Fachkräftemangel : Wer am Bafög spart, gefährdet Deutschlands KI-Zukunft

Rahel Schüssler
Rahel Schüssler, Referentin für Bafög beim freien Zusammenschluss von Student:innenschaften Foto: privat

Studieren wird für viele junge Menschen zur finanziellen Belastungsprobe. Das hat Folgen für Deutschlands digitale Zukunft. Denn ein Bafög, das die Lebenshaltungskosten nicht deckt und viele Studierende zur Erwerbsarbeit neben dem Vollzeitstudium zwingt, verschärft soziale Ungleichheit. Es drohen jene Fachkräfte zu fehlen, die Deutschland für Digitalisierung, KI und Technologieforschung dringend braucht, schreibt Rahel Schüssler vom freien Zusammenschluss von Student:innenschaften.

von Rahel Schüssler, Freier Zusammenschluss von Student*innenschaften

veröffentlicht am

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Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Statistische Bundesamt Zahlen, die ein politisches Alarmsignal sein müssten: Es beziehen so wenige Studierende die Ausbildungsförderung Bafög wie zuletzt 2000. Wer daraus schließt, jungen Menschen gehe es so gut, dass sie kaum Unterstützung brauchen, irrt. Studierende sind überdurchschnittlich häufig von Armut bedroht.

Wenn ich über diese Armut spreche, höre ich häufig: „Lehrjahre seien keine Herrenjahre“. Ich wünschte, der zu hohe Anspruch wäre das Problem. Doch die Armut ist nicht nur eine gefühlte: Haupttreiber sind die Mieten. Im bundesweiten Schnitt kostet ein WG-Zimmer 512 Euro, eine Schimmelfreiheit ist nicht inkludiert. Ohne Obdach lässt sich schwer lernen. Auch die freie Hochschulwahl ist begrenzt: Neben der Zulassungsbeschränkung sind viele Studiengänge nur an ausgewählten Standorten vorhanden.

Bildung wird zum Luxusgut

Hinzu kommen Lebenshaltungskosten, Lernmaterialien und Technik – ein funktionierender Laptop, der nicht bei studienrelevanten Programmen abstürzt, ist Grundvoraussetzung. In einem zunehmend digitalisierten Studium ist das keine Nebensache. Hinzu kommen Pflichtexkursionen, (unbezahlte) Praktika oder kostenpflichtige Weiterbildungen nach dem Abschluss. All das muss man sich leisten können.

Diese soziale Frage ist eng verknüpft mit der Frage der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. In Deutschland wird immer lauter ein Fachkräftemangel beklagt. Durch die Akademisierung von Ausbildungen wie bei den Hebammen braucht es immer mehr Studierende. Doch auch originär akademische Berufe wie Ärztinnen, Lehrer, Forscherinnen und Ingenieure werden wir in Zukunft brauchen. Ebenso benötigt die digitale Transformation gut ausgebildete Fachkräfte. Doch Studieren ist längst eine Frage des Geldbeutels.

Wer es sich nicht leisten kann, fehlt später in der Technologieforschung. Das wiederum führt zur Gestaltung von Algorithmen und einem Technikumgang, der soziale Ungleichheit verstärkt. Die sinkenden Zahlen zeigen keine schrumpfende Ungleichheit, sondern, dass nur Bruchteile der Bedürftigen erreicht werden. Das Bafög ist auch deshalb unattraktiv, weil die Politik die Lebensrealität junger Menschen verkennt.

Ein Vollzeitstudium ist kein Nebenjob

Ursprünglich angedacht, um die Chancengleichheit zu erhöhen, müsste das Bafög als ergänzendes Instrument zur Sicherung einer Fachkräfteinfrastruktur gedacht werden. Als Bildungsministerin Dorothee Bär (CSU) Ende Mai proklamierte, Studierende sollten kein „Vollkaskostudium“ erwarten, und dazu aufrief, nebenbei zu jobben, machte mich diese fehlende Weitsicht sauer.

Es wurde eine Faulheit unterstellt, die nicht zu den Zahlen passt. Zwei Drittel der Studierenden sind bereits in Lohnarbeit. Das ergab die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks von 2021. Die wenigsten davon arbeiten ausschließlich, um neben dem Studium Erfahrungen zu sammeln. Arbeit ist vielmehr Bedingung der Existenzsicherung. 12 Stunden pro Woche sind es im Schnitt, neben dem Vollzeitstudium. Ein Studium, das mittlerweile so verschult ist, dass es kaum Randzeiten zulässt.

Und einfach länger studieren? Instrumente wie das Bafög selbst sind an die Regelstudienzeit gekoppelt. Wer studieren möchte, kann nur begrenzt nebenbei arbeiten. Und vielleicht sollte man noch ergänzen, dass mit dem geplanten Wegfall von Minijobs in seiner jetzigen Form, vielen die Zuverdienstgrundlage entzogen würde.

So zeichnet sich ein Bild: weniger Zeit für Prüfungen, Hausarbeiten, Praktika und Forschung. Und auch der kompetente Umgang mit Technologien braucht Zeit. Ein Gefälle entsteht, indem der (gute) Abschluss für viele erschwert wird. Wer Fachkräfte will, muss dafür sorgen, dass alle jungen Menschen die Möglichkeit eines erfolgreichen Studiums haben.

Jetzt schnell?!

Nach dem monatelangen Hin und Her der Reform soll sie nun kommen: Der Referentenentwurf ist jüngst im Kabinett gewesen. Kein Grund zur Freude. Das beschleunigte Verfahren wirkt, als ob man keine ernsthafte Überprüfung zulassen möchte. Die Verbände hatten weniger als 72 Stunden Zeit, den Entwurf zu prüfen und Stellung zu beziehen.

Gleichzeitig steigt die Wohnkostenpauschale erst zum Sommersemester 2027 – und reicht bereits heute nicht aus, um ein WG-Zimmer zu bezahlen. Die Bedarfssätze werden erst bis 2029 vollständig angehoben. Die verpflichtende Online-Antragstellung löst keine Probleme. Lange Bearbeitungszeiten entstehen durch unzureichende personelle Ausstattung, unterschiedliche Digitalisierungsstände der Länder und zu komplexe Verwaltungsabläufe.

Eine wirkliche Digitalisierung ist nicht umsetzbar. Im Entwurf sind zudem Änderungen enthalten, die vorab nicht kommuniziert wurden: So auch der vollständige Wegfall des Wohnzuschlags für Studierende, die bei ihren Eltern leben. Dass man sich die Miete teilt, weil das Geld an allen Ecken fehlt, scheint außerhalb der Vorstellungskraft der Koalition.

Das Bafög erscheint heute wenig attraktiv: Man verschuldet sich und kann dennoch notwendige Kosten nicht decken. Abiturient:innen fragen sich: „Kann ich mir ein Studium überhaupt leisten?“ Die Bundesregierung verpasst es, eine Investition in die Zukunft zu tätigen: in Bildung, soziale Teilhabe und eben auch in Fachkräfte.

Zukunftsfähig zu werden, bedeutet auch, Herausforderungen der Gegenwart ernstzunehmen. Künstliche Intelligenz und Technologien brauchen Forschende. Es ist fatal, dass Deutschland sich seiner Fachkräfte der Zukunft beraubt. Wir müssen all diese Themen größer diskutieren und schauen, welche Stellschrauben wir neben dem Bafög wieder festzurren.

Rahel Schüssler ist Referentin für Bafög und studentisches Wohnen beim freien Zusammenschluss von Student:innenschaften. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Uni Bonn und der Uni Aarhus. Seit diesem Semester studiert sie Geographie ebenfalls in Bonn. Seit einigen Jahren ist Schüssler in der Hochschulpolitik aktiv.

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