Digitale Souveränität : Warum Alleingänge den Neustart der BOS-Kommunikation gefährden
Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sollen ein neues, modernes Funknetz bekommen. Dafür brauchen wir angesichts zunehmender Krisenlagen eine schnelle und effiziente Lösung. Denn dieses Mal muss die Umsetzung gelingen. Alles andere können wir uns unter aktuellen Voraussetzungen kaum leisten.
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Europa diskutiert dieser Tage in Berlin auf höchster politischer Ebene über seine digitale Souveränität. Damit eng verknüpft ist die Sicherheitslage der Mitgliedstaaten der EU. Währenddessen müssen in Deutschland Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Notärzte und Teile der Bundeswehr ein 30 Jahre altes Kommunikationssystem nutzen, das ausschließlich einsatzkritische Sprachkommunikation ermöglicht. Einsätze streamen, Live-Bilder und Standorte in Echtzeit teilen: Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sollten alle technischen Möglichkeiten moderner Kommunikation im Einsatz nutzen können. Es geht um Tempo und Sicherheit – jeden Tag, bei jedem Einsatz.
Echte mobile Breitbanddienste bietet aktuell nur der klassische Mobilfunk. BOS stehen sie lediglich als Insellösungen einsatzunterstützend zur Verfügung. Was für jeden einfachen Mobilfunknutzer hierzulande selbstverständlich ist, bleibt für diese Institutionen im Kern weiter Zukunftsmusik.
Sichere Konnektivität ist systemrelevant
Angesichts zunehmender Bedrohung durch Cyberkriminalität und hybride Kriegsführung sowie einer wachsenden Anzahl klimatischer Großereignisse ist sichere und stabile Konnektivität für sicherheitsrelevante Dienste systemrelevant. Entscheidend ist dabei eine einsatzkritische Breitbandversorgung, die mehr kann, als nur unterstützen – sie muss zentrale Funktionen wie Live-Videostreams, Drohnensteuerung oder Datenkommunikation cybersicher, jederzeit und überall ermöglichen. Rund um die Uhr, und das bei einem großflächigen Stromausfall oder einem Anschlag auf Teile der digitalen Infrastruktur. Die technischen Möglichkeiten des 5G-Netzes können hier als Gamechanger wirken. Telemedizin, Drohneneinsätze bei Bränden oder vernetzte Sensorik im Katastrophenfall sind damit schon heute Realität.
Die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) hat jetzt einen neuen Anlauf genommen, um ihren Funkdienst auf einen zeitgemäßen Standard zu bringen. Sie will ein eigenbeherrschtes Kernnetz aufbauen und die Zugangsnetze bestehender Mobilfunkbetreiber nutzen. Dazu soll noch 2026 eine Ausschreibung erfolgen. In einem weiteren Schritt erwägt die BDBOS ein eigenes Breitband-Zugangsnetz mit einem exklusiven Frequenzbereich im UHF-Band bei 470 bis 694 MHz in Teilen aufzubauen. Um digitale Dienste schrittweise zu integrieren, wird in den nächsten Jahren ein Parallelbetrieb von Tetra und Breitbandlösungen notwendig sein.
Vorhandene Stärken nutzen
Parallel zu drei voll ausgebauten nationalen Funknetzen ein eigenes Breitbandnetz aufzubauen, würde eine immense finanzielle und organisatorische Kraftanstrengung bedeuten. Mehrere zehntausend Basisstationen müssten in ganz Deutschland errichtet werden – und das zusätzlich zu den bestehenden Netzen. Ein vollständig neues Netz mit höchsten Sicherheitsanforderungen lässt sich nicht in kurzer Zeit realisieren – und angesichts der aktuellen Haushaltslage fehlen auch die finanziellen Mittel.
Was wir brauchen, ist eine pragmatische und effiziente Lösung – besser heute als morgen. Deutschland verfügt bereits über drei sehr leistungsfähige Mobilfunknetze, die weitgehend flächendeckend schnelle Datendienste bereitstellen. Ein zentrales, autonom betriebenes Kernnetz für BOS soll auf diese bestehenden Netze zugreifen. Solch eine Lösung erhöht die Verfügbarkeit, Resilienz und Sicherheit für die Einsatzkräfte deutlich – ohne ineffiziente Doppelstrukturen zu schaffen.
Kooperation statt Doppelstrukturen
Die bestehenden Mobilfunknetze – mit unterschiedlichen Infrastrukturen, Systemlieferanten und Standorten – bieten im wahrsten Sinne Netz und doppelten Boden. Sie liefern maximale Kapazitäten und ermöglichen eine Mehrfachabsicherung, die deutlich höhere Ausfallsicherheit bietet als ein einziges proprietäres Netz. Hinzu kommt: Netzbetreiber verfügen über eigene Wiederherstellungsstrategien, Krisenteams und Backup-Systeme – ein Plus an Stabilität und Manpower, von dem die BOS unmittelbar profitieren.
Über ein selbstkontrolliertes Kernnetz können die BOS priorisierten und geschützten Zugang zu den bestehenden Mobilfunknetzen erhalten – etwa über Network Slicing. So stehen ihnen reservierte und skalierbare Kapazitäten mit besonderen Anforderungen an Latenz, Sicherheit und Verfügbarkeit bereit. Diese Lösung kombiniert staatliche Kontrolle mit privatwirtschaftlicher Leistungsfähigkeit – effizient, resilient und zukunftsfähig. Ein zentral gesteuertes Kernnetz mit Zugriff auf alle Mobilfunknetze ist damit der pragmatische Weg zu einem modernen BOS-Kommunikationssystem – und ein entscheidender Schritt hin zu mehr digitaler Souveränität.
Alle Netzbetreiber arbeiten mit Hochdruck an Lösungen für den sicheren BOS-Funk. Werden diese Kompetenzen gebündelt, entstehen Synergien, Kostenvorteile und höhere Flexibilität. Das gilt auch für Cybersicherheit: Die Telekommunikationsunternehmen verfügen über wertvolles Know-how und erprobte Schutzmechanismen. Auch bei Krisenvorsorgeprojekten – etwa zur Netzstabilität im Blackout-Fall – entstehen derzeit zukunftsweisende Kooperationen mit öffentlichen Partnern.
Zusammenarbeit ist der Schlüssel
Deutschland kann aus den Erfahrungen früherer Digitalprojekte lernen. Die Länder bringen wertvolle Erfahrungen und gewachsene Strukturen ein – gerade im Bereich der Gefahrenabwehr. Doch ein Flickenteppich aus Einzelinitiativen auf Länderebene oder bei einzelnen Sicherheitsdiensten würde eine bundesweit abgestimmte Sicherheitsarchitektur erschweren. Was es jetzt braucht, ist eine zentrale, koordinierte Lösung, die die Expertise der Länder einbindet und gleichzeitig schnell handlungsfähig ist.
Wenn die Telekommunikationsunternehmen zusammenarbeiten, entsteht eine Lösung, die besser, schneller und kosteneffizienter ist. Und die eines sichert, worum es im Einsatz jeden Tag geht: Menschenleben und gesellschaftliche Stabilität. Ein gemeinsamer Weg schafft die Grundlage für nachhaltigen Erfolg.
Alfons Lösing ist Vorstandsmitglied der Telefónica Deutschland Holding AG und der Chief Partner und Wholesale Officer des Konzerns. Er verantwortet in dieser Funktion das Geschäft rund um Partnerschaften und innovative Geschäftsmodelle.
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