen. Eine differenzierte Regulierung wie der EU Kids Act braucht jedoch Zeit. Priens Übergangslösung trägt dem Rechnung und handelt schneller. Zur Vorstellung betonte sie, dass diese den Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe vereinen soll. Ihr Ansatz für Befähigung und Teilhabe beschränkt sich jedoch auf eine klassische Ausweitung von medienpädagogischen Maßnahmen und ein dem Schwimmabzeichen nachempfundenes „KI-Seepferdchen“. Dass viele Kinder, Jugendliche und Eltern nicht auf Gesetze warten, sondern längst selbst handeln, kommt zu kurz.

Mehr Kontrolle ist gewünscht

Die Nachfrage nach wissenschaftlich fundierten Hilfsmitteln zur eigenständigen Moderierung von Social-Media-Konsum steigt gerade enorm. Deutschland ist hier sogar Marktführer: Hierzulande entwickelte Apps wie One sec, Myranda, Use Less, Social Hope oder Offtime helfen Millionen Menschen, ihre Bildschirmzeit auf ein gesünderes Maß zu senken. Allein bei One Sec sind rund 15 Prozent der Nutzenden unter 18. Bei der US-französischen App Opal sollen 70 Prozent der Nutzenden Schüler:innen oder Studierende sein. Hochgerechnet ist davon auszugehen, dass schon jetzt Millionen Jugendliche in Deutschland ihren Konsum moderieren wollen und dafür existierende Apps nutzen.

Diese Drittanbieter-Apps leisten, was Prien fordert: Weitreichende Befähigung. Sie öffnen Nutzer:innen einen Weg, die Kontrolle über ihr Verhalten zurückzubekommen und ermöglichen damit eine gesündere Teilhabe. Das zentrale Problem: Plattformen können diesen Apps jederzeit den Riegel vorschieben. Den Entwicklern fehlt bislang jede Rechtssicherheit.

Plattformen müssen sich für Drittanbieter öffnen

Statt nur darauf zu pochen, dass Plattformen sich selbst reformieren, sollten wir sie zur Öffnung für Drittanbieter verpflichten. Es ist widersprüchlich, ausgerechnet jenen Unternehmen, die den Jugendschutz jahrelang vernachlässigt haben, weiterhin das Monopol auf sicheres Design zu überlassen. Der Wettbewerb um die besten Schutzkonzepte muss direkt auf den größten Plattformen stattfinden. Der Hebel dazu heißt Interoperabilität. Über standardisierte Schnittstellen könnten unabhängige Entwickler ihre Schutzprogramme direkt und dauerhaft in Plattformen integrieren.

Die Grundlagen dafür existieren bereits. Der EU Kids Act sieht vor, dass die sogenannten „guardian tools” plattformübergreifend und systemimmanent funktionieren müssen. Auch die Experten:innenkommission des Bundesfamilienministeriums fordert eine Öffnung der Netzwerke für europäische Innovationen. Noch schneller ginge es über das existierende Zugangsrecht im Digital Markets Act (Art. 6 Abs. 7 DMA). Es müsste lediglich von Betriebssystemen und Messengern auf soziale Netzwerke ausgeweitet werden.

Wer Kinder wirksam schützen will, muss auch jene schützen, die ihnen heute schon helfen. Die Werkzeuge sind da, die Entwickler haben geliefert. Nun ist es an Ministerin Prien und der Bundesregierung, bei Teilhabe und Befähigung zielorientiert und ehrgeizig zu denken.

Ralph Hertwig ist Direktor des Centers für Adaptive Rationalität am Max Planck Institut für Bildungsforschung sowie Mitglied der Leopoldina für die er auch das letztjährige Diskussionspapier zum Zusammenhang von sozialer Mediennutzung und der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen mitschrieb. Ralphs Forschungsschwerpunkt liegt in der psychologischen Untersuchung von Entscheidungsprozessen und wie man diese verbessern kann.

David Grüning ist Postdoc am Max Planck Institut für Bildungsforschung, sowie der University of Cambridge und Stanford University. Er berät als wissenschaftlicher Direktor die deutschen Safety Tech Apps One Sec, Structured & Myranda, sowie alternative Plattformen Sparkable, Secent, und Ponds. Außerdem sitzt er im wissenschaftlichen Vorstand des Pro Social Design Networks, welches wissenschaftliche Evaluationen von Social-Media-Architektur verbreitet.

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